Eins, zwei und… drei!“ Und schon wirbelt die 20 Monate alte Sophie an den Händen ihrer Mutter Shirley Brill durch die Luft. Die großen braunen Augen leuchten, das kleine Mädchen kann gar nicht genug bekommen – und auch die israelische Klarinettistin strahlt an diesem sonnigen Nachmittag in Kreisau: „Eins, zwei und…“
Glücksgefühle der besonderen Art. Zahlreich zu beobachten auf den Gesichtern der drei Dutzend Musiker, die hier im niederschlesischen Nirgendwo zwischen Eulengebirge, Vorgebirgslandschaften und dem 230-Seelen-Dorf Krzyzowa zum zweiwöchigen Kammermusikfest von Nachwuchstalenten und gestandenen Profis aus mehr als einem Dutzend Staaten zusammengekommen sind: Freudestrahlend liegen sie sich in den Armen nach einer Mozart-Sonate, lachen und diskutieren hautnah beim Abendessen im ehemaligen Gutsspeicher oder tanzen fröhlich Polonaise durch die Gänge des Gutshauses.

Künstler am Existenzminimum

Stimmungen und Bilder aus einer anderen Zeit. Corona ist fern in diesen Tagen, Masken und Abstände sind kein Thema – Dank des Hauptsponsors Centogene. Das Rostocker Biotechnologie-Unternehmen hat einen Test für den SARS-CoV-2-Erreger entwickelt, dem sich alle Musiker und Festivalmitarbeiter wie auch die rund 40 dauerhaften Proben- und Konzert-Gäste nicht nur vorab unterzogen haben, sondern dessen Testkit mit Spatel und Probenröhrchen für den Rachenabstrich nun auch in Kreisau zweimal in der Woche bei allen erneut zum Einsatz kommt. Ein Konzept, das eng mit den polnischen Gesundheitsbehörden abgestimmt ist und an dessen Ende rund 1000 Corona-Tests stehen: allesamt negativ.
Doch nicht allein deshalb ist die Stimmung auf dem einstigen Gut in Niederschlesien positiv. „Ich habe noch nie so einen Haufen dankbarer Musiker erlebt wie hier“, sagt Erika Geldsetzer. Eigentlich hatte die Geigerin des international gefragten Fauré Quartetts 2020 das 25-jährige Jubiläum ihres Ensembles feiern wollen, Touren in die USA und nach Japan waren geplant – doch dann kamen die Viren und mit ihnen die Absagen. Nun eröffnet Krzyzowa-Music ihr die erste Auftrittsmöglichkeit seit Monaten – und wieder ein Einkommen: Denn wie fast alle freiberuflichen Kollegen hat die Rheinländerin im vergangenen halben Jahr kein einziges Konzerthonorar verzeichnet. Klar, dass Zukunftssorgen in Kreisau ein Thema unter den Musikern sind: „Musik und Kultur sind immer abhängig von der Wirtschaftslage“, analysiert Geldsetzer ganz nüchtern.

Vorbild aus den USA

Doch im Moment überwiegt das Glück des gemeinsamen, unbeschwerten Musizierens in der internationalen Jugendbegegnungsstätte. „Das hat die Gruppe noch mehr zusammengeschweißt – gerade weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass wir hier wie in alten Zeiten zusammen sein können“, sagt Viviane Hagner. Als künstlerische Leiterin hatte die Geigerin mit Matthias von Hülsen, Gründungsintendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, 2015 erstmals dieses Festival in der polnischen Provinz veranstaltet. Pate gestanden hat ein Festival in Marlboro im US-Bundesstaat Vermont, wo allsommerlich Nachwuchstalente und Profis Kammermusiken erarbeiten. „Musik aus Kreisau. Für Europa“ heißt es nun: Ist doch der polnische Ort eng mit der Geschichte verbunden, initiierte hier Helmuth James von Moltke – ein Onkel von Hülsens – mit seiner Frau Freya in den Jahren 1942/43 den „Kreisauer Kreis“, um den Widerstand gegen Hitler zu organisieren und Pläne für eine neue Gesellschaftsordnung nach dem Krieg zu schmieden.
Europäische Gedanken, die sich in diesen Tagen nicht allein im Programm widerspiegeln – wo sonst lassen sich Trios von Arno Babajanian und Grazyna Bacewicz entdecken oder ein träumerisch-sinnliches Werk wie das Klavierquintett von Amy Beach?! – sondern auch im begleitenden Symposium, das sich dem Thema „Solidarität“ unter Künstlern widmet. Per Video-Live-Schaltung des russischen Cellisten Alexej Stadler nach Minsk wird eine Kreisauer Solidaritätsadresse auf die dortige Demonstration gegen Staatschef Alexander Lukaschenko gesandt. Und als kurz darauf per Mail ein Hilferuf aus dem Umfeld des von der belarussischen Polizei willkürlich verhafteten und brutal misshandelten Pianisten Ashot Drnayan-Barouski eingeht, ist sofort klar, dass die Konzerteinnahmen des Abends dem Tastenkollegen zufließen.

Labor für den Kulturbetrieb

Musik und Politik lassen in Kreisau Corona tatsächlich für ein paar Stunden, ja Tage in den Hintergrund treten. Dass zudem von Hülsen zum Festival-Abschluss noch mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für sein „langjähriges herausragendes ehrenamtliches Engagement“ geehrt wird, unter den Musikern im Schloss Kreisau für Jubel. Und so fällt denn auch sein Fazit nach diesen zwei Wochen fern von Corona zuversichtlich aus: „Wir sind ein kleines Labor, das zeigt: Wenn sich die Leute testen lassen, wären Abstand und Masken kein Thema mehr in Konzerten.“
Noch scheint dies eher wie Zukunftsmusik – und auch Hagner ist sich vor dem Aufbruch der Kreisauer Musiker zu einer Spätsommertour nach Warschau, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bewusst: „Es wird uns allen schwer fallen, von dieser Insel der Glückseligen in das andere Leben zurückzukehren.“Mehr zum Porgramm hier:

Ein Corona-Test für Musiker und Publikum


Die Berliner Philharmoniker nutzen inzwischen auch den Corona-Test von Centogene für ihre Musiker und arbeiten mit dem Unternehmen an einem Konzept, wie das Publikum in solche Testungen integriert werden könnte. Centogene prophezeit, dass die aktuell je nach Land zwischen 60 und 200 Euro liegenden Testkosten bald auf fünf bis neun Euro sinken. red