Neun Tage, um eine neun Millionen Stadt zu erkunden - das war für meine Familie, die mich in Wuhan besucht hat, sehr turbulent. Haben sie am ersten Tag noch über die gehetzte Taxifahrt ohne den sicheren Dreipunktgurt gestaunt, war es für sie am letzten Tag der Reise schon so normal wie das Essen in den vielen Straßenrestaurants.
Zu einem unserer Höhepunkte wurde ein deutscher Konzertbesuch. An einem wunderschönen, klaren Abend konnten wir uns in Wuhan von dem Können des Kölner Ensembles überzeugen. In China gibt es natürlich immer ein paar Dinge, die anders sind: Während man in Deutschland davon ausgehen kann, dass der Weg zu den Konzerthäusern ausgeleuchtet ist, mussten wir in Wuhan regelrecht danach suchen. Auch wenn alles andere dort in prächtigen Farben leuchtet, gehörte das Konzerthaus nicht dazu. Tatsächlich wurde erst eine Stunde vor Beginn der Vorstellung der Hauptschalter betätigt, um den Gästen den Weg zu weisen. Und dann sahen wir ihn, den gigantischen Bau, der sich entlang Yangtse-Flusses erstreckt.
Auf dem Weg dorthin begegneten uns ausschließlich deutsche Künstler, die auf großen Plakaten ausgestellt waren. Skulpturen von Beethoven, Mozart und Bach schmückten das Panoramafenster der Eingangshalle. Ein wenig verloren fühlten wir uns vor der Bühne. Diese war riesig groß, ebenso wie der Zuschauerraum. Wie ein Flughafenterminal erschien uns die Eingangshalle. Dort gab es keinen roten Teppich oder Bedienstete in Frack, die für das Abreißen der Karten zuständig waren. Auch keine Garderobe war in Sicht - niemand, der unsere Mäntel entgegennahm. Aber die wollten wir eh lieber anbehalten, denn zu dieser Jahreszeit ist es in den öffentlichen Einrichtungen oftmals genau so kalt wie draußen. Es gibt keine Heizungen. Und egal wie groß und edel der Bau erscheint, abgeschlossen werden die Bauwerke auch nicht.
Beobachtet wurden wir bei der Vorstellung von Aufpassern, die ein Schild mit der Aufschrift: "Don´t applaud during the movement!" (Bitte nicht während der Vorstellung applaudieren) hochhielten. Aufpasser deshalb, weil sie während der kompletten Vorstellung in den Gängen standen, um etwa das Fotografieren des Publikums zu verhindern. Da kann es schon mal vorkommen, dass man plötzlich einen roten Punkt auf seinem Handy oder seiner Hand hat. Ein Laserpointer, der einen davon abhalten soll, einen Schnappschuss zu landen.
Diese Nebensächlichkeiten taten der Musik allerdings keinen Abbruch. Für mich war es das wunderbarste Konzert, das ich in China bisher erleben durfte. Ein grandioses Ensemble und ein toller Übersetzer, der das Publikum unterhaltsam durchs Programm führte. Ein Zufall erlaubte es mir nach dem Konzert sogar den Pianisten des Ensembles kennenzulernen und ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Mittlerweile musste ich meine Familie wieder verabschieden. Aber die Freude auf unser Wiedersehen ist groß.