Wenn die Menschen in Corona-Zeiten nicht zu den Denkmälern kommen können, dann kommen die Denkmäler eben in deren Wohnstuben – via Bildschirm. Der Tag des offenen Denkmals findet in diesem Jahr, am 13. September, vor allem im Internet statt. Denkmäler digital entdecken, lautet das ungeschriebene Motto. Die Parks, Schlösser, Fachwerkbauten, Industrieanlagen und Kirchen treffen mittels Fotoserien, 3-D-Rundgängen, Videos und Podcasts zu Hause ein. Niemand muss – womöglich virenbelastete – Türgriffe anfassen, enge Stufen hinabsteigen oder den Kopf einziehen, wenn der Raum nur eine beschränkte Höhe hat. Eine bequeme Entdeckungsreise vom Sofa aus – so wirbt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Und spricht von einem riesigen Experiment, von einer großen Chance für die Denkmalpflege.

Mit einem Klick nach Pforzheim

Die digitale Herangehensweise bietet zweifellos Vorteile. Zum einen ist der an Denkmälern interessierte Besucher nicht auf die eigene Region festgelegt, sondern kann sich gemütlich von der Couch aus in allen Ecken Deutschlands umschauen. Ein paar Klicks genügen. Es hat gewiss seinen Reiz, von Schwedt oder Seelow aus via PC etwa nach Pforzheim zu reisen. Dort wurde die Schlosskirche St. Michael innen wie außen digital vermessen und fotografiert. Jedes noch so winzige Detail wird sichtbar: die Wasserspeier an der Außenfassade, die Fürstengräber, die Figuren, die im Dunkeln des Kirchenraumes liegen. Zum anderen sind viele Denkmäler wie Gewölbe und Kirchtürme nicht barrierefrei, was im Internet keine Rolle spielt.
Doch bedarf es wirklich eines Tages des offenen Denkmals, um digitale Formate zu präsentieren? Ganz ehrlich: Das ließe sich auch an jedem anderen Tag des Jahres bewerkstelligen. Das Netz kennt keine Schließzeiten.

Der Duft von frischem Holz

Traditionell lebt der Denkmaltag von der hautnahen Erkundung eines normalerweise nicht zugänglichen Denkmals. Er profitiert zuvorderst von den persönlichen Begegnungen vor Ort, den Gesprächen, den Fachsimpeleien mit Restauratoren, Denkmalpflegern, Handwerkern, engagierten Vereinen. Und ja, dieser Tag lebt von den sinnlichen Eindrücken, dem Duft nach frischem Holz, dem modrigen Geruch in dunklen Grüften, dem Herzpochen und Lungenstechen, wenn man nach zig knarrenden Stufen endlich die Kirchturmspitze erreicht hat und den grandiosen Ausblick genießen kann. All diese emotionalen Erfahrungen können digitale Destillate nicht ersetzen. Das virtuelle Reinschnuppern öffnet keine Denkmäler, es bleibt letztlich nur ein Schlüssellochgucken.