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Der Potsdamer Maler Hans Pfleiderer bannt auf Papier, was nachts zu ihm kommt - seit fast 20 Jahren. Mit seiner Kunst will er nicht zwingend Geld verdienen. Freiheit sei wichtiger, sagt er / Von Antje Scherer

Ein Traum pro Tag

HANS PFLEIDERER vor seinen "Traumbildern".
HANS PFLEIDERER vor seinen "Traumbildern". © Foto: Christine Kisorsy
Antje Scherer / 05.07.2013, 16:22 Uhr
Berlin (MOZ) Die knallbunten Typen mit den Tierköpfen haben etwas von einer Kinderzeichnung, daneben hängt eine zarte Frauengestalt vor einem rosafarben grundierten Hintergrund, der an Chagall erinnert, andere Arbeiten lassen an den wilden Basquiat denken. Kann das hier alles von ein und demselben Maler sein? "Manche stören sich daran, dass mein Stil so uneinheitlich ist", sagt Hans Pfleiderer in der Galerie Uno in Neukölln. "Das macht aber nichts." Er wirkt entspannt.

Dem 56-Jährigen kann egal sein, was andere denken: Diese Art Bilder malt er nicht für den Markt. Sie sind zwar - bis auf wenige Lieblingsarbeiten - verkäuflich, aber seine Brötchen verdient er anderweitig. "Für bestimmte Erwartungen zu produzieren widerspricht der Kunst", findet er. "So lange ich leben kann, ist Geld nicht so wichtig." Mehr wert sei ihm die Freiheit, vieles im Leben selbst zu bestimmen.

Sich Zeit zu nehmen etwa, für den Stoff aus dem die Bilder entstehen: seine Träume. Jeden Morgen kritzelt er gleich früh Stichworte und Skizzen in ein Notizbuch, später malt er sie dann mit Ölfarbe auf Papier aus. "Man darf sich nach dem Aufwachen nicht bewegen", sagt er, "sonst ist alles weg." Manchmal kann er seine eigene Schrift später kaum noch lesen.

"Felltier fällt vom Balkon", steht zum Beispiel in seinem einfachen Skizzenbuch, oder "Fahrkartenkontrolle. Trinke 3 Liter Wasser". Einen kleinen Berg dieser Kladden hat er in seiner Wohnung in Potsdam im Regal liegen. "An denen hänge ich. Ich hab noch nie eine weggeworfen."

Am liebsten malt Pfleiderer im Sitzen auf dem Boden, an die Heizung gelehnt. Fast jeden Tag entsteht auf diese Weise ein 50 mal 70Zentimeter großes Bild - seit fast 20 Jahren. Stapel davon hat Pfleiderer inzwischen, auch wenn es einige Sammler gibt, die immer wieder eins entführen. Tägliche Disziplin ist ihm vertraut, als Schüler besuchte der talentierte Läufer ein Sportinternat.

Unabhängig vom Thema und der Technik wirken die Bildergeschichten, die aus diesen nächtlichen Splittern entstehen, zuallererst lebendig und ungekünstelt. In die Schublade "Art brut" passen sie vielleicht am ehesten; vor allem aber zeichnen sie sich durch das konsequente Beharren auf etwas Eigenes aus.

Traumhaft im Sinne von freudvoll sind sie oft nicht. Neben poetischen Sequenzen finden sich auch Horror, Trieb und Angst. Manches ist Alptraum oder nur leicht verfremdete Realität. So wird auf einem Bild ein knallroter Mensch von einem Luxuswagen angefahren, im Hintergrund erahnt man das Kanzleramt. Der Titel lautet "Bon Etat" (etwa: in gutem Zustand oder auch "guter Staat").

Zwingt man Pfleiderer, selbst etwas über seine Arbeit zu sagen, stapelt er gern tief - die Sache mit den Träumen sei einfach praktisch, meint er. "Da brauche ich nie lange nach einem Thema suchen." Auch sei die "Malerei" in der Regel schnell erledigt. "Ich grundiere auf Vorrat und dann suche ich aus, was passt." Künstlerallüren sind ganz offensichtlich nicht seine Sache.

Sein Geld verdient der 56-Jährige mit Unterricht. Er lehrt an der Medienschule Babelsberg Mathe, Sport und den Umgang mit Grafikprogrammen. Zeichenkurse gibt er nicht. Jüngere Kinder im Malen zu unterrichten, kann er sich schon gar nicht vorstellen: "Was sollte ich denen beibringen? Ich könnte ihnen höchsten die Ideen klauen." Denn das sei das Schwierigste, findet er - wieder zu verlernen, dass man malen kann.

Pfleiderer schafft das nicht ganz - auch wenn etliches in seinen Arbeiten nach Kinderkunst aussieht, ist da doch der sichere Strich, ein Auge für Proportionen und die Gestalt und ein Gespür für Farbe. "Naja, manchmal kommt es eben durch", sagt er pragmatisch.

Studiert hat Hans Pfleiderer an der Kunsthochschule Kassel. "Das war gut", sagt er rückblickend. "Ich hatte viel Zeit, wir kamen in Kontakt mit den Dokumenta-Künstlern, und sonst hat man mich machen lassen." Kalligrafie, erinnert er sich, habe ihn damals besonders fasziniert. Aber auch das Interesse für Video und Fotografie stammt aus dieser Zeit.

Sein Name verrät noch, wo er ursprünglich herkommt: Pfleiderer - das klingt nach Spätzle und Maultaschen. Der gebürtige Stuttgarter wohnt aber schon so lange in Berlin und Potsdam, dass er sich von der aktuellen Schwabenschelte nicht betroffen fühlt. Zwischendurch hat er mehrere Jahre auf Ibiza und in Amsterdam gearbeitet.

Neben den Traumbildern fotografiert er und macht außerdem noch eine ganz andere Art Kunst - großformatige Porträts, die sich wie ein Mosaik aus vielen winzigen Flächen zusammensetzen. "Das sind dann Auftragsarbeiten für Geld." Zuletzt hat er so einen Kopf für mehrere Tausend Euro in die Schweiz verkauft. Auch fürs Fernsehen hat er schon gearbeitet. "Ich hab ganz gerne Brotjobs. Meine Bilder male ich, weil ich es für mich machen will - und irgendwie auch muss."

Sein Atelier hat der Potsdamer im Kulturhaus Schöneberg. Er pflegt aber auch seit vielen Jahren Kontakte mit Kollegen aus ganz Brandenburg, etwa mit der Gersdorfer Malerin Christine Hielscher. "Das begann schon vor der Wende durch gemeinsame Bekannte. Ich hatte immer das Gefühl, in der Ost-Kunstszene kennen sich alle."

Was ihn antreibt? "Ich möchte abends zufrieden sein", sagt Hans Pfleiderer schlicht.

Die Märkische Oderzeitung hat Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich für den Brandenburgischen Kunstpreis 2013 zu bewerben. Über die Vergabe der in Kooperation mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg verliehenen Auszeichnungen entschied eine Jury unter Leitung von Chefredakteur Frank Mangelsdorf.

Der Preis für Malerei ging in diesem Jahr an Helge Leiberg für "Dante, Divina Commedia". In der Kategorie Grafik siegte Matthias Friedrich Muecke mit seinem originalgrafischen Buch "Surabaya-Johnny"; Knuth Seim bekam die Auszeichnung im Bereich Kleinplastik für seine Sandsteinarbeit "Wohin?". Zudem ist zum sechsten Mal der Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, für ein Lebenswerk verliehen worden. Preisträger ist der Rangsdorfer Maler Ronald Paris. Das von der Ministerin für Kultur, Sabine Kunst, ausgelobte Förderstipendium ging an den Cottbuser David Lehmann.

Im Schloss Neuhardenberg ist derzeit eine Ausstellung mit den Preisträgerarbeiten sowie einer Auswahl der eingereichten Werke zu sehen.

Bis 4. August, Di-So 11-19 Uhr, Schloss Neuhardenberg

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