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Kunst statt Staatskarossen

Nada Weigelt / 16.08.2016, 19:37 Uhr
Berlin (dpa) Die DDR-Fahrbereitschaft in Berlin-Lichtenberg war ein hoch geheimer Ort. Einst wurden dort die Limousinen gepflegt, die SED-Größen und Staatsgäste durch den Arbeiter- und Bauernstaat chauffierten. Es gibt Garagen, Saunaräume und eine Kegelbahn, das noch original möblierte Casino verströmt gehobenen DDR-Charme. Seit drei Jahren betreibt der Berliner Kunstsammler Axel Haubrok da ein höchst ungewöhnliches Kreativprojekt.

Er hat das 20000 Quadratmeter große, heruntergekommene Gewerbegelände erworben. Zwischen Mietern wie Kfz-Werkstatt und Arbeiter-Samariter-Bund, Architekt und Dachdecker zeigt er in nach und nach renovierten Räumen Ausstellungen aus seiner Sammlung. "Weil ich selbst so begeistert bin, versuche ich, diese Begeisterung auf andere zu übertragen", sagt der 65-jährige gebürtige Westfale.

Haubrok hat sich gemeinsam mit seiner Frau Barbara auf Konzeptkunst spezialisiert - eine besondere Herausforderung für Sammler. Denn oft geht es dabei gar nicht um das Werk selbst, sondern um das Konzept dahinter. "Als wir vor 30 Jahren anfingen, war es erst einmal so, wie jeder anfängt - mit Bildern für die Wand zu Hause", erzählt Haubrok. "Aber wir wollten nicht Kunst sammeln wie Briefmarken. Mich hat etwas anderes gereizt."

Inzwischen ist die Sammlung zu etwas geworden, das "auch die Grenzen des Sammelns auslotet", wie Haubrok es nennt. Mehr als 1000 Werke sind es, darunter auch bloße Zertifikate, Arbeiten, die aus nichts bestehen, und Dinge, die kaum vernünftig unterzubringen sind. Von Florian Slotawa etwa, dessen Kunst durch das immer neue Anordnen von Alltagsgegenständen entsteht, gehört ein gesamter Hausrat dazu - inclusive eines VW Golfs, einer Waschmaschine und zweier Bügelbretter.

Gut ein Dutzend der bedeutendsten Werke sind in eine Stiftung eingebracht, um die Arbeit langfristig zu sichern. Wichtige Künstler der Sammlung sind Jonathan Monk, Christopher Williams, Heimo Zobernig, Haegue Yang, Martin Boyce, Carol Bove und Wade Guyton. Die meisten von ihnen kennt Haubrok persönlich, oft verbindet sie eine gemeinsame Geschichte. Und: Gekauft wird nicht nach Gusto, sondern nach Themen oder Themenräumen. "Da ist immer viel Strategie dabei und nicht einfach nur: Was finde ich schön und was möchte ich gern haben?"

Lange Zeit hat sich Haubrok hauptberuflich allerdings mit ganz anderen Dingen beschäftigt. In den Zeiten des Aktienhypes gründete er eine Firma, die Unternehmen an die Börse begleitete. Später organisierte er mit einer Dienstleistungsgesellschaft die Hauptversammlungen anderer Firmen. Im vergangenen Jahr verkaufte er das gutgehende Geschäft und widmet sich seither der Entwicklung der "Fahrbereitschaft" in Lichtenberg im tiefsten Berliner Osten.

Herzstück sind die wechselnden Ausstellungen auf dem Gelände. Zuletzt war die Schau "BRD" zu sehen, die gleich mehrere beispielhafte Werke vorstellte. Dazu gehört die Spielzeugsammlung, die der Künstler Hans-Peter Feldmann in seinem früheren Laden zusammengetragen hat - inclusive Merkel-Kopf in rotem Waschzuber als Zitruspresse. Oder die Arbeit "Raufaser" von Karin Sander, die zur Erinnerung an den Mief der alten Bundesrepublik einen frisch verputzten Raum wieder zutapezierte. Und Isa Genzkens überdimensionales "Ohr" im Treppenhaus, das an die Spitzelei zu DDR-Zeiten erinnert.

Begeistert wie ein Kind führt Haubrok durch seine Schätze. Am Sonnabendnachmittag ist der Besuch kostenlos, gegen Geld lassen sich jederzeit Führungen buchen. "Es ist ja eine Kunst, von der man nicht auf den ersten Blick sagen kann, es ist Kunst", so der Sammler. "Deshalb ist es gut, wenn man es den Leuten erklärt."

Allerdings soll die "Fahrbereitschaft" kein Elfenbeinturm werden. Zwar gibt es in den einstigen Garagen etwa 20 bis 25 Künstler- und Kreativateliers. Doch als Mieter sind Haubrok mittlerweile kleine Handwerksbetriebe fast lieber. So nimmt die Autolackiererei Skulpturen in Auftrag, eine Spezial-Druckwerkstatt fertigt hochwertige Kunstdrucke, bald zieht eine Rahmenfabrik ein.

Überall stehen die Türen offen, es gibt gemeinsame Veranstaltungen, demnächst ist als Treffpunkt eine Kantine geplant. "Wir wollten einen Ort schaffen, der funktioniert", sagt der 65-Jährige. "Ich finde es schön, dass man im Alter so etwas noch auf die Beine stellen kann."

www.haubrok.org

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