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Interview
"Fußball ist eben irrational"

Fußball-Experte Marcel Reif (l-r), Daniel Berg, Thomas Helmer, Michael Ballack, Christian Falk und Ivo Hrstic sitzen bei der Fußball-TalkrundeDoppelpass:
Fußball-Experte Marcel Reif (l-r), Daniel Berg, Thomas Helmer, Michael Ballack, Christian Falk und Ivo Hrstic sitzen bei der Fußball-TalkrundeDoppelpass: © Foto: picture alliance / Sport1/Getty
Jan-Henrik Hnida / 26.03.2018, 14:22 Uhr - Aktualisiert 26.03.2018, 14:41
Berlin (MOZ) Es gibt unzählige Bücher mit Fußballsprüchen - und es gibt die trockene Sprachtheorie. Was fehle, sei eine unterhaltsame Sprachanalyse, meint der Autor Christoph Marx. In seinem Buch "Der springende Punkt ist der Ball" geht der 47-jährige Berliner Sprüchen wie "Flasche leer" auf den Grund. Darüber und über seine eigene Fußballbegeisterung hat der Bayern-Fan mit Jan-Henrik Hnida gesprochen.

Herr Marx, für welchen Fußballverein schlägt denn Ihr Herz?

Ich komme aus München und bin deshalb geografisch vorbelastet - Bayern München. Wenn man einmal mit zehn Jahren mit der Fahne in der Fankurve stand, dann bekommst du das nicht mehr raus - bei aller Kritik am heutigen Fußball, für die sicher auch Bayern steht. Das ist halt das Schöne - Fußball ist eben irrational.

Das merkt man auch Ihrer Spruchsammlung im Buch an.

Genau. Diese Aussagen versuchen, etwas Irrationales zu fassen - aber: Fußball ist keine Mathematik, wie Karl-Heinz Rummenigge mal sagte. Es lässt sich nicht alles planen. In Interviews und Expertenrunden wird später zwanghaft versucht, Spiele systemtheoretisch einzufangen.

Selbst Trainer scheitern ja daran - wie der "Logiker" Thomas Tuchel.

"Wenn konsequent, dann konsequent konsequent." Es muss alles perfekt sein. Tuchel steht für diese Tendenz der Verwissenschaftlichung des Fußballs. Die Vorstellung, es müsste alles vorausgedacht werden, mit fünf Trainerstäben, Videoanalysen. Und trotzdem kann dann alles beim Spiel am kaputten Rasen scheitern. Dazu passt der oft akademischere neue Trainersprech. Der Ausdruck "polyvalente Spieler" etwa - also Spieler, die auf verschiedenen Positionen einsetzbar sind. Oder auch "gegen den Ball spielen" - mein Gott, man hat halt früher "den Zweikampf gesucht".

Hat diese Verwissenschaftlichung zugenommen?

Auf jeden Fall. Das liegt aber auch an den geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Inzwischen ist ja oft die Vorberichterstattung länger als das Spiel selbst - auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Das eigentliche Spiel findet irgendwie am Schluss statt. Das Über-den-Fußball-Reden hat an Bedeutung zugenommen, und Sätze können eine enorme Eigendynamik entwickeln. Der Spruch von Ex-Profi Mehmet Scholl etwa, der als Experte über Mario Gomez salopp sagte, dass er aufpassen müsse, sich nicht wund zu liegen. Über das Spiel hat danach keiner mehr geredet. Es wurde wochenlang noch über den Spruch gesprochen - völlig losgelöst von der eigentlichen Aktion. Kein Wunder also, dass viele Fußballer nur noch mit Vorsicht Interviews geben und sich auf nichtssagende Phrasen wie "Herausforderungen suchen" oder "Von Spiel zu Spiel sehen" zurückziehen.

Sehen Sie da eine Entwicklung in der Fußballsprache?

Der Trend ist: Abgeschliffen reden, Diplomatensprech - es wird politischer. Dass man möglichst wenig Angriffsfläche bietet. Teilweise werden Spieler medial manchmal wie Politiker behandelt. Der Konflikt zwischen Amerika und Nordkorea steht etwa in Boulevardmedien oft auf derselben Ebene wie der Ballsport. Da wären die Spieler ja schön blöd, den Medien und sozialen Kommunikationskanälen Kanonenfutter mit unabsehbaren Folgen zu liefern.

Die Sprache passt sich dem Bedeutungszuwachs an, den der Fußball bekommen hat. Sie wird vorsichtiger.

Und die Fansprache - gibt es da auch Veränderungen?

Früher ging es sehr viel härter zu: "Hängt den Schiedsrichter auf!" Das ist heute praktisch nicht mehr im Stadion zu hören. "Kuttenträger" gibt es auch kaum mehr; Relikte vergangener Zeiten. Dafür ist die Fanszene kreativer geworden. Mit "Steht auf, wenn ihr Schalker seit" hat es begonnen - nach dem Popsong "Go West" der Pet Shop Boys. Das wurde umgedichtet. Oder später auch "Biene Maja" in Dortmund.

Wie schätzen Sie die heutigen Moderatoren im Radio und Fernsehen ein?

In den 70er- und 80er-Jahren, also vor dem Sprung in die Kommerzialisierung durch den Verkauf der TV-Rechte, wurden nur drei Spiele in der Sportschau gezeigt. Da musste man bis 18 Uhr warten, ob diesmal vielleicht der Lieblingsverein gezeigt wird. Die Moderationen waren besonders nüchtern und zurückhaltend. Meistens wurden nur die Spieler genannt. Heutzutage wird mehr emotionalisiert. Das Tor ist "geil", selbstverständlich - man versucht, den Zuschauer vor dem Bildschirm mitzunehmen. Das Produkt will ja auch verkauft werden - täglich.

Mit mehr als 200 Seiten ist Ihr Buch ja schon zu einem Werk der Fußballsprache geraten. War das beabsichtigt?

Das ist sicher ein bisschen mehr geworden, als gedacht. Der Duden-Verlag und ich wollte das Phänomen Fußballsprache seriös, aber vor allem unterhaltsam darstellen. Ich habe einiges an Fachliteratur gewälzt und das mit meinen Beobachtungen und Erfahrungen aus Funk und Fernsehen verbunden. Es gibt zahllose Spruchsammlungen, weil die Phrasen witzig sind. Aber warum sind sie so witzig? Welche Merkmale machen sie witzig? All das kann man in meinem Buch mit einem Schmunzeln beim Lesen erfahren. Und am Ende gibt es das gute alte Duden-Wörterbuch von A bis Z.

Waren ältere Quellen reicher an Fußballsprache?

Wohl schon. Die Sprüche waren sicher origineller, anarchischer. Heute passiert das eher unbeabsichtigt, wie "Ich kann ja nichts dafür, dass er genau dahin rennt, wo ich hingegrätscht habe" von Neven Subotic. Das ist aber richtig genial. Solche Perlen sind heute seltener, weil die Sprache der Spieler kontrollierter geworden ist. Bei den Journalisten ist es eher andersrum, die Sprache ist kreativer geworden, habe ich den Eindruck - wegen des Konkurrenzdrucks durch die sozialen Netzwerke vermutlich.

Ein Teil des Buches widmet sich auch den Politikern.

Die Regierenden nutzen oft Fußballsprache. Man will sich so verbünden mit der Bevölkerung - wie sagte Thomas Oppermann noch vor einigen Wochen so schön wie voreilig: "Wir wollen der Regierung die Bude voll ballern." Also typischer Bolzplatz-Jargon. Die Bildhaftigkeit, Volksnähe und die Lockerheit kommen bei vielen gut an, und man versteht es. Und Metaphern haben gleichzeitig immer den Vorteil des Uneindeutigen, sie sind Interpretationssache, und deshalb für Politiker oft auch unverfänglich.

Haben Sie ein Lieblingszitat?

Na klar. Sehr gut gefällt mir: "Niemand ist perfekt, auch der Ball nicht" von Olaf Thon. Absolut sinnfrei, aber das auf eine lustige Art. Noch origineller: "Nichts ist scheißer als Platz zwei." Sprachlich wurde hier der Komparativ innovativ erweitert vom Holländer Eric Meijer. Und es trifft den zentralen Punkt: Im Endeffekt kommt es aufs Gewinnen an. Punkt.

Wer soll Ihr Buch lesen?

Jeder, der sich für Fußball interessiert und der gerade im WM-Jahr mitreden will, wenn alle wieder über Fußball sprechen. Es ist einfach und verständlich geschrieben, keine Fachliteratur. Und Fußballsprache ist ja auch in die Alltagssprache eingegangen. Nehmen Sie die wundersame Metapher wie "Flasche leer" von Giovanni Trapattoni. Vorher gab es dieses Sprachbild ja nicht. Und heute ist es allgemein üblich, jemanden so zu nennen, wenn er/sie schlecht arbeitet oder spielt.

Oder "Ich habe fertig" - grammatikalisch falsch, aber in den allgemeinen Sprachschatz längst eingegangen. Interessant auch der Mischmasch in unserer globalen Sportwelt: "Don't frag mich Meisterschaft." Eine englisch-deutsche Mischung. Diese Internationalisierung gab es früher natürlich noch nicht. Sprache ist ein lebendiger Organismus, der sich immer weiterentwickelt. Auch im Fußball.

Christoph Marx: "Der springende Punkt ist der Ball", Duden-Verlag,208 S., 10 Euro

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