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Gisbert Amm
Lyrik als Geschäftsidee

Gisbert Amm betreibt in Joachimsthal ein Lyrikhaus
Gisbert Amm betreibt in Joachimsthal ein Lyrikhaus © Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 06.06.2018, 08:00 Uhr
Joachimsthal Überall in Brandenburg entsteht Kultur. Doch nicht alle „Kulturmacher“ stehen permanent im Rampenlicht. Wir wollen in loser Folge einige von ihnen vorstellen.

„Ich habe immer gesagt: Irgendwann mache ich einen Laden auf, da gibt es nur Gedichte“, sagt Gisbert Amm. Eine hübsche, aber weltfremde Idee – so mag es scheinen. Doch seit zwei Jahren ist sie Wirklichkeit. Im Mai 2016 hat Amm sein Lyrikhaus eröffnet – und zwar nicht in einer Stadt wie Berlin, wo es für alles eine Nische gibt, sondern im kleinen Joachimsthal (Barnim).

Einige Stufen führen in einen großen Ladenraum. Regale an den mit Lehm verputzten Wänden, Gedichtbände auf den mit weißen Tüchern bedeckten Holztischen. In den Büchern stecken kleine gelbe, handbeschriebene Preisschilder. Am hellen Lehmgrundofen in der Ecke kann man in Gedichtbänden stöbern. Er wärmt im Winter und ist im Sommer angenehm kühl. Gisbert Amm, der ursprünglich aus dem Thüringer Wald stammt und 2009 mit seiner Frau aus Karlsruhe in den Barnim gezogen ist, hat seine Idee verwirklicht. „Um die Behauptung in den Raum zu stellen, dass ein Lyrikhaus funktionieren kann.“ Hinter dieser selbstbewussten Behauptung steckt viel Arbeit: Zweieinhalb Jahre schuftete er jedes Wochenende, um das Gebäude ökologisch mit Naturstoffen zu sanieren.

Der studierte Theaterwissenschaftler arbeitet unter der Woche als Informatiker in Berlin. Freitags, samstags und sonntags hingegen findet man ihn im Lyrikhaus. Klingt, als pendele er zwischen gegensätzlichen Welten. Amm aber erkennt Parallelen: „Wenn man formal strenge Gedichte schreibt, ist das auch eine Art Programmierung.“ Schon als Jugendlicher hat er sich für Gedichte interessiert – und auch selbst welche verfasst. Fünfmal war er beim Poetenseminar in Schwerin, einem von der FDJ organisierten Schreibseminar. Später jedoch geriet das Dichten in den Hintergrund. „Nach der Wende habe ich weitgehend aufgehört.“ Der Impuls, wieder anzufangen, sei durch den Joachimsthaler Künstler Holger Barthel gekommen, eine tragende Säule des Lyrikhauses. Der Freund jedoch starb unerwartet noch vor der Eröffnung.

Nun hält Gisbert Amm das gemeinsame Projekt am Leben – mit großer Unterstützung seiner Frau. „Das ist für die ganze Familie ein Kraftakt.“ Mit Freunden betreibt er außerdem das Kulturhaus Heidekrug. „Wir versuchen hier, den Ort ein bisschen kulturell zu beleben.“ Im Lyrikhaus organisiert er regelmäßig Lesungen – auch mit bekannten Lyrikern. Für den21. Oktober hat er Jan Wagner gewonnen, der 2015 mit seinem Gedichtband „Regentonnenvariationen“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat.

Wenn die Büchertische beiseite geräumt sind, passen knapp 40 Leute in den Saal. Eine Stimmung wie in einem großen Wohnzimmer. Die Räume vermietet er auch für Veranstaltungen oder organisiert Kulturprogramme – beispielsweise für Firmenweihnachtsfeiern.

„Ich habe bedauert, dass in den Buchläden die Lyrikregale kleiner werden“, erzählt Amm. In seinem Sortiment ist es andersherum. Dort finden sich hauptsächlich Gedichtbände – bestellen aber kann man alles. „Für den Ort bin ich der Buchhändler“, sagt Amm. Joachimsthaler kommen in den Laden, aber auch Touristen und Lyrikliebhaber, die davon gehört haben. Bertolt Brecht und Ernst Jandl seien immer noch sehr wichtig für ihn, erzählt der Ladeninhaber. Von den Zeitgenossen empfehle er Elke Erb, Thomas Rosenlöcher und Georg Leß. „Im Moment lese ich auch die Klassiker neu.“

Das hat einen ganz bestimmten Grund: Die Lyrik-AG des Gymnasiums trifft sich jeden Freitag bei ihm im Geschäft. „Gerade hatten wir Sturm und Drang“, erzählt Amm. Neben Vers- und Strophenformen ist aber auch Zeit für Dinge, die im Schulstoff oft kurz kommen: Das Leben der Dichter etwa oder ihre Beziehungen untereinander. Den Schülern spielt Gisbert Amm Vertonungen von Gedichten vor. Wer sich der Lyrik annähern wolle, solle sie hören, sagt er. Am besten bei Lesungen. „Ich rezitiere selbst auch gerne“, erklärt er.

Ins Gespräch streut er immer wieder Kostproben, die seine Liebe zu Zeitkritischem, aber auch Spitzzüngig-Heiterem offenbaren: „Dichter gibt es Tausende, Leser gibt es zehn, Käufer gibt es einen, selten nur zu sehn“, sagt er lächelnd.

Lyrikhaus, Glockenstraße 23, Joachimsthal, Fr–So 13–19 Uhr; nächste Veranstaltungen: 23. Juni, 19 Uhr: „Wir, die Apfelbäume“ von und mit Bela Chekurishvili (Georgien), deutsche Nachdichtungen gelesen von Norbert Hummelt; 25. August, 19 Uhr: „waschplatz der kühlen dinge“: Kathrin Schmidt stellt ihren neuen Gedichtband vor

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