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Bildhauerei
Die EU im Kleinen

Wie eine große Familie: Wolfgang Stübner (l., auf dem Gabelstapler) mit Teilnehmern des 13. Internationalen Bildhauer-Pleinairs in Wilkendorf bei Altlandsberg
Wie eine große Familie: Wolfgang Stübner (l., auf dem Gabelstapler) mit Teilnehmern des 13. Internationalen Bildhauer-Pleinairs in Wilkendorf bei Altlandsberg © Foto: Thomas Sabin
Thomas Sabin / 13.06.2018, 13:00 Uhr - Aktualisiert 23.08.2018, 14:44
Wilkendorf (MOZ) Palisaden, meterhoch. Efeu rankt nach oben und bahnt sich den Weg durch die Spalten zwischen den Stämmen. Die dunkelgrünen Blätter verwehren den Blick auf das Grundstück von Wolfgang Stübner. Nur der schrille Ton von Kettensägen dringt nach außen. Das hölzerne Eingangstor öffnet sich langsam. Noch mehr Holz: ein Haus, verkleidet mit finnischen Holzbalken. Davor bizarre und elegante Skulpturen – aus Holz.

Stübner sitzt in einem Gabelstapler und kurbelt am Lenkrad. Mehrere Leute weisen ihn ein. Auf den metallenen Zähnen des Fahrzeuges: ein mannshoher Baumstamm. Eineinhalb Meter dick, eine halbe Tonne schwer. Sanft lädt Stübner das Ungetüm ab und steigt aus seinem Gefährt.

Es ist April, und das 13. Internationale Bildhauer-Pleinair ist in vollem Gange. Stübner ist ein Kerl wie ein Baum. Sein dichter weißer Bart erinnert an den von Karl Marx. Seine Statur ist kräftig. Seine Ausstrahlung jedoch sanft und freundlich. Er ist heute sehr glücklich, sagt er im feinen Holzstaub, der durch die Luft schwebt.

Bildhauer aus der ganzen Welt kommen einmal im Jahr zu ihm. Nach Wilkendorf (Märkisch-Oderland). Um gemeinsam aus dicken Holzblöcken Kunst zu fertigen und für eine Zeit lang zusammenzuleben. „Im Jahre 2000 entstand die Idee, Bildhauer aus der ganzen Welt zusammenzubringen und gemeinsam kreativ zu werden“, sagt Stübner. Und: „Es macht mich sehr stolz, dass die Künstler immer wieder gerne zu mir kommen.“

An einer Leine im Wind flattert die ungarische Flagge neben der türkischen, die polnische neben der bulgarischen. Daneben die belgische, die österreichische und die deutsche. Ganz außen hängen die Friedensfahne, als Zeichen der Toleranz und Akzeptanz, der Vielfalt, der Hoffnung, der Sehnsucht, und die Flagge der Europäischen Union. Alles, was Stübner verkörpert. Er sei ein sehr offener Mensch, betont er. „Wir sind hier die EU im Kleinen“, sagt er.

Picasso und Dalí, Stübners Hunde, tollen furchtlos zwischen den Sägen umher. Sie sind nach den beiden großen spanischen Künstlern benannt. Jene, die Stübner inspirierten. Sein größtes Vorbild jedoch, „das ist Ernst Barlach“, betont er. Dessen Werke habe er studiert und viel gelesen.

Die Bildhauerei hat sich Stübner selber beigebracht. „Es ist harte Arbeit. Bildhauer haben es oft mit dem Rücken. So wie ich im Moment. Deshalb der Stock“, sagt er und schwingt seine Stütze kurz.

Während seiner Pleinairs hat Stübner alles im Blick. Er koordiniert, gibt Ratschläge und unterstützt, wo Hilfe benötigt wird. Zeit für ein eigenes Werk hat er in diesen Tagen nicht. „Das macht mir nichts aus“, wiegelt er ab. „Mit der Organisation habe ich genug zu tun.“

Bisher habe immer alles gut geklappt, und dass die Künstler heute noch gerne kommen, sei für ihn die größte Anerkennung seiner Arbeit, sagt Stübner. Vorbild ist er für viele ohnehin. Seine Werke kennen sie alle. Und auf seinem Grundstück stehen mehr als genug, um noch einmal einen detaillierten Blick darauf zu werfen. Ums Geld sei es ihm dabei nie gegangen, sagt Stübner. „Der Verdienst ist am Anfang eh sehr bescheiden. Aber das ist es, was man für ein freies Leben eintauscht. Außerdem liebe ich die Arbeit mit Holz. Holz ist mein Leben. Ich liebe die Gemeinschaft, die hier entstanden ist. Ich kenne Künstler aus der ganzen Welt und kann sie meine Freunde nennen. In Zeiten, wo an der Europäischen Union gezweifelt wird, Kriege herrschen, ist das, was hier seit Jahren passiert, der Beweis, dass man zusammenleben kann und dass ich alles richtig gemacht habe.“ Und Stübner ist noch lange nicht fertig. Der 69-Jährige ist sich sicher: „Ein Bildhauer mit 60 Jahren ist noch ein junger Bildhauer.“ Und so sollen auch im nächsten Jahr die internationalen Flaggen wieder zwischen den Bäumen auf seinem Grundstück flattern.

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