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Auf den Philippinen wird Graffiti traditionell immer noch als Vandalismus betrachtet

Graffiti
Straßenkunst als Ausdruck von Freiheit

Jeffrey Hernaez / 06.10.2018, 17:07 Uhr - Aktualisiert 06.10.2018, 18:02
Manila/Berlin (MOZ) Auf den Philippinen wird Graffiti traditionell immer noch als Vandalismus betrachtet, bei dem öffentliches Eigentum durch willkürliches Gekritzel von straffälligen Jugendlichen verunstaltet wird, oder von Demonstranten, die ihre politischen Slogans anbringen.

In einigen Fällen wurden bereits Künstler von Unternehmen engagiert, um Außenwände zu bemalen und auf Fußgängerwegen in Makati City sieht man verschiedene Kunststile. Graffiti hingegen als Straßenkunst ist noch immer eine kleine Bewegung im Land.

Im Gegensatz dazu hat sich Straßenkunst als Ausdrucksmöglichkeit in Europa weitestgehend durchgesetzt. Während Deutschland seine 28-jährige Wiedervereinigung feiert, könnte man darüber staunen, welcher Wandel sich dort vollzogen hat. Einst war die Mauer eine physische und emotionale Barriere inmitten eines geteilten Landes, so ist sie heute weltweit zu einem Symbol für Einheit geworden.

Ich war gerade einmal sechs Jahre alt, als die Mauer fiel – zu jung, um die Bedeutung dieses globalen Ereignisses zu begreifen. Der daraus resultierende Ausdruck der Freiheit durch Kunst auf der gesamten Länge der East Side Gallery hingegen ist ein atemberaubender und emotionaler Spaziergang, der einen durch dieses historische Ereignis führt.

Die Reste der Mauer wurden zu einer Galerie – hier können Menschen zusammenkommen und die Kunstwerke begutachten, die zu Symbolen der Freiheit geworden sind. Die auf 1,3 Kilometern Länge mühevoll erschaffenen Graffiti-Kunstwerke sind ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Kunst Menschen zusammenbringt.

Hier ist die East Side Gallery in Berlin zu finden:

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Eines der bekannteren Werke der East Side Gallery ist „der Kuss“, auf dem der sozialistisch-brüderliche Kuss von Sowjetführer Leonid Breschnew und dem ehemaligen DDR-Führer Erich Honecker zu sehen ist, von Künstler Dmitri Wrubel mit dem Titel versehen „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“. Eine noch stärkere Anmerkung ist „Danke, Andrej Sacharow“, ein faszinierendes Portrait eines sowjetischen Atomphysikers, Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten, der für die Freiheit einstand, ebenfalls von Wrubel und Viktoria Timofejewa.

Im Gegensatz zur Ehrwürdigkeit der beiden anderen Werke stehen die „Cartoon Heads“ des französischen Künstlers Thierry Noir, von dem man sagt, sein Auftrag sei als revolutionärer Beitrag, die Mauer zu „entmystifizieren“. Mit seinen farbenfrohen, übertriebenen Köpfen tut er genau dies – er verwandelt das Bauwerk, indem er etwas Fürchterlichem eine gewisse Unbekümmertheit verleiht.

Der vielleicht prägnanteste Bestandteil der Mauer ist das Werk „Es geschah im November“ des Berliner Künstlers Kani Avi. Es handelt sich um ein abstraktes Werk und es erfasst das Spektrum an Emotionen ostdeutscher Gesichter beim Übertritt in den Westen nach dem Fall der Mauer. Checkpoint Charlie, wie im Bild ersichtlich, stellte eine Ansammlung von Gesichtern voller Hoffnung und Unsicherheit beim Übertritt in die freie Welt dar.

Wenngleich die Berliner Mauer einst gebaut wurde, um zwei verschiedene Ideologien voneinander zu trennen, so sind die Überreste der Mauer heute mit Graffiti übersäht, die Normen und Ideen herausfordern und nicht nur Deutschland, sondern den Rest der Welt einen. Eine Welt, die noch immer um Integration und dauerhaften Frieden ringt.

Es zeigt, dass etwas Physisches wie die Mauer, die gebaut wurde, um Menschen voneinander zu trennen nun als eine Leinwand dient, auf der Graffiti und andere Formen der modernen Kunst zum Ausdruck gebracht werden.

Wären diese Werke im ruhigen und abgeschotteten Louvre in Paris gerahmt und aufgehängt worden, oder im Metropolitan Museum of Modern Art in New York, dann wären sie deutlich weniger erfolgreich gewesen, um die Realität darzustellen. Die Grobheit und das Risiko solch gewagter, künstlerischer Darbietung mag durchaus etwas Wesentliches verlieren hinsichtlich seiner reinen Umtriebigkeit. Deshalb verdient es diese Kunst, an ihrem Ort bewahrt zu werden, als Erinnerung daran, was passieren kann, wenn das Gleichgewicht von Macht außer Kontrolle gerät und wenn Freiheit und Leben auf dem Spiel stehen.

Graffiti in seiner aktuellen Form wurde weltweit als Kunstform etabliert. Die Beispiele finden sich überall, unter anderem mit dem Künstler und Provokateur Banksy, mit seinen humorvollen und subversiven Werken.

Mit der Zeit wurden auf den Philippinen größere und bemerkenswertere Beispiele der Straßenkunst bekannt und kommerzialisiert. Die ursrünglich subversive Idee von Graffiti wurde verwässert. Statt Provokation ist sie kommerziell nutzbar gemacht geworden. Es gibt heute eine kleine Gruppe philippinischer Künstler, die die Straßen von Manila mit ihrer Kunst bereichern wollen, indem sie sozial relevante Messages verbreiten.Ein besonderes Beispiel ist Kookoo Ramos, deren Werke nicht nur ästhetisch wirken, sondern durch ihr weibliches Gesicht sowiemännlich-dominierte Normen herausfordern.

Ob beauftragt oder heimlich, diese philippinischen Künstler sind im Land gefragt. Traditionell sind Philippiner keine Museumgänger und ihre Kunstkenntnisse sind begrenzt. Mit Straßenkunst, die von leidenschaftlichen Künstlern gefunden wird, werden sie Teil einer Kunst, welche die Gesellschaft reflektiert und die offen zugänglich ist für jeden. Daher symbolisiert Graffiti Freiheit, ob es nun in den großen, schön gekehrten Straßen Berlins, oder den aufgeweckten Straßen Manilas ist.

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Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts. Weitere Informationen finden Sie unter www.goethe.de/nahaufnahme und in den Sozialen Medien unter #goethecloseup.

Jeffrey Hearnez

Jeffrey Hernaez studierte Journalismus an der Universität Santo Tomas in Manila. Er ist Radiojournalist bei DZMM Teleradyo von ABS-CBN in Manila, dem größten Medienhaus der Philippinen. Hier berichtet er über landesweite Ereignisse und Konfliktzonen. Darüber hinaus war er im Printbereich als Chefredakteur und Herausgeber von mehreren Magazinen in den Sparten Lifestyle und Technologie tätig.

Im Oktober reist Jeffrey Hernaez im Rahmen des Programms „Nahaufnahme“ vom Goethe-Institut für drei Wochen nach Berlin und ist zu Gast bei der Märkischen Oderzeitung.

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