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28. Frankfurter Kleist-Festtage eröffnen mit Lars Werners preisgekröntem Stück „Weißer Raum“

Kleist-Festtage
Verstörend aktuell

Stephanie Lubasch / 13.10.2018, 07:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) So wenig über einen Gewinner gestritten habe die Jury selten. Armin Petras, bis vor Kurzem noch Intendant des Schauspiels Stuttgart und Frankfurt (Oder) als Regisseur am ehemaligen Kleist-Theater verbunden, ist in seiner Laudatio der Respekt für den diesjährigen Kleist-Förderpreisträger Lars Werner anzuhören. Dessen Drama „Weißer Raum“ erinnere ihn an Dirk Laucke, den Preisträger des Jahres 2006, an die Texte von Franz Xaver Kroetz und Bertolt Brecht. „Es fesselt von der ersten Szene.“ Und es ist wie gemacht für die Zeit. „Seit seiner Entstehung wurde es mit jedem Tag aktueller“, sagt auch Frankfurts Bürgermeister René Wilke (Linke), der Werner am Donnerstagabend im Foyer des Frankfurter Kleist Forums die Urkunde für die mit 7500 Euro dotierte Auszeichnung überreicht.

Es ist so voll wie selten bei der Eröffnung der Kleist-Festtage. Die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Julia von Blumenthal, ist gekommen, Roland Ott, der neue Intendant des Brandenburgischen Staatsorchesters, Frankfurts Kulturbeigeordnete Milena Manns, Jurymitglieder wie die Theaterwissenschaftlerin Petra Thöring, ja selbst eine Abordnung aus der Lausitz von der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder).

Für Hannah Lotte Lund, Direktorin des Kleistmuseums, und Florian Vogel, künstlerischen Leiter des Kleist Forums, auch ein Zeichen dafür, wie sehr Festtage und Preis mittlerweile wertgeschätzt werden. 107 Einreichungen habe es, sagt Vogel, in diesem Jahr gegeben, und längst würden sie nicht mehr nur aus Deutschland kommen. Der Preis werde internationaler – wozu auch passt, dass die Uraufführung dieses Mal das Théâtre National du Luxembourg besorgt hat, wie gewohnt in Koproduktion mit Kleist Forum und Ruhrfestspielen Recklinghausen.

International, das ist in gewisser Weise auch das Thema selbst. Wie sich rechtsextreme Ideen in die Mitte der Gesellschaft einschleichen, Rechtspopulismus immer hoffähiger wird,  ist nicht nur in Deutschland ein Problem. Werner versucht eine Analyse des Ist-Zustandes, ohne zu bewerten: Wo fängt Rassismus an? Wovon lassen wir uns manipulieren? Was beeinflusst die Maßstäbe, die wir an andere anlegen? Was seinen Text dabei so besonders macht, ist nicht nur, dass er sich wie ein Krimi liest: Es gelingt ihm auch, die handelnden Personen aus dem Blickwinkel ihres Gegenübers zu zeigen. Kategorien wie gut und böse, heißt das, helfen uns schon lange nicht mehr weiter: Im Nu kann das Motiv des Handelns dessen moralische Bewertung völlig infrage stellen.

Ein paar orangefarbene Sitzbänke, eine Straßenlaterne, im Hintergrund ein Berg aus Kunst­rasenstücken, dazu ein rollbarer Glaskasten, der an einen Warteraum erinnert oder eine Pförtnerloge (Ausstattung: Anouk Schiltz): Wir sind an einem Bahndamm in einem kleinen Ort bei Dresden, an dem Uli (Martin Olbertz), der Gleiswärter, den dunkelhäutigen Munir Bounou erschlagen hat, weil der angeblich eine Frau bedrängte. Nun wird er als Held gefeiert, was Marie (Nina Schopka), der Geretteten, so gar nicht gefallen will. Die Journalistin fühlt sich zum Opfer gemacht – und schuld am Tod des Flüchtlings. Gleichzeitig erhofft sie sich durch die Aufdeckung von Ulis wahren Beweggründen eine gute Story.

Der nämlich hat, auch wenn er anfangs noch wie ein naiver Gutmensch wirkt, schon einmal einen Farbigen verprügelt. Stichwort: Überfremdung. Nun, als Held, kann er sich von seinem wegen Körperverletzung einsitzenden Sohn Patrick (Dominik Raneburger) ganz wunderbar zum neuen Redner „der Bewegung“ aufbauen lassen.

Wie Regisseurin Anne Simon das in Szene setzt, ist nicht immer überzeugend. Wo Werner fein die Charaktere seiner Figuren strickt, häkelt sie doch eher grobe Maschen, indem sie zum Beispiel Schaumküsse („Wie darf man die jetzt nennen?“) als wiederkehrendes Zitat durch den Abend wandern lässt. Dass man dem trotzdem gespannt folgt, zeigt, wie gut der Text von Werner wirklich ist. Vom Publikum gibt es dafür langen Applaus.

Frankfurter Kleist-Festtage: noch bis 21.10., www.kleistfesttage.de

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