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Jörg Steinberg holt mit  „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ den Arbeitskampf der englischen Kohlekumpel in den 1980er-Jahren auf die Bühne des Cottbuser Staatstheaters

Premiere
Der letzte große Widerstand

Musizierende Kumpel: Harry (Rolf-Jürgen Gebert, l.) und Jim (Kai Börner) wollen gegen den Stillstand spielen.
Musizierende Kumpel: Harry (Rolf-Jürgen Gebert, l.) und Jim (Kai Börner) wollen gegen den Stillstand spielen. © Foto: Marlies Kross
Thomas Klatt / 12.11.2018, 08:30 Uhr
Cottbus (MOZ) England in den 1980er-Jahren:  In den Kohlerevieren, wo die stolze Arbeiterschaft zu Hause ist, bricht die Krise aus. Die Zechen sollen schließen, sie sind nicht mehr rentabel, heißt es aus der Konzernleitung. Doch es regt sich Widerstand. Wir wehren uns!, sagen die Bergarbeiter, die oftmals die Hälfte ihres Lebens unter Tage verbracht haben.

Das ist die Grundkonstellation des Stückes „Brassed off – Mit Pauken und Trompeten“, das am Sonnabend im Staatstheater Cottbus Premiere hatte. Es geht zurück auf den gleichnamigen Film von Mark Herman aus dem Jahre 1996. Gastregisseur Jörg Steinberg hält sich bei der Cottbuser Bühnenfassung an den Film. Wohl ist die Verlockung groß: Auch in der Lausitz sollen in den nächsten Jahren die Tagebaue und Kraftwerke stillgelegt werden. Die Politik will es so. Doch die konkrete Situation ist schwer vergleichbar, und Steinberg tut gut daran,  das Stück nicht zu regionalisieren.

Er zerlegt die damalige  historische Situation in Einzelschicksale (Bühnenfassung: Paul Allen). Das Ensemble nimmt diese Herausforderung  an und zeigt Höchstleistungen. Da sind Dany (Thomas Harms), der Dirigent der Brass-Band, um die sich alles dreht, und Phil (David Kramer), sein Sohn, mit dessen Frau Sandra (Lena Sophie Vix). Harms spielt den Chef der Kapelle als sympathischen Prinzipal, streng und fordernd, aber im Inneren noch immer ein Arbeiter, der letzten Endes auf der Lungenstation landet. Da sind die Paare Jim (Kai Börner) und Vera  (Sigrun Fischer) sowie Harry (Rolf-Jürgen Gebert) mit Rita (Susann Thiede). Den jungen Andy, Kohlekumpel und zugleich Musiker wie die anderen Männer, spielt Michael von Benningsen. Er nähert sich Gloria (Lisa Schützenberger) an. Sie ist gerade zurückgekommen in ihren Heimatort und hat zunächst eine zweideutige Rolle.

Amy ist die Tochter von Phil und Sandra. Lucie Thiede gibt sie als Achtjährige. Wenn Erwachsene Kinder spielen, kann das schnell albern wirken. Bei Lucie wird es das nie. Sie ist quirlig, neugierig und fragend, eine kindliche moralische Instanz. Während die Frauen Mahnwache halten vor der Zeche und kämpferische  Plakate in den Saal halten, musiziert die Brass-Band. Das allerdings hat einige Längen, sodass sich der Konflikt spät herausschält: Stirbt auch die Band, wenn die Zeche stirbt? Nach einem Vorausscheid gewinnt sie die Qualifikation in der Royal Albert Hall. Das Staatstheater wird für ein paar Minuten zum heiligen Londoner Konzerttempel – das Publikum mit einbezogen. Vorher hatten sich die Arbeiter in einer Abstimmung, in der es um „Abfindung oder Weiterkämpfen“ geht, mehrheitlich für das Geld entschieden. 23 000 Pfund bieten die Konzernchefs, einer von ihnen aalglatt gespielt von Axel Strothmann.

Am Berührendsten ist das Stück in seinen stillen Momenten. Etwa wenn Phil für die Zeit danach  einen neuen Job übt und in ein Clownskostüm schlüpft, in dem er Kinder belustigen will. Doch die traurige Clownsnummer wird zu einem Solo am Bühnenrand: Was ist ein Bergmann mit Zukunft? Eine Fata Morgana. Nichts gelingt, er ist doch Kumpel und nicht Clown. Zum Lachen ist das nicht.

Die Brass-Band, zehn Musiker des Blasorchesters Cottbus, ist ans Original gebunden, auch wenn sich mancher im Saal wenigstens ein paar Takte des „Steigerliedes“ gewünscht hätte.  „Land Of Hope And Glory“, alljährlich zum Abschluss der Londoner Promenadenkonzerte als Selbstvergewisserung der britischen Oberschicht inbrünstig mit großem Orchester vorgetragen, wird hier zum Trauermarsch in Brass-Moll.

Auch das Bühnenbild ist stimmig. Alles spielt sich vor der Zechenarchitektur ab: düster, qualmend, zuweilen ratternd. Vor den Seilscheiben platziert Fred Pommerehn  riesige Eisengestelle. Sie werden zur Wohnung,  zum Krankenzimmer oder zum Bandbus. Hier wird gestritten, geliebt, gesoffen, Musik gemacht.

Das Stück endet zuversichtlich: Amy ist älter geworden, sie schlüpft wie im Entree in die Rolle der Erzählerin: „Es muss Raum sein für Neues“ sagt sie und nimmt Bezug auf die deutsche Dichterin Hilde Dommin: „Fürchte dich nicht, es blüht hinter uns her“.  Das Publikum dankt stehend mit langem Applaus.

Vorstellungen: 17.11. sowie 18. und 25.12., jeweils 19.30 Uhr, Staatstheater, Schillerplatz 1, Cottbus, Kartentel. 0355 78242424

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