Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Pop-Art-Ausstellung
Dialog des Spielerischen

Thomas Klatt / 16.11.2018, 07:15 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein Düsenjäger fliegt aus dem Hintergrund fast auf den Betrachter zu. Er kommt über die Berge, die mehr eine zerklüftete, unbewohnbare Landschaft darstellen. Im Vordergrund ein riesiger Maikäfer, der nicht recht vorankommt. Die Künstlerin setzt ihn in eine liegende Kassettenstruktur. Laufen kann man da kaum – zumindest als Käfer. Das Bild von Bettina von Arnim, geboren 1940 in Zernikow, eine Nachfahrin derer von Arnims, gehört zu den Klassikern der Pop-Art. Ihr Bild „… der Vater ist im Krieg“ nimmt Bezug auf ein Kinderlied, das Mütter ihren Kindern in Kriegszeiten vorgesungen haben: „Maikäfer, flieg, der Vater ist im Krieg“.

Die Ausstellung, die am Sonnabend im Landesmuseum für moderne Kunst in Frankfurt (Oder) öffnet, trägt den Titel „Real Pop 1960–1985 – Malerei und Grafik zwischen Agit Pop und Kapitalistischem Realismus“. Sie untersucht die Wirkungsweise der Pop-Art im Westen, aber auch im Osten Deutschlands. Namhafte Künstler haben die Kuratorinnen, Museumsleiterin Ulrike Kremeier und Kustodin Jeanette Brabenetz, aufgeboten. Zum großen Teil kommen die Werke aus der eigenen Sammlung, auch Leihgaben sind vertreten. So sieht man Werke von KP Brehmer, Wasja Götze, Frieder Heinze, Joachim Jansong, Sigmar Polke, Erika Stürmer-Alex, Willy Wolff, Klaus Staeck sowie von Hans Ticha, dem wohl bekanntesten DDR-Pop-Art-Künstler.

Entstanden ist die Pop-Art in den USA in den 1950er-Jahren. Sie war künstlerische Antwort auf den wachsenden Konsum des Westens. Autos wurden zur Massenware, Kühlschränke, Fernsehgeräte für viele erschwinglich. Es entstanden die ersten Staus auf den Straßen. Das Leben der Menschen änderte sich, die Kunst reagierte darauf. Im Westen Deutschlands gingen Künstler einen ähnlichen Weg, allerdings waren sie oftmals politischer. Kritisch sahen sie den Vietnamkrieg und die zunehmende Militarisierung, sie wandten sich gegen Aufrüstung und Atomwaffen. Die westdeutsche spießige Gesellschaft der 60er-Jahre nahmen sie auch im Privaten zum Teil satirisch, zumindest ironisch aufs Korn. Gerhard Richter, Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner prägten für eine gemeinsame Ausstellung in Düsseldorf im Jahre 1963 den Begriff „Kapitalistischer Realismus“. War die Nachkriegskunst im großen Maße abstrakt, kam die Figur jetzt auf diesem Wege in die Malerei zurück.

Und im Osten Deutschlands? Wenn auch der Sozialistische Realismus – nicht zuletzt durch die Formalismus-Diskussion – zunächst künstlerische Staatsdoktrin wurde, malten Künstler immer etwas Eigenes. Viele fanden ihren individuellen Weg zur Darstellung des „Populären“, das in seiner Spießigkeit dem Westen nicht unähnlich war. Dennoch gibt es Unterschiede. In beiden Ländern war „Pop“ eine Antwort auf die bestehenden Verhältnisse.

Sieht man im Eingangsbereich auf dem großen Bild „Die Sekretärin“ von Gerhard Richter aus dem Jahre 1963 eine Frau des Alltags, stolz, zielstrebig und in Schwarz-Weiß, malt die Hamburgerin Almut Heise im ebenso großen Format eine Frau, die die Treppe ihres Eigenheimes hinaufgeht. Die Szenerie ist belanglos: Blümchenmustertapete, Blumentöpfe an Bambusstangen. Der neu erworbene Wohlstand quillt quietschbunt aus allen Ritzen. Während Richters Sekretärin offenbar ein Ziel hat, sieht die Frau von Heise den Betrachter direkt an: schlicht, aber selbstbewusst.

Im Osten wurde oftmals in subversiver Art die Bildsprache des Alltags und der Propaganda persifliert. Das Doppeldeutige fand auch im „Pop“ seine Formen. Hans Ticha, Wasja Götze und Willy Wolff wurden als „Trias des ostdeutschen Pop“ bezeichnet. Der Dresdener Willy Wolff malte 1968 ein Collageähnliches Bild von Edith Piaf. Als Entdeckung kann ein fast psychedelisches Bild des Ostberliner Künstlers Helmut Zielke von 1981 angesehen werden. „Es war in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt worden“, weiß Jeanette Brabenetz.

Während sich Joachim Jansong in einer kleinen Serie mit dem 100. Geburtstag von Lenin befasst, zeigt er auf einem anderen Bild – es könnte auch ein Plakat von Klaus Staeck sein – eine dystopische Kriegslandschaft. Im Vordergrund liest Dagmar Berghof eine „Tagesschau“-Nachricht zum Thema Abrüstung. Und vor den Atompilzen baumelt eine Erkennungsmarke der NVA, die jeder Soldat bei sich haben musste – für den Todesfall. Klein im Bild platziert Jansong einen Brecht-Satz: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer.“

Die Präsentation der Werke in der Rathaushalle wirkt erstaunlich harmonisch. Vielleicht, weil die Werke nicht als gegensätzliche Positionierungen konzipiert sind. Künstler aus Ost und West hängen nebeneinander – ein Unterschied ist nicht zu erkennen.

Die Ausstellung ist beherzt kuratiert. In solchen Zusammenhängen und in diesem musealen Konzept ist deutsche Pop-Art wohl noch nicht zu sehen gewesen.

„Real Pop 1960–1985 – Malerei und Grafik zwischen Agit Pop und kapitalistischem Realismus“, Eröffnung am 17.11., 17 Uhr, dann bis 17.2., Di–So 11–17 Uhr, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder), Tel. 0335 28396183

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG