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Landesmuseum
Verschlungene Körper in der Frankfurter Rathaushalle

Ein Kraftakt in Rot: Hans-Hendrik Grimmling malte im Jahre 1983 seinen "Ruderer".
Ein Kraftakt in Rot: Hans-Hendrik Grimmling malte im Jahre 1983 seinen "Ruderer". © Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Sammlung Lehmann-Brauns
Thomas Klatt / 08.06.2019, 11:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Handfläche zeigt nach außen, als wenn sie dem Betrachter ein Stop! verkünden wollte. Arme und Ellenbogen sind verschlungen mit Beinen, Schenkeln und Füßen. Was ist oben und was ist unten? Was gehört zu wem und was gehört wohin? Alles scheint möglich.

Manche Bilder von Hans-Hendrik Grimmling sind sehr farbintensiv und nehmen die ganze Fläche der Wand ein. Zum Teil sind es zusammengefügte Vierteiler, an denen der Betrachter nicht vorbeikommt und die die Auseinandersetzung herausfordern. Schnell ist man bei der Frage, was eigentlich der Mittelpunkt sei und wo das Auge ausruhen könnte. Das nun ist konzeptionelle Absicht.

Kuratorin Jeanette Brabenetz gab der aktuellen Ausstellung in der Frankfurter Rathaushalle den Titel "Aus der Mitte", womit sie nicht nur den Bildaufbau meint, sondern auch ein politisch-ästhetisches Prinzip herausfordert. Wo beide Künstler formal um eigenen Bildaufbau ringen, ist der Kuratorin wichtig, die Mitte auch als menschlichen Standpunkt zu betrachten.

Der Zweite im Bunde dieser Ausstellung des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst ist neben dem Maler Grimmling der Baske Eduardo Chillida (1924–2002), der vorwiegend mit kleinformatigen Arbeiten vertreten ist und mit Grimmling in eine Auseinandersetzung tritt. Er hat es schwer gegen ihn, schon der Größe seiner hier gezeigten Werke wegen. Dass Chillida auch größer kann, ist an seiner abstrakten, stählernen Doppelstelen-Formation, die seit dem Jahre 2000 am Berliner Bundeskanzleramt steht, zu sehen. Sie bildet zwei Pole, die die Mitte frei lassen. Aber Chillida sagt auch, dass die Leere nicht Nichts ist. Sie kann alles sein. Bei beiden steht die Frage nach dem Raum. Was ist Raum, und wie finden wir darin Halt?

Grimmling zerlegt die Figur meist in Einzelteile. Seine Rückbindung an die menschliche Figur ist sofort erkennbar, während bei Chillida zum Beispiel kantige, abstrakte Landschaften und schwarze Flächen dominieren, die er mit weißen dünnen Strichen, einem Laser gleich, durchtrennt. Seine Grafiken haben etwas Kartenhaftes, wirken wie kleine Topografien und lassen den Betrachter fragen: Wo stehe ich? Bei Grimmling bestimmt die Fülle die Mitte. Leere wird nicht zugelassen. Alles ist Bild, Tiefenraum findet nicht statt. Dabei abstrahiert er oft. "Der Kuss" nimmt, wie könnte es anders sein, das ganze Format ein. Ein Akt der Zärtlichkeit ist nicht erkennbar, der Kuss wirkt wie verschleiert. Und ist nicht hinter diesem Schleier Edvard Munchs "Schrei" zu erahnen? – so ziemlich das Gegenteil eines Kusses.

Eines seiner beeindruckendsten Bilder in der Rathaushalle ist der "Ruderer" von 1983 – wieder ein Großformat. Der ist am wenigsten ein Sportler, sondern ein Kämpfender, einer, der sich kniend mit großer Energie loslöst von unsichtbaren Zwängen. Die Hände im Bildvordergrund werden zu Fäusten. Der Ruderer kniet auf einer Galeere, nicht in einem Freizeitboot.

Kreuz als Gleichnis für Harmonie

In einem weiteren Großformat namens "Dialog" setzt Grimmling in die Mitte ein gleichmäßiges Kreuz. Da meint er weniger das religiöse Symbol, sondern ein Gleichnis für das harmonische Maß, als jahrhundertealtes Zeichen der menschlichen Existenz. Auch sein abstraktes Triptychon hat er im Bildaufbau von den alten religiösen Ikonografien "weggemalt". Denn wieder gibt es keine erzählende Mitte, alle drei Teile stehen gleichberechtigt.

Deutlich erkennbar ist Grimmlings künstlerische Herkunft der Leipziger Schule, mit deren Mitteln er dem figurbetonten Sozialistischen Realismus ein Schnippchen schlägt. Aber wer genau hinschaut, ahnt vielleicht in manchen Motiven des früheren Mattheuer-Schülers eine Vorwegnahme des "Jahrhundertschritts".

Das ist das Erstaunliche an dieser Ausstellung: zu sehen, wie vielfältig die Kunst der DDR und des Ostens war und noch immer ist. Zum Konzept des Landesmuseums gehört es, Dialoge zwischen den Ausstellungen herzustellen. Wer zum Beispiel im Cottbuser Dieselkraftwerk Zeichnung und Bildhauerei von Friedrich B. Henkel sieht, erkennt Parallelen in den kubistischen Formen, kann aber auch Henkels märkische Landschaften mit denen von Chillida weiterdenken.

Ausstellung bis 21.7., Di–So 11–17 Uhr, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Rathaushalle, Frankfurt (Oder), Tel. 0335 283 6183

Zwei Künstler in der Frankfurter Rathaushalle

Hans-Hendrik Grimmling wurde 1947 in Zwenkau geboren. Er studierte zunächst in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste und ging in die Malerklasse von Wolfgang Matteuer in Leipzig. 1986 stellte er einen Ausreiseantrag und wurde ausgebürgert. Von 2007 bis 2017 hatte Grimmling eine Professur an der Hochschule für Gestaltung Berlin. Eduardo Chillida (1924–2002) studierte in den 40er-Jahren Architektur in seiner Heimatstadt San Sebastián. Dem schloss er ein Studium an der Kunstakademie in Madrid an. 1959 nahm er an der documenta II teil. 2000: Einweihung der Skulptur "Berlin" vor dem Bundeskanzleramt.⇥ klt

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