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Landesmuseum für moderne Kunst
Ein bedrückender Rundgang - Ausstellung "Kriege und Krisen im 20. Jahrhundert"

Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus (hier im Bild) ist vom 1. Juli an mit dem Museum für Junge Kunst unter einem Dach zusammengelegt worden. Mit diesem Konzept will die Brandenburger Landesregierung eine neue Plattform für moderne Kunst aus dem Osten der Republik schaffen.
Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus (hier im Bild) ist vom 1. Juli an mit dem Museum für Junge Kunst unter einem Dach zusammengelegt worden. Mit diesem Konzept will die Brandenburger Landesregierung eine neue Plattform für moderne Kunst aus dem Osten der Republik schaffen. © Foto: dpa
Thomas Klatt / 06.08.2019, 07:00 Uhr
Frankfurt (Oder)/Cottbus (MOZ) Es ist immer wieder erstaunlich, was dieses Museum in mehr als 50 Jahren gesammelt hat. Auf welche Vielzahl von Bildern, Skulpturen und Grafiken da in thematischen Ausstellungen zurückgegriffen werden kann.

Wer "Kriege und Krisen im 20. Jahrhundert" sieht, steht plötzlich mittendrin in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges, er sieht die Konzentrationslager der Hitlerdiktatur oder Pinochets Militärputsch in Chile 1973. Vom schlesischen Weberaufstand im 19. Jahrhundert bis hin zum Vietnamkrieg, der 1975 endete, spannt Kurator Armin Hauer den Bogen.

Nach der "Schlaglichter"-Schau zu Beginn der Fusion der Häuser in Cottbus und Frankfurt (Oder) ist es das zweite Mal, dass es zu einem Thema zwei Ausstellungen an zwei Standorten gibt. Künstler wie Hans und Lea Grundig, Käthe Kollwitz, Wilhelm Rudolph, Wolfgang Petrovsky und Frank Voigt sind in Cottbus und in Frankfurt (Oder) gleichermaßen präsent. Andere wiederum sind nur in einem der beiden Museumsstandorte zu sehen. 35 Maler, Grafiker und Bildhauer sind es insgesamt, die in den beiden Städten zu finden sind. In Frankfurt (Oder) lohnt es sich, links anzufangen und einen klassischen Rundgang zu unternehmen.

Hauer hat es sich im Ausstellungskonzept nicht einfach gemacht. Er verbindet grafische Zyklen und Skulpturen und setzt sie in ein Verhältnis zueinander. Da sind gleich zu Anfang die bunten, provokanten Bilder von A. R. Penck, vor denen Michael Jastrams Skulptur "Krieger" steht. Ihm fehlen die Arme, ein Krieger, ein Torso nur noch, unfähig geworden für die Schlacht. Entworfen hatte sie Jastram bereits in den 80er-Jahren der DDR, als das Land schon in den bleiernen Jahren feststeckte.

Käthe Kollwitz hat sich in ihrem umfangreichen Zyklus mit dem Schlesischen Weberaufstand von 1844 beschäftigt. Die Arbeiten nehmen Bezug auf das Theaterstück "Die Weber" von Gerhart Hauptmann. Fast wirken die Lithografien wie Illustrationen, manche erinnern an einen "Guckkasten", das Kino jener Zeit. Auffällig ist, dass sich Kollwitz christlicher Ikonografie bedient. Der Tod holt ein Kind, der Marsch der grimmig dreinblickenden Weber ähnelt einer Prozession. Die Aufständischen sind dem Verhungern nahe, rütteln am üppig verzierten Tor des reichen Mannes ("Sturm", 1897).

Sehr berührend die Serie "Terezin. Theresienstadt" von Leo Haas, der selbst Häftling in mehreren Konzentrationslagern war. Er war der einzige Maler von Theresienstadt, der die Haft überlebte. Er erzählt fast emotionslos, zeichnet, wie er es gesehen hat. Die Hackfressen der SS, ein Mensch wird erhängt wegen einer Kleinigkeit. Hunde bellen. Die Kapos öffnen den Waggon der Ankommenden. Haas macht das Gebrüll hörbar. Diesen nüchternen Stil führt er später in der DDR als politischer Karikaturist weiter, erklärt der gut lesbare Katalog.

Aber auch eine andere Seite ist zu sehen. Bernhard Heisig meldete sich 1942, noch minderjährig, freiwillig zur Waffen-SS. Die Schuld, die er auf sich lädt, lässt ihn sein Leben lang nicht los. Mehrfach hat er sich künstlerisch damit auseinandergesetzt. In Frankfurt sind 25 Blätter zum Thema "Der faschistische Alptraum" aus den Jahren 1967/68 zu sehen. Düster die Grundstimmungen, und auch er verwendet christliche Symbolik. Und fragt: Ist es möglich ist, dass Christus die Schuld der Menschen auf sich nehmen kann?

Der Besucher geht an einer Vitrine vorbei, Arbeiten von Gerhard Altenbourg zeigen Ausschnitte aus dem Künstlerbuch "Wund-Denkmale" von 1982. Der Weg führt schließlich zu einer "bunten" Wand. Moritz Götze und Hendrik Tauche haben 1991 in mehreren plakatgroßen Arbeiten eine Siebdruckserie zum "Nibelungenlied" gedruckt. Das Thema kommt hier leicht daher, fast comichaft. Die beiden Künstler spielen mit den deutschen Tugenden. Doch was sind sie wert? Ewige Treue bis in den Tod hat jahrhundertelang Kriege erst möglich gemacht. Hier wirkt es als ironisches Zitat.

Am Ende ist der Besucher mit seinen Gedanken allein. Sind Kriege und Katastrophen der gesetzmäßige Rhythmus der Geschichte? Dass wir in einer langen Friedensperiode leben, nehmen die Nachkriegsgenerationen als selbstverständlich hin.

Man kann Primo Levi hören, den italienischen Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden, an dessen 100. Geburtstag vor wenigen Tagen gedacht wurde. In den Gewölben der Rathaushalle flüstert er es denen zu, die es hören wollen: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben."

Doppelausstellung "Kriege und Krisen im 20. Jahrhundert. Grafische Zyklen und Skulpturen aus der Sammlung des BLMK", bis 13.10., Di–So 11–17 Uhr, Rathaus, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder), Tel. 0335 28396183, sowie bis 29.9., Di–So 10–18 Uhr, Dieselkraftwerk, Am Amtsteich 15, Cottbus, Tel. 0355 49494040, www.blmk.de

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