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über die Macht im Kulturbetrieb
Klima der Angst

Christina Tilmann
Christina Tilmann © Foto: Antje Scherer
Meinung
Christina Tilmann / 14.08.2019, 19:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das Muster wiederholt sich, ob Harvey Weinstein, Kevin Spacey oder Dieter Wedel: hier mächtige Männer, dort Opfer am Beginn ihrer Karriere, die nichts zu sagen wagen aus Angst, den Job zu verlieren.

Dann werden anonyme Anklagen laut und eine Hexenjagd setzt ein, Auftrittsverbote, Vertragsauflösungen, Vorverurteilungen. Kevin Spacey wurde aus dem Film "Alles Geld der Welt" herausgeschnitten und aus  der Serie "House of Cards" entfernt, der Dirigent James Levine aller Ämter enthoben. Nun hat es Plácido Domingo getroffen, schon lösen erste Orchester ihre Verträge, nachdem Vorwürfe laut wurden, er habe Sängerinnen belästigt. Schwer, das zu widerlegen, zumal in den USA, wo die Sensibilität bei diesem Thema extrem zugenommen hat. Domingo schreibt in einem Statement, er habe an Einvernehmlichkeit geglaubt, auch wenn "die Regeln und Standards, nach denen wir heute gemessen werden und gemessen werden sollten, sehr viel anders sind als die der Vergangenheit."

Ist es ein Strukturproblem des Starbetriebs? Denn auch das gehört zum Bild: Dass am Ende immer alle Bescheid gewusst haben, dass gemunkelt und getratscht wurde, junge Kolleginnen gewarnt wurden, mit den gefährlichen Alphatieren allein im Zimmer zu bleiben, und dennoch nichts unternommen wurde. Die berühmten "offenen Geheimnisse": Wo bleibt die Sorgfaltspflicht einer Institution, sei es ein Opernhaus oder ein Sender? Wo bleibt die Solidarität, der Mut der Kollegen? Warum bewegt sich erst etwas, wenn ein schmutziges Geschehen an die Öffentlichkeit kommt? Das verdruckste Schweigen im Kulturbetrieb zeugt von einem Klima der Angst, in dem Fehltritte lieber toleriert werden als den Star zu verärgern. Das ist der eigentliche Skandal.

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