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Besonders schätzte Fontane Blondinen

Am Ort des Geschehens: Robert Rauh und Gabriele Radecke auf der Pfaueninsel vor dem Denkmal der Rachel Félix
Am Ort des Geschehens: Robert Rauh und Gabriele Radecke auf der Pfaueninsel vor dem Denkmal der Rachel Félix © Foto: Robert Rauh
Christina Tilmann / 16.08.2019, 08:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Diva war überhaupt nicht amüsiert. Im Schloss hatte sie spielen wollen, oder zumindest im Stadttheater. Nun soll sie auf einer Wiese auftreten, ohne Beleuchtung, ohne Kostüm, wie eine Bänkelsängerin – auf keinen Fall. Nur die Überredungskünste des Hofrats Schneider verhindern, dass die Dame auf dem Absatz kehrtmacht.

Und so kommt es am 15. Juli 1852 zu einer denkwürdigen Szene auf der Pfaueninsel. Das Publikum lagert auf der Wiese. Es ist ein lauschiger Sommerabend, die Sonne geht unter, als Eliza Rachel Félix auftritt. Im schwarzen Spitzenkleid deklamiert sie Racine, und nimmt, als es so dunkel wird, dass sie den Text nicht mehr erkennen kann, beherzt das Windlicht selbst in die Hand. Am Ende lohnt die Mühe: die Einladung nach St. Petersburg spricht Zar Nikolaus II. persönlich aus.

Eine Szene, wie geschaffen für Theodor Fontane. Genüsslich malt er in den "Wanderungen" die Begebenheit aus. Man spürt den Theaterkritiker in der Art, wie er die Schauspielerin beschreibt, spürt die Freude an der Situation, den lebendigen Dialogen.

Warum nicht häufiger so, fragen sich Robert Rauh und Gabriele Radecke. Die Fontane-Kenner treibt die Frage um, warum der Autor, der in seinen Romanen eine starke Frauengestalt nach der nächsten schuf, in seinen "Wanderungen" eine ziemlich männliche Welt schildert. Jede Menge Adlige, Militärs und Gutsbesitzer. Die Frauen sind an ihrer Seite zumeist Randfiguren.

Immerhin: einige haben sie gefunden, und im Manesse-Verlag unter dem Titel "Wundersame Frauen" zusammengestellt. Das folgt dem Trend, der sich im Fontane-Jahr besonders auf die Frauen stürzt, von "Effi Briest"-Bearbeitungen wie aktuell Frank Matthus‘ "Effi in der Unterwelt" in Neuruppin, bis zu Buchveröffentlichungen, unter anderem von Rauh, der seine Fontane-Erkundungen nach den "Fünf Schlössern" mit "Fontanes Frauen" und in diesem Jahr mit "Fontanes Ruppiner Land" fortgesetzt hat.

Eigentlich ist es eine Text-Kompilation: Die Herausgeber beschränken sich auf einführende Bemerkungen, etwa zu den Notizbüchern, die Radecke ediert hat – und überlassen dann Fontane das Wort, der sich als glänzender Stilist erweist. Zum Beispiel, wenn er das Drama der jungen Julie von Voss erzählt, die von Friedrich Wilhelm II. umworben wird und nicht widerstehen kann – eine tragisch endende Liebesgeschichte. Oder, nicht minder reizvoll, die Geschichte der schönen Frau von Wreech, die Kronprinz Friedrich mit Gedichten umwirbt, und die ihm später nach dem Siebenjährigen Krieg mit Entschädigungsansprüchen lästig fällt. Und, zum humoristischen Schluss, eine Lyrik-Lesung im Salon der Mathilde von Rohr, wo sich Fontane und sein Freund Lepel der vereinten liebenswürdigen Unkenntnis einer Berliner Teegesellschaft stellen müssen.

Etwas bitter stößt den Herausgebern dabei auf, dass außer Frau von Rohr die Frauen des privaten Umfelds, die Fontane zuarbeiteten, nie erwähnt werden und die anderen zumeist nach ihrem Äußeren beurteilt werden - besonders schätzte er Blondinen.  Ihr Fazit: "In den ‚Wanderungen‘ findet keine Gleichberechtigung statt – nicht einmal ein Streben danach."

Theodor Fontane: "Wundersame Frauen", hg. von Gabriele Radecke und Robert Rauh, Manesse, 192 S., 18 Euro. Das Buch wird am Sonntag, 17 Uhr, in der Fontane-Buchhandlung Neuruppin vorgestellt, es lesen Robert Rauh, Gabriele Radecke und Corinna Harfouch.

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