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Zwischen Kirchen und Konzerthallen
Stephan Graf von Bothmer über sein Stummfilmkonzert in Frankfurt

Auch Komödie will gekonnt sein: Stephan Graf von Bothmer begleitet Stan und Olli live.
Auch Komödie will gekonnt sein: Stephan Graf von Bothmer begleitet Stan und Olli live. © Foto: Birgit Meixner
Christina Tilmann / 04.10.2019, 08:00 Uhr - Aktualisiert 04.10.2019, 08:42
Frankfurt (Oder) (MOZ) Stephan Graf von Bothmer füllt mit seinen Stummfilmkonzerten inzwischen Kirchen und Konzerthallen. Am Sonntag tritt er in Frankfurt (Oder) auf. Mit dem Pianisten sprach Christina Tilmann.

Herr von Bothmer, wie sind Sie zum Stummfilm gekommen?

Der erste Stummfilm, den ich interpretiert habe, hieß "Das neue Babylon" – ein russischer Stummfilm. Ich habe Musik studiert und fand das damals ganz ungewöhnlich und abgefahren. Zuerst wurde ich von Kinos gebucht, und es kamen einfach immer mehr Menschen. Irgendwann habe ich einen Konzertsaal in Berlin gemietet und einmal im Monat ein Stummfilmkonzert gegeben. Mein Wunsch war, Stummfilme zurück in den Mainstream zu holen.

Wie entsteht die Musik, die Sie spielen?

Man muss wissen: Zur Stummfilmzeit gab es keine feste Musik, jede Aufführung wurde mit anderer Musik begleitet. Die wurde in der Regel nicht komponiert, sondern kompiliert, der Pianist hat das gespielt, was er konnte, Chopin bei der Liebesszene und Beethoven bei der dramatischen Szene.

Und wie machen Sie es?

Ein Beispiel: Stellen Sie sich eine riesige Dampfmaschine vor, die stampft und faucht. Das gibt es sehr viel in Stummfilmen, weil die Begeisterung für Technik damals sehr groß war. Dazu kann ich natürlich eine stampfende Musik mit viel Bass spielen, dann spürt das Publikum die Macht dieser Maschine und meint sogar das Schmieröl zu riechen. Ich kann aber auch ein intimes Thema in Moll spielen, weil ich mich als Mensch so klein fühle gegenüber der gigantischen Maschine. Ich kann Vogelzwitschern spielen, dann spürt das Publikum unbewusst, dass Maschinen die Natur verdrängt. Oder ich spiele ein Kriegsthema, weil die gleiche Hybris, die solche Maschinen baut, auch in Kriege führt. Welche Musik besser passt, hängt auch vom Publikum ab.

Das heißt, Sie bieten eine Art Interpretationshilfe an?

Ja genau. Ich beziehe Stellung zu dem, was ich sehe. Was bedeutet es für mich? Bei einem Film neulich meinte das Publikum, der Film habe Tschernobyl vorausgesagt. Da ging es um den Klimawandel und eine unerschöpfliche Energiequelle und die Frage: Können wir die Welt durch technische Innovationen allein retten? Der Film zeigt, dass es ohne Verhaltensänderung nicht geht. Und das 1922! Dass das Publikum das überhaupt so gesehen hat, liegt an der Musik, die natürlich eine Interpretation von heute ist.

Ist es reizvoller, Dramen zu begleiten statt "Stan und Olli"?

Das habe ich früher gedacht, es stimmt aber nicht. "Stan und Olli" habe ich auf einem winzigen Fernseher vorbereitet und fand das überhaupt nicht richtig witzig. Und dann gab es die Aufführung in der Komischen Oper, mit 800 Zuschauern und einer gigantischen Leinwand, und ich habe angefangen zu spielen und mich schlapp gelacht. Das Publikum natürlich auch. Ich konnte mich kaum auf der Klavierbank halten, so lustig war das. Da habe ich gemerkt, was für Künstler die beiden waren.

Es gab damals extra Kinoorgeln. Nutzen Sie die auch?

Ja, früher häufig. Man muss aber bedenken, dass Kinoorgeln sehr spezielles Instrumente sind, die ihre Kinderkrankheiten nie überwunden haben. Die Kinoorgel in Berlin wurde 1929 eingeweiht. Das war das letzte Stummfilm-Jahr, dann kam der Tonfilm. Viele Dinge funktionieren nicht richtig. Da gibt es zum Beispiel ein Zuggeräusch, das klingt aber wie eine Modelleisenbahn. Wenn eine Dampfmaschine auf der Leinwand stampft, macht dieses lächerliche Geräusch die Szene kaputt. Man muss das anders machen. Es ist ja vielleicht ein Zug, der die Liebenden trennt, oder in eine Katastrophe rast. Das kann ein Modellbahn-Geräusch nie ausdrücken. Ich liebe allerdings Kirchenorgeln, das sind Instrumente mit einer unglaublichen Strahlkraft. Da kann man wirklich die Posaunen der Hölle rausholen.

Erlebt der Stummfilm eine Renaissance?

Ja, auf jeden Fall! Aber nicht erst jetzt, sondern schon seit Jahren. Zwischen 2004 und 2006 wurden viele Stummfilmfestivals gegründet. 2009 kam "The Artist" heraus, das war schon Folge dieses Booms. Seitdem hat sich die Szene verändert. Inzwischen habe ich die Konzerthäuser erobert. Neulich in Hamburg hat sich ein Nadelstreifenanzug-Abo-Typ in der Pause angeregt mit einem Gothic-Mädchen unterhalten. Ich habe aus verschiedenen Welten immer die netten Leute.

Stan und Olli in Frankfurt

Stan Laurel und Oliver Hardy, das erfolgreichste Komiker-Duo aller Zeiten, haben den Slapstick mit ihrer einzigartigen Langsamkeit revolutioniert. Ende der zwanziger Jahre sind sie auf dem Höhepunkt ihrer Kunst, Pioniere in der Welt des Humors, stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Immer wieder geraten sie in halsbrecherische Situationen, säen Chaos und Zerstörung.

Am Sonntag (6.10.) um 15 Uhr interpretiert Stephan Graf von Bothmer im Kleist Forum die besten Filme von Stan & Olli, bekannt auch als Dick & Doof, live am Flügel. Tickets ab 18 € (Kinder und Jugendliche 10 €) unter 0335 4010120 oder ticket@muv-ffo.de⇥red

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