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Verdoppelte Weltzeituhr
Rumänischer Künstler Vlad Nancă untersucht postsozialistische Stadträume in Berlin

Im Zwiegespräch: Vlad Nanca hat diese Arbeit "The City and the City (Dacia car)" genannt (2019), auf Deutsch etwa "Die Stadt und die Stadt".
Im Zwiegespräch: Vlad Nanca hat diese Arbeit "The City and the City (Dacia car)" genannt (2019), auf Deutsch etwa "Die Stadt und die Stadt". © Foto: Vlad Nanca und KVOST
Inga Dreyer / 29.10.2019, 15:12 Uhr
Berlin (MOZ) Schwarze, teilweise mit grau-blauem Mosaik gefüllte Kreise hängen wie eine Gruppe von Planeten an der weißen Wand.

"Connections" hat Vlad Nancaˇ seine Arbeit genannt. Mit solchen "Verbindungen", "Beziehungen" und "Zusammenhänge" zwischen Zeiten und Orten spielt der  Künstler in seiner Einzelausstellung des Kunstvereins Ost – kurz KVOST. Er ist Preisträger des 2019 zum ersten Mal ausgelobten Stipendiums des Kunstvereins. Unter fast 90 Bewerberinnen und Bewerbern setzte sich der Künstler aus Bukarest durch und verbrachte sechs Wochen in Berlin, um sein Konzept dort umzusetzen.

Der 40-jährige spürt Verbindungslinien zwischen Ostberlin, Rumänien und anderen Orten des ehemaligen Ostblocks auf und setzt diese in mitunter zart und poetisch wirkenden Installationen und Videos um. Einige von ihnen entstanden im Zuge seiner Beschäftigung mit Walter Womacka (1925–2010), der unter anderem das berühmte Mosaikfries am "Haus des Lehrers" am Berliner Alexanderplatz geschaffen hat. "Dies war die Art von Moderne, die Grenzen im ehemaligen Osten überschritten hat", sagt Vlad Nancaˇ.

In seiner Ausstellung werden zwei Arbeiten von Womacka, des ehemaligen Rektors der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, präsentiert. Dessen Entwurf für ein Treppenhaus des ehemaliges Staatsratsgebäudes der DDR stellt Nancaˇ seinen schwarzen Kreisen gegenüber. In der Arbeit verbindet Nancaˇ ein Mosaik der West Universität im rumänischen Timisoara mit dem Mosaik "Arbeit für das Glück des Menschen" von Womacka an der Marzahner Promenade in Berlin.

"Ich beziehe immer Arbeiten verschiedener Künstler in meine Ausstellungen ein", erzählt Vlad Nancaˇ bei einem Besuch in Berlin. Er sitzt in einem der großen Schaufenster des Kunstvereins.  Hinter ihm ragen hohe Plattenbauten an der Leipziger Straße in die Höhe, als seien sie Teil der Ausstellung. "Mich faszinieren Mosaike", erzählt Nancaˇ, der schon häufiger in dieser Technik gearbeitet hat.

Er wurde 1979 in Bukarest geboren und gehört damit zu einer Generation, für die der Ostblock Kindheitserinnerung ist. Sozialistische Architekturen – wie das Haus des Lehrers in Berlin – beschäftigen ihn künstlerisch. Er bezieht sich damit auf präsente, visuelle Erinnerungen an eine vergangene Zeit – ohne dabei in Nostalgie abzudriften. Parallelen zieht er nicht nur zwischen Orten und Zeiten, sondern auch zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

In eine Videoarbeit integriert er Passagen aus dem Roman "The City and the City" des britischen Fantasy-Autors China Miéville. Darin geht es um die Existenz von zwei separaten Städten in einem gemeinsamen Raum. Diese Idee überträgt Nancaˇ auf Berlin als ehemals geteilte Stadt. Wer von außen zu Besuch komme, überlege immer wieder, in welchem Teil er sich gerade befinde, erzählt der Künstler.

Auch Rumänien wollte eine Uhr

Eine beinahe surreale Parallele, die er bei seinen Forschungen gefunden hat, ist die kleine Weltzeituhr aus der rumänischen Stadt Faˇlticeni. Der Bürgermeister des Ortes sei in den 1980er-Jahren nach Berlin gereist und wollte auch so eine Uhr haben, erzählt der Künstler. Freunde, die dort aufgewachsen sind, stellten ihm alte Fotos zu Verfügung. In seinem Film schieben sich historische Familienaufnahmen an der rumänischen Uhr vor aktuelle Aufnahmen auf dem Alexanderplatz.

Vlad Nancaˇ hat Mathematik und Physik, später Fotografie und Video studiert. Ein großes Atelier brauche er nicht. "Meine Arbeit ist mobil", erzählt er. Häufig arbeitet er mit Fotografien. "Daraus baue ein Archiv der Erinnerungen", erzählt er. Die Idee, Architektur aus sozialistischen Zeiten zu bewahren, sei in Rumänien nicht sehr verbreitet. In den 1980er-Jahren habe man wegen der Armut nicht modernisieren können. "Heute hingegen leben wir in einer Wegwerfgesellschaft", sagt der Künstler.

Vlad Nancă: "The City and the City", bis 14. Dezember, Kunstverein Ost e.V., Leipziger Straße 47/Eingang Jerusalemer Straße, Berlin-Mitte, geöffnet Mi bis Sa  14 – 18 Uhr; Infos unter https://kvost.de/kunstverein

Ost-Künstlerim Fokus

Der Kunstverein Ost wurde 2018 gegründet und widmet sich der Förderung von Künstlern, die aus Osteuropa stammen oder andere Bezüge dorthin haben. Der Verein bietet unter anderem Atelierstipendien, ein Artist-in-Residence Programm und Diskussionsveranstaltungen.

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