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30 Jahre Mauerfall
Künstlerkollektiv "Panzerkreuzer Rotkäppchen" inszeniert Alexanderplatz-Großdemo

Wollen Zeitgeschehen als Theater begreifen: Regisseurin Susann Neuenfeldt (l.) und Choreografin Maike Möller-Engemann vom Künstlerkollektiv "Panzerkreuzer Rotkäppchen"
Wollen Zeitgeschehen als Theater begreifen: Regisseurin Susann Neuenfeldt (l.) und Choreografin Maike Möller-Engemann vom Künstlerkollektiv "Panzerkreuzer Rotkäppchen" © Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 02.11.2019, 06:00 Uhr
Berlin Inmitten des Trubels auf dem Berliner Alexanderplatz stehen zwei Frauen und schauen in die Ferne – die Haare vom Wind verweht, die Lippen rot, die Blicke klar und ernst.

Hier, an diesem Ort, werden sie am 4. November gemeinsam mit knapp 60 jungen und älteren Frauen die größte freie Demonstration der DDR in die Gegenwart holen.

"Nachstellen" wäre das falsche Wort für das, was die Regisseurin Susann Neuenfeldt und die Choreografin Maike Möller-Engemann vorhaben. Den Mitgliedern des Künstlerkollektivs "Panzerkreuzer Rotkäppchen" (PKRK) geht es nicht um historisches Reenactment, wie es in Fernseh-Dokumentationen praktiziert wird. Ziel ist die künstlerische Auseinandersetzung mit einem Ereignis, das selbst schon theatralen Charakter hatte. Susann Neuenfeldt vergleicht die riesige, von der Führung der DDR erlaubte Demonstration mit einem Theaterstück – inklusive Kostümen und Sprechakten. "Es war ein Stück, das nie geprobt und nur einmal aufgeführt wurde. Und es wurde schon abgesetzt, ehe die Schauspielerin Steffi Spira die letzten Worte gesprochen hatte."

Die Demonstration am 4. November in Berlin ist ein zentrales Puzzleteil der friedlichen Revolution. Doch innerhalb der offiziellen Erinnerungskultur verschwinde dieses Datum, sagt Susann Neuenfeldt. Der 4. November werde vom 9. November, dem Tag des Mauerfall, förmlich überschrieben.

Plakate mitbringen erwünscht

Das 2009 gegründete Künstlerkollektiv setzt sich mit DDR- und postsowjetischen Themen auseinander. Schon lange gärte die Idee, den 4. November umzusetzen, erzählt die aus Schwedt (Uckermark) stammende Regisseurin Susann Neuenfeldt. Vor anderthalb Jahren habe die Gruppe einen Antrag geschrieben – und unter anderem von Marianne Birthler, der ehemaligen Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, große Unterstützung erhalten. Seit Anfang des Jahres sind die Bundeszentrale für politische Bildung und die gemeinnützige Kulturprojekte Berlin GmbH Kooperationspartner. So wurde das Projekt Teil der offiziellen Festivalwoche anlässlich des 30. Jahrestags der Friedlichen Revolution und des Mauerfalls.

Am Montagabend ist das Publikum auf dem Alexanderplatz als Teil der Masse eingeladen, zu demonstrieren und Plakate mitzubringen. Das "Theater der Revolution" arbeitet mit Sound, Schauspiel und Tanz. Die Inszenierung entstand auf Grundlage von Original-Reden, aber setzt auf künstlerische Verfremdung und Aktualisierung. Die Rede von Marianne Birthler beispielsweise wird von einer jungen Fridays-For-Future-Aktivistin neu interpretiert. Die 14-Jährige habe ihren Text selbst geschrieben, erzählt Susann Neuenfeldt.

Der Inszenierung ging eine Recherchephase voraus, in der das PKRK-Team mit Zeitzeugen gesprochen hat, um eine Idee für die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Stimmungen zu bekommen, die sich an den 4. November knüpfen. Dabei sollen auch solche Perspektiven einbezogen werden, die in der offiziellen Erinnerungskultur ungehört bleiben. Verblasst sei beispielsweise der Frust, sagt die Regisseurin. "Aber noch wichtiger sind die Ambivalenz und das Wirrwarr der Gefühle." Die Inszenierung soll diesen Emotionen Raum geben. Das ist den Theatermacherinnen auch deshalb wichtig, weil sie dieses Feld nicht den Neuen Rechten überlassen wollen.

Susann Neuenfeldt aber beobachtet, dass sich etwas tut. Es scheint, als würde die verbreitete Ignoranz gegenüber DDR-Themen langsam bröckeln. Zumindest erlebt das "Panzerkreuzer Rotkäppchen" so. "Kein Mensch hat sich vor zehn Jahren für unser Theater interessiert. Jetzt sind wir en vogue", sagt Susann Neuenfeldt, die 1974 in Schwedt/Oder geboren wurde. Dort begann sie, sich fürs Theater zu interessieren. "Ich habe es als einen Ort erfahren, der mit Kritik und Umbruch konstruktiv umgegangen ist", erzählt die Regisseurin, die unter anderem an der Volksbühne, am Maxim-Gorki-Theater, am Ballhaus Ost gearbeitet hat. Auch in Schwedt hat sie Projekte realisiert – unter anderem "Ab nach Schwedt", in dem es um das ehemalige NVA-Gefängnis ging. Dabei hat sie mit dem Schwedter Stadtchor zusammengearbeitet. "Das war sehr schön", erzählt sie und lädt im selben Atemzug die Sängerinnen und Sänger ein, am 4. November am Alexanderplatz mitzumischen.

An jenem Tag vor 30 Jahren saß Susann Neuenfeldt gebannt vor dem Fernseher. Als Teenager habe sie noch nicht verstanden, was da vor sich ging. "Ich war enttäuscht, wie langweilig und lethargisch das war", erzählt sie. Vermisst habe sie neben Krawall und Aufruhr auch den Dialog mit den Demonstrierenden.

Im Panzerkreuzer-Rotkäppchen-Team hingegen wird viel diskutiert. Dort treffen neben unterschiedlichen Altersstufen auch Ost- und Westsozialisationen aufeinander. Während Susann Neuenfeldt sich als Jugendliche in Brandenburg mehr Action wünschte, bekam die damals achtjährige Choreografin Maike Möller-Engemann im Rheinland gar nichts mit. An den Mauerfall könne sie sich erinnern, nicht aber an den 4. November, erzählt sie. "Als Kind und Jugendliche mit meiner westdeutschen Bildung habe ich diesen Tag nicht kennengelernt." Damals habe sie gedacht: "Die Mauer geht auf und alle sind glücklich". Dass die Freude nicht ungetrübt war, sei ihr erst später deutlich geworden.

Eine ästhetische wie politische Entscheidung des Künstlerkollektivs war, für ihr "Theater der Revolution" nur Frauen zu engagieren. Auf den historischen Aufnahmen sähe man viele Männer mit Schnurrbärten, sagt Susann Neuenfeldt. PKRK aber setzt auf einen rein weiblichen Protest. Eine Ausnahme ist der Punkrocker Hans Narva, der auch bei "Ab nach Schwedt" mitgewirkt hat. "Seine Sounds treffen direkt in den Emotrouble", sagt Susann Neuenfeldt.

Auf welche Emotionen das "Theater der Revolution" am Montag beim Publikum stößt, wird sich zeigen. Wie beim Original gilt: Nach der Premiere ist Schluss. Es gibt keine zweite Chance.

"4-11-89 Theater der Revolution", 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz, Beginn 17.30 Uhr, Dauer ca. 2 Stunden, Open Air, Eintritt frei, www.4november89.de

4. November 1989

Die erste genehmigte nichtstaatliche Demonstration der DDR fand am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz statt. Schriftsteller, Schauspieler, Bürgerrechtler und andere Prominente – darunter Gregor Gysi, Christa Wolf und Heiner Müller – sprachen an diesem Tag zu den Hunderttausenden, die sich versammelt hatten. Es ging um die Kritik an Staat und Partei, um die Forderung nach Reformen und um das Recht auf Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. ⇥id

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