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Ehrenbürger
Märkische Forschungen: Günter de Bruyns Leben und Werk

Uwe Stiehler / 03.11.2019, 12:35 Uhr - Aktualisiert 03.11.2019, 13:09
Beeskow (Freier Autor) Es klebt an ihm der Ruf, mit seinen vielen Büchern über die Mark so etwas wie der neue Fontane zu sein. Vielleicht ist das der Grund, dass Günter der Bruyn an diesem Sonnabend – also im Fontanejahr – auf der Burg Beeskow zum Ehrenbürger des Landkreises Oder-Spree ernannt wird. Einen Tag nach seinem 93. Geburtstag würdigt man einen Autor, der in seiner südlich von Beeskow gelegenen Waldeinsamkeit die Kulturgeschichte Brandenburgs seit Jahrzehnten literarisch aufarbeitet. Er erinnert wieder und wieder daran, welche kulturelle Vielfalt auf dem sandigen Grund der Mark hatte gedeihen können und welche schreibenden Eigenbrötler und literarischen Talente einst Brandenburg bewohnten oder besangen. Heinrich Heine verspottete sie in seiner "Romantischen Schule" noch als "Dursthälse", "die im märkischen Sande saßen". Wahrscheinlich hat niemand mit so viel Ausdauer das Heine’sche Vorurteil zu entkräften versucht wie Günter de Bruyn.

Bei ihm treffen die politischen Umstände auf Neigung, als er mit Christa Wolfs Mann Gerhard Ende der 70er-Jahre den Plan ausbrütet, sich eine Nische zu suchen, in der ihre Arbeit weniger den Repressionen der realsozialistischen Gegenwart ausgesetzt sein würde und in der sie zugleich ihre Vorliebe für die märkischen Romantiker ausleben können. Daraus wird schließlich eine Buchreihe, für die Gerhard Wolf den Titel "Märkischer Dichtergarten" erfindet.

Eigenwillige Fluchtbewegungen

Auch das ist eine der Fluchtbewegungen, die unter DDR-Künstlern in Folge der Biermann-Ausbürgerung einsetzt. Sie führt in diesem Fall nicht in den Westen, sondern nach Brandenburg, zu dem dichtenden Pfarrer Schmidt von Werneuchen, zu den Arnims, zu Ewald Christian von Kleist und zu Frauen wie Fanny Lewald und Anna Louisa Karsch. Sie hat nicht nur Unterhaltungslyrik zusammengereimt, sondern Ende des 18. Jahrhunderts bereits dichtend eine Gesellschaft anklagt, die es gewohnt war, in Frauen nur Objekte zu sehen: "Ohne Neigung, die ich oft beschreibe / Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe / Ward zur Mutter, wie im wilden Krieg".

Als Geschichtsschreibung noch beinahe ausnahmslos auf Männer schaut, widmet sich de Bruyn bei seinen Streifzügen durch die Vergangenheit der Mark wiederholt bemerkenswerten Frauen. Er schreibt über sie wie im Falle der Gräfin Elisa von Ahlefeld aus "reiner Freude" an seiner "zwei Jahrhunderte überbrückenden Liebe" zu ihr. Diese Frau wirbt an der Seite des Majors von Lützow im Breslauer Gasthof "Zum goldenen Zepter" während der Befreiungskriege um Freiwillige für ein Freicorps, dessen Ruf bedeutender ist als seine tatsächliche militärische Leistung. 1825 lässt sich die Gräfin scheiden, um mit dem acht Jahre jüngeren Schriftsteller Karl Immermann in wilder Ehe zusammenzuleben. Das alles malt de Bruyn in der 2012 vorgelegten Biografie wunderbar aus.

Selbst in hohem Alter erscheinen immer noch neue Bücher: eines, mit feiner Ironie durchzogenes, über die letzte erotische Verirrung des greisen Staatskanzlers Hardenberg, eines über den weitgehend vergessenen Dichter Zacharias Werner, eines über Schloss Kossenblatt, und seine viel beachtete, Mitte der 70er-Jahre vorgelegte Jean-Paul-Biografie hat er in großen Teilen neu geschrieben und 2013 noch einmal veröffentlicht. Die Urfassung dieses Bandes entsteht in einer Zeit, die er in biografischen Schriften die der persönlichen Krisen nennt. Genauer wird er dabei nur in einem Punkt: Die Stasi setzt ihm zu. Mit Lügen und fingierten Briefen will sie ihn, seine Verunsicherung und Naivität ausnutzend, als Spitzel rekrutieren. De Bruyn weist das von sich und merkt erst hinterher, wie er ausgehorcht wird. Aus dem missglückten Anwerbeversuch macht die Stasi einen operativen Vorgang.

De Bruyn sitzen von da an die Spitzel im Nacken. Sie beobachten einen Autor, der dem autokratischen System der DDR nicht die leiseste Sympathie entgegenbringen kann. Zu sehr stoßen ihn die kleinen und großen Diktatoren und die karrierefixierten Fahnenträger ab. De Bruyn, der sich während seiner Kindheit in Berlin der HJ entzieht, von der Schulbank weggeholt und an die Flak gestellt wird, misstraut seit den Hitler-Jahren dem Gegröle von Parolen und dem Unfehlbarkeitsanspruch einer Partei.

Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft arbeitet er drei Jahre als Dorfschullehrer. Seiner Liebe zu Büchern wegen studiert er an einer Bibliothekarsschule in Berlin und arbeitet längere Zeit am Zentralinstitut für Bibliothekswesen der DDR. Es dauert einige Zeit, bis der Schriftsteller in ihm über den Bibliothekar hinauswächst. Aber mit Anfang/Mitte 30 hat de Bruyn endlich mit sich ausgemacht, nicht als Institutssklave enden, sondern als freier Schriftsteller leben zu wollen. 1963 veröffentlicht er seinen ersten Roman. "Der Hohlweg" heißt er. De Bruyn nennt ihn später nur den "Holzweg" und kritisiert an sich, er habe sich auf zu viele Kompromisse eingelassen, um gedruckt zu werden. Der mit 10 000 DDR-Mark dotierte Preis, den er für diesen Roman bekommen habe, sei mehr seiner Willfährigkeit als seinem literarischen Können geschuldet gewesen.

Literarisch verbogen hat er sich seitdem nie mehr. Er ist aber auch kein Biermann gewesen, der die Konfrontation provoziert und sich an ihr nährt. De Bruyn will keinen Krawall, sondern unbehelligt schreiben. Er versucht, durch seine leisere Art seine Freiheit als Autor zu retten und versucht es mit Rückzug. Er baut sich einen eremitischen Flucht-ort in der Nähe von Beeskow aus und träumt davon, sein Leben als freier Schriftsteller durch Pferdezucht zu finanzieren. Der Plan endet als romanhafte Posse. Beim Reitenlernen bricht er sich beide Handgelenke, und die widerborstigen Ponys, mit denen er es versucht, treiben ihn mental und finanziell an den Rand des Ruins. Erst als er sie verkaufen kann, hat er die Autonomie wiedergewonnen, derentwegen es ihn in die märkische Waldeinsamkeit zieht.

Ehrenbürger der Gemeinde Tauche – das ist Günter de Bruyn seit einigen Monaten. Nun also auch Ehrenbürger des Landkreis Oder-Spree.
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Günter de Bruyn wird Ehrenbürger des Landkreis Oder-Spree

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Die Idee, es der Freiheit wegen im Westen zu versuchen, verwirft er immer wieder. Mehr als einmal hätte er die Chance, nach Lesungen und Vortragsreisen jenseits der Mauer zu bleiben. An lukrativen Angeboten mangelt es nicht. Doch kehrt er immer wieder zurück. In dem Staat, der ihm nichts bedeutet, halten ihn Familienbande, Ängstlichkeit und seine Verwurzelung im Märkischen. Sein Ausharren hat auch weniger damit zu tun, dass er seine Leser in der DDR nicht im Stich lassen will. Für zwei Bücher liebt ihn dieses, begierig zwischen den Zeilen lesende Publikum besonders: "Märkische Forschungen" und "Neue Herrlichkeit". Im ersten, das Mitte der 70er-Jahre auf den Markt kommt, erzählt er von einem Lehrer, der einen vergessenen Dichter der Befreiungskriege wieder ans Licht holt und dabei mit einem Elite-Historiker der DDR aneinandergerät, der aus eben dieser Figur einen Revolutionär machen möchte und dabei vor Geschichtsverfälschung nicht zurückschreckt. Hauptsache, der Gepriesene ist posthum auf Parteilinie gebracht.

In dem zehn Jahre später veröffentlichten Band "Neue Herrlichkeit" erzählt de Bruyn in einem unschuldigen Plauderton vom Sohn eines Parteibonzen, dessen Antriebslosigkeit den Kontrast bildet zum Ehrgeiz und der Machtgeilheit des Vaters. Das Buch spielt in einem zum Erholungsheim für die Elite umfunktionierten Bauernhof, dessen Erbauer ihn einst "Neue Herrlichkeit" getauft hatte. Noch immer lehrt dieser Roman, den Kulturbetrieb der DDR nicht zu pauschalisieren. Denn dass ein Buch in der DDR erscheinen konnte, das die obersten Parteigenossen als selbstherrliche, dynastisch denkende Feudalherren auftreten lässt, sagt einiges über die Undurchsichtigkeit des Geflechts zwischen Autor, Lektor, Verlag und Zensurbehörde, die es offiziell ja nicht gab, bei der de Bruyn aber immer wieder aneckte.

Er hat damals nicht nach dem Zeitgeist geschrieben, und macht das auch heute nicht. Das hat er bis zu seinem jüngsten, 2018 veröffentlichten Roman "Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll" durchgehalten. Er schimpft darin über den Sprachschlendrian der Gegenwart und eine martialische Gentrifizierung der Sprache, die gegen alle grammatischen Regeln sei. Vielleicht hat er damit die Gleichstellungsbeauftragten aller Städte und Universitäten gegen sich aufgebracht. Aber warum sollte man sich mit 93 Jahren deshalb beunruhigen?

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