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Wendegeschichten
Theaterleiterin Christine Weigand erinnert sich an den 9. November im Kino International

Christina Tilmann / 09.11.2019, 16:31 Uhr - Aktualisiert 09.11.2019, 16:52
Berlin (MOZ) Wenn sie erzählt, läuft es ab wie ein Film. Wie am 9. November 1989, einem Donnerstag, im Ostberliner Premierenkino International Heiner Carows "Coming Out" auf dem Programm stand, und alle etwas nervös waren: Es war eine besondere Premiere und ein besonderer Film.

Die Thematik, ein junger Lehrer, der entdeckt, dass er schwul ist, war neu im Defa-Film. Zur Filmpremiere hatten sich so viele Menschen angesagt, dass gleich noch eine zweite Filmvorstellung angehängt wurde.

Als das Hausteam während der Vorstellung im Foyer wartete, tauchte der Technische Leiter auf und erzählte ganz aufgeregt, er habe gehört, man dürfe jetzt auch ohne Verwandte zu besuchen in den Westen. "Na, das wäre ja toll", dachten die Anwesenden etwas skeptisch. Doch dann platzt Dagmar Manzel, die erst zum Empfang kommen konnte, weil sie zuvor noch Vorstellung im Deutschen Theater hatte, in die Runde und erzählt: "Kinder, Kinder, ich komme gerade von der Friedrichstraße, da stehen Tausende von Menschen, die wollen alle rüber".

Sie wollte eigentlich nur ins Bett

Christine Weigand war die Theaterleiterin des International, seit 1984 und bis 1999. Und sie erinnert sich noch genau an ihre gemischten Gefühle an diesem Tag: der Unglauben, das Nicht-Realisieren, und auch die Sorge: Ach, jetzt gehen endgültig alle nach drüben, das ist der Exodus. Sie sei ohnehin nicht ganz fit gewesen an diesem Tag, erzählt sie wenige Tage vor dem 30. Jahrestag im Café in Köpenick, wo sie damals wohnte und noch heute wohnt, und habe eigentlich nur nach Hause ins Bett gewollt. Aber als alle anderen schon aufgebrochen waren zur Premierenparty im "Burgfrieden" in der Wichertstraße, habe es an ihr Fenster geklopft, und Regisseur Heiner Carow stand dort mit Drehbuchautor Wolfram Witt und fragte: "Kannste mir ‘ne Taxe rufen".

Nachdem das Taxi dann endlich gekommen war, sei sie mitgefahren, und vor der Schönhauser Straße sei nichts mehr gegangen, Autos, Hupen, Stau, so viele Autos um Mitternacht, und der Mann im Trabi hinter ihr sei im Schlafanzug gewesen. "Sagen Sie mal, es heißt, man kann jetzt rüberfahren?" haben sie den Taxifahrer gefragt und der habe geantwortet: "Ja, ein Kollege von mir war schon drüben."

So richtig haben sie damals nicht realisiert, was passiert sei, erzählt sie, und es ist ihr im Rückblick fast ein bisschen peinlich. Carow und Witt seien dann zu Fuß weitergelaufen zur Premierenparty. Sie selbst sei nach Hause gefahren, habe noch einmal den Fernseher angemacht, die Menschenmengen an der Grenze gesehen, und sich dann wie betäubt ins Bett gelegt. "Mal sehen, was am nächsten Tag ist". Und am nächsten Tag war die Teilung Geschichte.

Im Februar war das International Berlinale-Kino, und bald war das Kino endgültig auch bei West-Publikum angenommen. Was nicht heißt, dass nicht zuvor auch schon West-Filme dort gelaufen wären: "Jenseits von Afrika", "Amadeus" oder "Rain Man" hat man gezeigt. Bei "Dirty Dancing", erinnert sich Christine Weigand, seien die Besucherschlangen bis zum U-Bahn-Eingang gestanden, und sie hätten den Film im Zweistundentakt sechs Mal täglich gezeigt. Und die jungen Frauen hätten vor dem Kino auf der Straße getanzt.

Christine Weigand bleibt bis 1999 im International, das der West-Berliner Kinobetreiber Georg Kloster 1991 mit seiner Yorck-Kinogruppe übernommen hat. Der Abschied fällt ihr nicht so schwer, das Kino sei nicht mehr das, was es zu DDR-Zeiten gewesen sei. Sie schwärmt noch heute von den Filmgesprächen, der Nachtvorstellung und den Parties. "Wir mussten noch Kulturwissenschaft studieren – heute studiert man Betriebswissenschaft". Nicht Einnahmen, sondern Besucherzahlen seien das Wichtigste gewesen. Kino damals sei ein Kulturerlebnis gewesen. Heute sei es Unterhaltung.

23 Jahre nach dem Eklat

Doch Weigands schönstes Erlebnis fand erst einige Wochen später statt. Vor 23 Jahren, am 30. Juni 1966, war es im International bei der Filmpremiere zu Frank Beyers "Spur der Steine" zum Eklat gekommen, der Film wurde wenige Tage darauf abgesetzt. Im November 1989, erzählt die Kinofrau, hatten sie die Idee, noch einmal eine Filmvorführung anzusetzen, und dazu Manfred Krug einzuladen, der die DDR 1977 verlassen hatte – nun, da die Mauer wieder offen war.

Und wieder war der Andrang so groß, dass sie zwei Vorstellungen hintereinander spielen. Die Premierenparty hätten sie in die sogenannte "Honecker-Lounge" verlegt, in der Honecker freilich nie gewesen sei. Weil ja immerhin auch Egon Krenz dabei gewesen sei, und damit es keine Störung mit den Kinobesuchern der zweiten Vorstellung gab. Und weil sie dort so lang, so gut und fröhlich gefeiert hätten, sei spontan die Idee entstanden, nach Ende der zweiten Vorstellung noch mal auf die Bühne zu gehen und das Publikum zu begrüßen.

Freundlicher Applaus, als Egon Krenz, Regisseur Frank Beyer und Autor Erik Neutsch angekündigt wurden. Doch dann sei Manfred Krug auf die Bühne gekommen, und der ganze Saal sei überrascht aufgesprungen, ein Jubel, eine unglaubliche Stimmung. Die ansonsten so beherrschte Christine Weigand bekommt noch heute Tränen in die Augen, als sie davon erzählt. Ja, Manfred Krug und die Wiederaufführung von "Spur der Steine", das war ihr allerschönstes Erlebnis im International.

Zum 30. Jahrestag der Filmpremiere läuft am 9. November um 20.30 Uhr noch einmal "Coming Out" im International.

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