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Ausstellung
Weltbürger auf der Suche

Boris Kruse / 22.11.2019, 08:15 Uhr
Berlin (MOZ) Sogar sein Schreibtisch hatte Rollen: Alexander von Humboldt (1769–1859) war buchstäblich immer in Bewegung. Der Inbegriff eines mobilen, rastlosen, kosmopolitischen Forschers, der in die entlegensten Winkel der Erde vordringt.

Dieser historische Tisch – ein eher unprätentiöses, praktisches Möbelstück – wird nun erstmals in Berlin gezeigt. Als Teil einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, die den Brüdern Alexander und Wilhelm (1767–1835) zu gleichen Teilen gewidmet ist.

Als abenteuerlustigen Naturforscher kennt man den einen (Alexander), als Sprachforscher, Bildungsreformer und Ministerialbürokraten den anderen (Wilhelm). Es sind überkommene Narrative, die die beiden Kuratoren, die Kunsthistoriker Bénédicte Savoy und David Blankenstein, die beide an der Technischen Universität Berlin forschen, ein Stück weit hinterfragen und zur Disposition stellen.

Keine neue Heiligengeschichte

Sie wollten "keine weitere Hagiographie schreiben" so Savoy, keine Helden- oder Heiligengeschichte von überragenden Forschergenies. Vielmehr legen sie einen Fokus darauf, die beiden in Tegel aufgewachsenen Söhne einer adeligen Familie als Zeitgenossen zu zeigen, die, eingebettet in ein starkes Netzwerk und mit allen Privilegien ausgestattet, beeindruckende Karrieren im preußischen Staatswesen machen konnten. Als weit gereiste Kosmopoliten – das gilt auch für den angeblich so bürokratischen Wilhelm – und überzeugte Europäer.

Anlass für die umfangreiche Schau ist der 250. Geburtstag Alexander von Humboldts am 14. September. Insgesamt 350 Einzelstücke aus der Humboldt-Zeit haben Savoy und Blankenstein aus ganz Europa zusammengetragen – Gebrauchsgegenstände der Brüder und Sammlungsobjekte, ethnologische und naturkundliche Artefakte, Kunstwerke und jede Menge Schriftstücke. 2014 hatten Savoy und Blankenstein bereits eine Ausstellung im Observatoire de Paris betreut, die den Humboldts gewidmet war.

Ein Abschnitt der Schau trägt den Titel "Kindheit ohne Gott"; er zeigt, wie Wilhelm und Alexander schon durch den häuslichen Privatunterricht bei dem aufklärerisch gesinnten Johann Christian Kunth einen weiteren Horizont mit auf den Weg bekamen als die Sprösslinge anderer Adelsfamilien, die meist konfessionelle Eliteschulen besuchten.

Dann der Einbruch der französischen Revolution in das Leben der Anfang-Zwanziger. Eine Abteilung, die laut Bénédicte Savoy zeigen soll, wie unter dem Eindruck der Geschehnisse "Lebensläufe junger Leute sich beschleunigen, wie sie sich öffnen, auch in erotischer Hinsicht". Die Schau dokumentiert dies unter anderem durch glühende Briefe der Humboldt-Brüder, die damals in die Einflusssphäre der Autorin und Salon-Gastgeberin Henriette Herz (1764–1847) geraten waren.

Den Mittelpunkt der Schau bilden aber Artefakte, die das Leben der Humboldt-Brüder als Forscher abbilden. Ein Krokodil aus Marmor lauert in der Mitte des großen Saales, das Maul ist halb geöffnet. Es ist eine Arbeit aus der römischen Antike, die Alexander von Humboldt 1805 in der ewigen Stadt ausgestellt sah, nachdem er gerade von seiner großen Amerika-Forschungsreise (1799–1804) zurückgekehrt war. In Rom traf Alexander damals seinen Bruder wieder, der dort Preußischer Gesandter beim Heiligen Stuhl war.

In Exponaten wie diesem laufen die Erzählungen und Lebensthemen der Humboldt-Brüder mustergültig zusammen: die Geschichtsforschung, die Verehrung der Antike. Reisen und Exotismus. Naturkundliches Interesse. Denn Alexander kann natürlich nicht anders, als – seine eigenen Eindrücke vom Orinoco waren da noch ganz frisch – dem Marmortier in den Rachen zu starren und die Zahnreihen durchzuzählen.

Es ist eine sehr sinnliche Ausstellung geworden, die noch dazu ohne Einsatz von Multimedia-Elementen und ohne flackernde Bildschirme auskommt. Stattdessen gibt es zum Beispiel eine Geruchsstation, für die ein Parfumeur die von Alexander von Humboldt beschriebenen Geruchserlebnisse seiner Reise nachempfunden hat: schwefelhaltige Vulkanluft zum Beispiel und ein mexikanisches Getränk aus vergorenen Früchten. Gemälde, Landschaftsdioramen, Landkarten und Tabellen entführen in die Wissenschaftswelt um 1800.

Am Ende können Besucher auf einem mehrteiligen Panorama-Gemälde den Blick vom Dach der Friedrichwerderschen Kirche über das Berlin des 19. Jahrhunderts schweifen lassen. Dahin, wo heute ihr Wirken mit der Humboldt-Uni und bald auch dem Humboldt-Forum fortlebt.

Ausstellung bis 19.4.2020, täglich 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte, Tel. 030 203040,www.dhm.de

Wissenschaftsgeschichte als Geschichte der Sieger

Das Projekt "Wilhelm und Alexander von Humboldt" soll laut Kuratorin Bénédicte Savoy zeigen, dass Geschichte immer konstruiert ist – und insbesondere, dass die Forschungshistorie meist die Geschichte siegreicher Mächte ist. Denn so, wie die Humboldts ihre beeindruckenden Karrieren kaum ohne ihren privilegierten Hintergrund hätten machen können, so wäre auch das Sammeln von Artefakten aus aller Welt damals kaum ohne das europäische Streben nach Eroberungen möglich gewesen, sprich ohne den Kolonialismus. Die Berliner Schau arbeitet diese Zusammenhänge kritisch auf. Eine ironische Fußnote dazu: Bénédicte Savoy war 2017 aus der Expertenkommission des Berliner Humboldt-Forums ausgetreten, weil sie die Provenienzforschung zur ethnologischen Sammlung des Hauses als mangelhaft ansah. ⇥bkr

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