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Faust im Staatstheater Cottbus
Das Gute und Schöne im schmerzhaften Prozess

Goethes "Faust" im Staatstheater Cottbus. (Symbolfoto)
Goethes "Faust" im Staatstheater Cottbus. (Symbolfoto) © Foto: Marcus Brandt/dpa
Thomas Klatt / 27.11.2019, 07:15 Uhr - Aktualisiert 27.11.2019, 08:31
Cottbus (MOZ) Er ist das Heiligtum der Weimarer Klassik, seit 250 Jahren eine Ikone des deutschen Bildungstheaters. Die Verkörperung des Edlen, Guten und Schönen im schmerzhaften Erkenntnisprozess über die Dinge der Welt, in der sich der Held auch mal einen Fehltritt mit Todesfolge leisten kann. Goethes "Faust" kommt an diesem Sonnabend am Staatstheater Cottbus zur Premiere. Regie führt der Schauspieldirektor des Hauses, Jo Fabian.

Der hat im Publikum wohl gleichermaßen Freund wie Feind. Letztere wegen seiner unkonventionellen Inszenierungen, die oftmals Spiel, Tanz, Video, Performance und andere moderne Formen des Theaters verbindet. Nicht jedem gefällt das. Wie dem designierten Intendanten des Hauses, Stephan Märki. Er hatte zum Ende der Spielzeit Fabians Vertrag als Schauspieldirektor nicht verlängert.

Die Frage an Fabian drängt sich auf, ob das die Inszenierung beeinflussen würde. Nicht im Geringsten sei es so, sagt Fabian. Hier gehe es nicht um den Einzelnen, sondern um die großen Fragen des Lebens und des Theaters. Das lebe zwar von der Mündigkeit seiner Akteure, die jedoch würde im "Faust" nicht verhandelt.

Fabian will mehr. Sein erstes Motiv ist ein politisches. Wenn die AfD Nationaltheater will, dann soll sie es bekommen! Dann aber nicht so, wie man es sich in den Parteibüros vorstelle, sondern auf die Fabian’sche Art. Nur wenig verrät er. Eines ist sicher: Das Bühnenbild ist dem Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig nachgestellt. Faust auf einem nationalen Sockel, von dem er hinunter will. Und nicht kann.

Kein Artenschutz für die Klassik

Womit Fabian bei der Frage ankommt: Ist das Nationaltheater tot? Ist die tradierte Figur des Faust nicht ein Auslaufmodell in einer immer stärker ineinandergreifenden Welt? Und wenn es so ist, warum spielen wir ihn nicht so?

Was macht es mit uns, wenn wir uns in den "Faust" lesend hineinwühlen?, fragt Fabian. Goethe habe Jahrzehnte an seinem Hauptwerk gearbeitet. Aufgeführt wurde es zu seinen Lebzeiten nicht. Der "Faust" wurde in den bürgerlich-adligen Salons, im Selbstbestätigungsbetrieb seiner Zeit, nur gelesen. Hat Goethe seinem Text nicht vertraut, ihm die Bühnenreife nie erteilt? War er ein Suchender, ein Verzweifelter, der weit weniger den Held ausstrahlte, als es später die Biografen darstellten?

Wie kommt man dem bei? Eine Distanz zum Werk herstellen, nennt es Fabian. Und dann fragen, was der "Faust" mit uns zu tun habe. Fabian geht noch weiter: Ist die Klassik reformierbar?, fragt er. Unter Artenschutz stehe sie jedenfalls nicht. Und was wäre, wenn Goethe gar nicht die moralische Instanz sein wollte, zu der er später erhoben wurde?

Brecht war da mutiger. Er hatte sich schließlich 150 Jahre später als Alter Ego den "Baal" zugelegt – diesen skrupellosen Unhold, den er mit allen vorstellbaren Miesheiten ausstattet. Die Schurkerei als männliche Normalität. Mephisto als Steigbügelhalter des Bösen, das nicht zu stoppen ist. Aber wäre das nicht das Ende des Theaters als Erziehungsanstalt?

Fabians "Faust" bietet ausreichend Sprengstoff für Freund und Feind. Langweilig wird er auf keinen Fall werden.

Premiere: Sonnabend (30.11.), 19 Uhr (ausverkauft, evtl. Restkarten an der Abendkasse), Vorstellungen am 4. und 25.12., jeweils 19 Uhr, Staatstheater Cottbus, Kartentel. 0355 7824242

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