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Vortrag von Eva-Maria Barkhofen
Neues über Konrad Wachsmann

In der Europa-Universität Viadrina fand ein Vortrag über Konrad Wachsmann, geboren 1901 in Frankfurt (Oder), gestorben 1980 in Los Angeles statt.
In der Europa-Universität Viadrina fand ein Vortrag über Konrad Wachsmann, geboren 1901 in Frankfurt (Oder), gestorben 1980 in Los Angeles statt. © Foto: Patrick Pleul/dpa
Thomas Klatt / 29.11.2019, 08:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Er war ein Rebell, ein Aufmüpfiger, ein Anarchist, einer, dem jede Regel missfiel. Die Schule verließ er mit 16. Seine Familie wollte dem Rauswurf zuvorkommen. Das Leben und Werk von Konrad Wachsmann war das Thema eines Vortrages am Mittwochabend in der Frankfurter Universität Viadrina. Eingeladen hatte das "Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog".

Eva-Maria Barkhofen, Leiterin des Baukunstarchivs der Akademie der Künste, hat viel zu erzählen, hütet sie doch das wertvolle Archiv des weltbekannten Architekten, der im Jahre 1901 in Frankfurt (Oder) geboren wurde, später in die USA ging und von dort verfügte, dass seine sterblichen Überreste in seiner Heimatstadt seine letzte Ruhe fanden. Auch um die Übernahme des Archivs nach Frankfurt (Oder) habe man sich bemüht, wird in der lebhaften Diskussion im Anschluss deutlich. Allein der Ankauf war nicht zu finanzieren.  So kaufte es die Akademie der Künste.

Das Aufmüpfige in Wachsmann entstand wohl in seinem strengen Elternhaus, der Vater kaisertreu und nationalistisch. Nicht ungewöhnlich für seine Zeit, doch den kleinen Konrad missfällt das. Zunächst lernt er in Frankfurt Tischler, stellt Särge her für die Toten des Ersten Weltkrieges. Wenigpietätvoll legt er sich stundenweise hinein, um auszuruhen. Er will Architektur studieren, es zieht ihn ins Bauhaus nach Weimar, doch seine Mutter misstraut dem Lotterleben. Wachsmann landet in Berlin, da zunächst weniger in Vorlesungen, sondern eher im Romanischen Café. Dort verkehrten die intellektuellen Größen der Zeit. "Meine Universität" nennt es Wachsmann später.

Die frühen Konflikte des Unangepassten tun sich erneut auf. Muss immer das gemacht werden, was von einem erwartet wird? Oder ist nur der glücklich, der will, was er soll?, fragt Wachsmann in einem Brief an die Mutter, den Barkhofen präsentiert. Seiner "Mutterl", zu der er kein umkompliziertes Verhältnis hatte, hat er viel geschrieben; die Briefe, die in der Akademie lagern, sind wissenschaftlich noch nicht vollends erschlossen.

Bald wird er Meisterschüler von Hans Poelzig. Der vermittelt ihn zur Holzbaufirma Christopf & Unmack in die Oberlausitz. Dort entdeckt Wachsmann seine Leidenschaft: das Bauen mit Fertigteilen in Holz und Stahl. Sie wird ihn sein Leben lang begleiten. Nur zufällig liest er in einer Zeitung, dass der Physiker Albert Einstein ein Sommerhaus in Caputh bei Potsdam bauen will. Wachsmanns Thema! Er fährt mit Chauffeur über Nacht von Niesky zu Einstein und überzeugt ihn – nachdem er in der nächsten Nacht die Entwürfe erstellt hatte.

Das Haus in Caputh gehört zu den Wegmarken moderner Architektur in Deutschland. Aber bald zeigt sich ein tragisches Element in Wachsmanns Wirken. Außer Caputh, einige Häuser in Niesky und einem Wohnhaus in Jüterbog hat der Architekt in Deutschland nicht viel hinterlassen.

Erst in den USA, wo er mit Einsteins und Gropius’ Hilfe 1941 einreisen darf – er kommt aus einer jüdischen Familie –, sind seine Fähigkeiten gefragt. Er findet Sponsoren und Förderer, baut mit sogenannten Panels Fertigteilhäuser in Kalifornien. Alles darin war vormontiert, die Wasserleitungen verliefen innen – der Ästhetik wegen. Fünf ungelernte Handwerker sollten das Haus in kurzer Zeit aufbauen können. Und: Es funktionierte. Von den Tausenden Häusern sind nicht mehr viele übrig, weiß Barkhofen. Wirbelstürme und Termiten seien die Ursache dafür.

Wachsmann reist viel, hält Vorträge und gefällt sich in seinem Erfolg. Bei einer großen Ausstellung in den 60er-Jahren stellt der Architekt fest, dass viele seiner Entwürfe fehlen. Sie sind aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt worden. "Der Weg war ihm wichtiger als das Ziel", so Barkhofen. Schon in den 70er-Jahren sprach er von der dringenden Nachhaltigkeit des Bauens, die Ressourcen auf der Erde würden immer weniger. Da war das Wort Nachhaltigkeit im deutschen Wortschatz noch sehr unüblich.

Zu Einsteins 100. Geburtstag ist Wachsmann Gast in Berlin. In jenen Tagen entsteht auf der Basis von Tonband-Aufzeichnungen das Buch "Der Wachsmann-Report" des Frankfurter Journalisten Michael Grüning. Dass er in Barkhofens Vortrag kaum erwähnt wird, liegt wohl daran, dass sich der Architekt und Lebemann eher plaudernd über sein Leben und Werk äußerte. In der Akademie am Pariser Platz in Berlin ist sein Nachlass jedoch einsehbar – ganz wissenschaftlich.

Bücher über Wachsmann

Michael Grünings Buch "Der Wachsmann-Report" erschien 1989 im Verlag der Nation. Im April 2020 veröffentlicht der Verlag Birkhäuser ein neues Buch über Wachsmann, herausgegeben vom Institut für Architektur der Universität für angewandte Kunst Wien: "Stressing Wachsmann. Strukturen für eine Zukunft", hrg. von Klaus Bollinger und Klaus Medicus (rund 350 Seiten, 38,95 Euro). ⇥red

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