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Jo Fabian inszeniert in Cottbus
Goethes "Faust" als Satire auf den Kunst-Betrieb

Goethes "Faust" wird in Cottbus als Satire auf den Kunst-Betrieb inszeniert. (Symbolfoto: Goethe-Denkmal in Ilmenau)
Goethes "Faust" wird in Cottbus als Satire auf den Kunst-Betrieb inszeniert. (Symbolfoto: Goethe-Denkmal in Ilmenau) © Foto: Arifoto Ug/dpa
Christina Tilmann / 02.12.2019, 08:00 Uhr
Cottbus (MOZ) Der Deutsche Pavillon auf dem Gelände der Biennale-Gärten in Venedig hat schon viel gesehen. 1938 von Ernst Haiger monumental-klassizistisch umgebaut, haben sich schon viele Künstler an der faschistischen Formensprache abgearbeitet.

Gregor Schneider überbaute das ganze Gebäude, Hans Haacke riss den Innenraum zum Trümmerfeld auf, bei Tino Sehgal tänzelten Performer durch den Raum und skandierten "All art is so contemporary".

In Cottbus hat sich das Ausstellungsgebäude nun in den hell ausgeleuchteten "Faustsaal" verwandelt, samt Erklärtafeln, Museumsbänken und Saalaufsicht. In intelligentem Kurzschluss zwischen nationalsozialistischem Architekturprotz und der Forderung gewisser Politiker nach mehr nationalem Kulturgut auf deutschen Bühnen haben Regisseur Jo Fabian und seine Bühnenbildnerin Pascale Arndtz zur "interaktiven Faust-Ausstellung" geladen. Die Hauptfigur steht als Säulenheiliger auf dem Marmorpodest, gelegentlich durch Tauben besudelt, Mephisto (Boris Schwiebert) knallt die Peitsche, immer wieder irren verständnislose Kunst-Besucher durch die Räume.

Das gibt zunächst einmal jede Menge Stoff für amüsantes Kunstbetriebs-Bashing: Weil die Fernbedienung der Aufseherin Marthe Schwerdtlein (Susann Thiede) nicht richtig funktioniert, monologisiert Faust (Axel Strothmann) zunächst auf Japanisch, dann auf Englisch. Reinigungskraft Gretchen (Lara Feith) wischt mäßig motiviert den Marmorboden, während die von der Museumsführerin (Lisa Schützenberger) angeführte Besuchergruppe in Auerbachs Keller versackt. Und was mag der einsame Kunstbetrachter denken, der sich andachtsvoll in die Betrachtung des Feuerlöschers versenkt? All art is so contemporary...

So entsteht, über Band in drei Sprachen angesagt, ein leicht fassliches Stationendrama, das in den Kostümen (ebenfalls Pascale Arndtz) ebenso mit klassischen "Faust"-Ikonographien von Eugene Delacroix und Moritz von Schwindt spielt wie mit zeitgenössischer Videokunst – so flimmern auf Flachbildschirmen Filme mit Händen (Faust!) und Augen ("Verweile doch, oh Augenblick...). Auch mit aktuellen Seitenhieben wird nicht gespart: So hat Mephisto das Kästchen mit dem Geschmeide für Gretchen "von anderswo" hergeholt: aus Dresden!

Doch so intelligent-ironisch die Inszenierung zunächst mit zeitgenössischem und historischem Kulturgut spielt, der Spaß hat ein Ende, als es zur Sache geht. Die Kernstory haben Fabian und Dramaturg Jan Kauenhowen kaum verändert, und je mehr der durch drei  Hexen verjüngte Faust das "naive, junge Ding" Gretchen auf seine Seite bringt, desto ernsthafter und stückgetreuer wird die Inszenierung.

Hier endlich gehört die Bühne ganz Gaststar Lara Feith, die das Gretchen als kindliches, naives Ding spielt, mit dem Charme einer ganz jungen Romy Schneider. Wie eine Vierjährige wird sie von Bruder Valentin (David Kramer, ebenfalls als Gast) belehrt, sie dürfe nicht mit fremden Männern mitgehen, bringt dann in der Gartenszene ihre ersten Fragen nur stotternd hervor und ist, in einem großartig surrealen Bild, nur zu schnell mit eisernen Ketten an den Geliebten gebunden, die sich nicht mehr abstreifen lassen.

Wenn sie am Ende unter einem riesigen Holzkreuz dem Wahn verfällt, während Faust und Mephisto in Sadomaso-Kluft weder Rat noch Tat wissen, versinkt der Abend in dröhnender Heavy-Metal-Endlosschleife, und es bleibt der Eindruck, dass dem zeitgenössischen Zugriff die Luft ausgegangen ist. Das Drama ist stärker. Lang anhaltender Applaus, vor allem für die höchst engagiert aufspielenden Schauspieler.

"Faust": Staatstheater Cottbus, wieder am 4. und 25.12., Kartentelefon 0355 7824242

Jo Fabians letzter Streich

Mit "Faust" verabschiedet sichTheaterdirektor Jo Fabian vom Staatstheater Cottbus. Sein 2020 auslaufender Vertrag wurde von Intendant Stefan Märki nicht verlängert. Doch so ganz das Ende ist es noch nicht: Im Frühjahr folgt noch der "Antifaust", als "reflektierender Kommentar und utopische Aussicht", so der Regisseur.⇥red

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