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Kolumne
Wir sind kein ehemals kolonisiertes Land

Boris Kruse
Boris Kruse © Foto: MMH/Gerd Markert
Boris Kruse / 03.12.2019, 20:00 Uhr
Berlin (MOZ) Als das russische Verfassungsgericht im Jahr 1999 das sogenannte Beutekunstgesetz bestätigte, da schien auf lange Zeit alle Aussicht auf gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Kultureinrichtungen in Russland und Deutschland zunichte gemacht.

Das auch in Russland umstrittene Gesetz legt fest, dass alle von der Roten Armee in Folge des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmten Kulturgüter aus Deutschland in russisches Staatseigentum umgewandelt werden. Und die aktuellen Verhärtungen – Stichwort Ukraine, Stichwort Syrien, Stichwort mysteriöse Mordfälle – sind natürlich auch keine Hilfe.

Soweit die politische Großwetterlage. Hinter den Kulissen aber begann ein emsiges Netzwerkeln. Bibliothekare beider Seiten betreiben heute mit vereinten Kräften engagierte Provenienzforschung in den Archiven. Ähnlich ist es mit Restaurierungsvorhaben. Der Informationsfluss scheint offen und beiderseitig, wie die Beteiligten unter anderem von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) beteuern.

De Facto können Ausstellungen mit Stücken aus russischem und deutschem Kulturerbe aufgrund der verwickelten Rechtslage nicht in Deutschland laufen. Denn Russland müsste in Einheit mit seiner Auffassung die Rückgabe der Exponate vertraglich einfordern, während Deutschland mit der Unterzeichnung einer solchen Klausel seine Ansprüche preisgeben würde. Eine diplomatische Zwickmühle. Umgekehrt ist es aber sehr wohl möglich, dass Werke aus deutschen Beständen als Leihgabe nach Russland gehen. So werden in einigen Tagen Artefakte aus dem Alten Museum Berlin in der Eremitage gezeigt, wo sie die wiederentdeckte Bronzestatue Victoria von Calvatone ergänzen. An ihrer Restaurierung waren russische und deutsche Spezialisten beteiligt.

Was aber, wenn den zarten Annäherungen nun nicht der erhoffte Durchbruch bei der Rückführung folgen sollte? Wenn auf Ausstellungserfolge in Russland kein Umdenken auf politischer Ebene folgen sollte? Obacht: Das Thema Provenienzforschung hat durch den von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Auftrag gegebenen Bericht zur Restitution des afrikanischen Kulturerbes generell Auftrieb bekommen. Fehlgeleitet wäre es, wenn auf seine Initiative hin nun folgte, dass Deutschland auf ein Trittbrett aufsteigt. Dies ist kein ehemals kolonisiertes Land wie die, für die Macron sich einsetzt. Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg angefangen und in der Sowjetunion schlimmste Verwüstungen angerichtet. Etwas Zurückhaltung wäre wünschenswert.

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