Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ausstellung
Gerettete Filmplakate in Berlin

Frisch restauriert: Plakat zu "Die Männer von Aran" von 1934
Frisch restauriert: Plakat zu "Die Männer von Aran" von 1934 © Foto: Deutsche Kinemathek – Grafikarchiv
Hans-Jörg Rother / 05.12.2019, 08:21 Uhr
Berlin (MOZ) Authentisch muss es sein", sagt die Restauratorin und legt ihr Handwerkszeug beiseite, mit dem sie in tagelanger Arbeit ein Filmplakat aus den 1930er-Jahren so gut es ging wiederhergestellt hat. In warmen Farben wirbt es mit dem Gesicht einer jungen Frau, des französischen Stars mit dem Pseudonym Annabella, für "Fräulein Josette – meine Frau", einem Filmspaß aus Frankreich, der 1936 in die deutschen Kinos kam. Doch etwas stört: die weißen Quer- und Längsstreifen, die das schwungvoll komponierte Plakat unregelmäßig überziehen.

Weshalb die Restaurierungsarbeit viel Geschick und Geduld verlangt, erfährt man in der Sonderausstellung des Museums für Film und Fernsehen. Das Plakat stammt, mit einem Zensurstempel versehen, aus dem Bestand des 1935 gegründeten Reichsfilmarchivs, das seine Plakatsammlung gegen Kriegsende ins Salzbergwerk Grasleben bei Helmstedt auslagerte. Die salzhaltige trockene Luft im Stollen würde die Drucke gut konservieren, war man überzeugt. Doch niemand hatte damit gerechnet, dass wenige Wochen nach der im April erfolgten Besetzung der Gegend durch amerikanische, bald darauf englische Truppen im Stollen ein Brand ausbrechen und einen Großteil der Bestände vernichten oder schwer in Mitleidenschaft ziehen würde. Weshalb das Feuer ausbrach, ob eine umgestürzte Grubenlampe die Ursache war oder jemand den Bestand vernichten wollte, blieb bis heute ein Rätsel. Fest steht, dass Besatzungssoldaten die Grube mehrmals besuchten. Vermutlich gingen dabei schon Stücke verloren.

Noch heute liegt vieles im Salz

Was noch zu retten war, gelangte 1986 in die Obhut der Kinemathek. Warum so spät, bleibt eine offene Frage. "Unzählige Materialien", so heißt es, liegen noch heute im Salz und gelten als unverwertbar. Ein Stacheldrahtzaun versperrt den Zugang, ein kurzer Film führt an den nur vom Licht der Taschenlampen erhellten Ort einer fatalen Geschichte. Dicker Salzstaub bedeckt abgerissene Papierfetzen, die über den Boden verstreut liegen. Archivarische Schätze sind hier vermutlich nicht mehr zu heben.

Schätze aber sind die 24 Plakate, die fast in alter Schönheit wiedererstanden sind. Zwar leuchten die Farben, als wären sie frisch aus der Druckerei gekommen, aber viele mal dünne, mal breitere weiße Striche oder freie Flächen erinnern an das Verhängnis der Sammlung. Umso mehr fordern die dekorativ ausgemalten Szenen, auf denen der Titel des Films, der Name des Regisseurs, der Hauptdarsteller und des Verleihs (meist Ufa) prangen, zum Hinsehen heraus. Manchmal sind zwei verschiedene Plakate in Auftrag gegeben worden, zum Beispiel zu Robert Flahertys dokumentarischem Spielfilm "Die Männer von Aran" aus dem Jahr 1934, einem Klassiker der Filmgeschichte. Man ahnt schon alles: den Kampf des Fischers mit einem Hai, das Bangen der Frau, die auf die Rückkehr des Bootes wartet, und den glücklichen Ausgang.

Ebenfalls mit zwei Plakaten scheint ein Verleih auch für den amerikanischen Stummfilm "Siberia" von 1926 zu werben, eine Täuschung, denn der Archivar hatte den ungewöhnlichen querformatigen Druck respektlos in der Mitte durchgeschnitten, mitten durch das Bild eines dahin rasenden Schlittens, auf dem der Mann die von allen Seiten angreifenden Wölfe mit dem Gewehr in Schach zu halten versucht und die Frau mit schreckgeweiteten Augen tapfer die Zügel in der Hand hält. Dass das Paar nicht allein vor einem Wolfsrudel, sondern auch vor der russischen Revolution auf der Flucht ist, kann man der Broschüre entnehmen.

Früher hätte man die Fehlstellen wegretuschiert, erläutert der Direktor der Kinemathek, Rainer Rother. Heute sollen sie die Echtheit der Fundstücke bezeugen und vielleicht sogar den Schauwert erhöhen. Zum Beispiel wenn zwei Hände die Stäbe eines Fenstergitters umklammern, als wollten sie es einreißen, und darüber der Titel des Films kaum noch sichtbar ist; "Zuchthaus. Nach Sibirien!". Der sowjetrussische Revolutionsfilm von 1928 war das Debüt des Regisseurs Juli Raisman. Die deutschen Zwischentexte stammen von Ernst Toller.

Die 24 Filmplakate erzählen die Geschichte der Restaurierung und sind zugleich eine Erinnerung an die deutschen Kinoprogramme der 20er- und 30er-Jahre – abseits von "Caligari". Auch die bekannten Propagandawerke der Ufa fehlen, zum Glück jedoch mangelt es nicht an Stars. Das Gesicht von Camilla Horn wirbt für "Ich sehne mich nach dir", das der seit   1931 in Hollywood engagierten Greta Garbo für die als "aufreizend" angepriesene  Liebesgeschichte "Yvonne". Ungeteiltes Vergnügen verbirgt sich hinter dem Komödientitel "Kyritz–Pyritz", ein Lustspiel aus der Provinz, damals ein Kassenrenner.

Mit der Präsentation der Plakate wollten es die Kuratoren Rolf Aurich und Georg Simbeni nicht bewenden lassen. Die Versuchung war groß, bei dieser Gelegenheit das Reichsfilmarchiv unter die Lupe zu nehmen. Dokumente und Fotografien belegen dessen Förderung durch die NS-Führung. Ein Filmlager in Babelsberg arbeitete bis in die ersten Wochen der sowjetischen Besatzung. Von hier wurden zahlreiche Filme als Reparationsgut nach Moskau gebracht, wo man sie zum Teil als willkommene Unterhaltung im Kino einsetzte.

Nach der Plakatsammlung hat kurioserweise lange Zeit niemand gefragt. Erst der Zufall lenkte die Spur auf die im Salzstock von Grasleben verrottenden Schätze – und bescherte der Kinemathek einen tollen Fund.

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2, Berlin-Mitte, Mi–Mo 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, bis 31. Mai, Info im Internet: www.deutsche-kinemathek.de

Die Filme des Nationalsozialismus

Mit den Filmen des Nationalsozialismus beschäftigt sich Rainer Rother in "Zeitbilder" (Bertz + Fischer, 264 S., 22 Euro). In keiner Periode der deutschen Filmgeschichte strömten mehr Zuschauer ins Kino: Anfang der 1940er-Jahre zählte man jährlich über eine Milliarde Kinobesucher. Neben NS-spezifischen Formaten wie der "heroischen Reportage" oder dem "Zeitfilm" erlebten auch Melodram und Historienfilm eine Blütezeit.⇥red

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG