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Ausstellung
Gaukler und Narren im Paradies

Dem Theater abgeschaut: Günther Rechn im Forster "komfor" vor seinem Bild "Commedia dell ’arte".
Dem Theater abgeschaut: Günther Rechn im Forster "komfor" vor seinem Bild "Commedia dell ’arte". © Foto: Thomas Klatt/MOZ
Thomas Klatt / 13.01.2020, 09:00 Uhr
Forst Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte die Fürst-Pückler-Stiftung in Branitz bei Cottbus dem Lausitzer Maler Günther Rechn eine große Ausstellung mit dem Titel "Bilderwelten" ausgerichtet.

Mehrere Räume im Schloss Branitz und der komplette Marstall wurden freigemacht für einen Rückblick auf das Lebenswerk eines des bekanntesten ostdeutschen Künstler, der seinen 75. Geburtstag feierte. Einer Privatinitiative war es kürzlich gelungen, eines der großen spektakulären Bilder – Pückler geht auf Stelzen durch den Park – für Branitz zu erwerben.

Nun setzt Rechn mit einer weiteren, wenn auch kleineren Ausstellung, nach. Zu sehen ist sie in Forst (Lausitz) an der Neiße, in südlicher Randlage des Landes gelegen, im so genannten "komfor", einer früheren städtischen Badeanstalt. Vielfältig kulturell bespielt wird das hochwertig sanierte Haus vom Unternehmerehepaar Sabine und Michael Lindner. Ein Glücksfall für eine Stadt, die einst wegen ihrer Wirtschaftskraft das deutsche Manchester genannt wurde und wo in den Wendejahren nahezu die komplette Textilindustrie den Bach hinunter ging, Kunst und Kultur inklusive. Bis heute sucht die Stadt eine neue Identität.

"Figurationen" nennt Rechn seine Ausstellung, in der er neue Arbeiten zeigt, aber auch ältere Werke, die zum Teil bisher kaum zu sehen waren. Die Figur rückt er dabei in den Mittelpunkt, hatte er doch in den vergangenen Monaten viel gemalt und gezeichnet und dabei auf Landschaften verzichtet. Figur heißt bei Günther Rechn: Mensch und Tier stehen für ihn, den Tierfreund, auf gleicher Ebene.

Rechns Malstil ist in einem besonderen Sinne "unfertig". Der Pinsel fasst die physiognomischen Besonderheiten des Einzelnen und lässt dem Betrachter dennoch Raum für eigene Deutung. Fast ist es wie Jazz – mehr als eine Andeutung ist getan, das Konkrete ist angelegt, aber der Betrachter darf den letzten, eigenen Ton finden. Oft sind seine Figuren nackt, das Nackte jedoch wird nicht ausgestellt, es ist das Normale. Wie in dem Bild "Fallobst", das ein paradiesisches Motiv birgt: Äpfel liegen achtlos auf dem Boden, Adam und Eva haben sich indessen  vervielfältigt, acht Figuren ringen miteinander, als würden sie um die Macht  kämpfen – nicht gerade ein paradiesischer Gedanke.

Immer wieder ein Motiv bei Rechn: Gaukler, Maskeraden und Narreteien. Mit Karneval habe das nichts zu tun, sagt Rechn, der in den 60er-Jahren auf der Burg Giebichenstein studierte. Diese Maskeraden sind oftmals ironische Seitenhiebe gegen die Verkleidungen der Gesellschaft. Da zieht er auch gern Parallelen zur Bühne wie im Bild "Commedia dell ’arte". Und im Bild "Narretei" purzeln die Wirrköpfe mit aufgerissenen Mündern Hals über Kopf nach unten.

Mit Spiel und Schauspiel ist Rechn seit Langem verbunden  – unter anderem mit der Arbeit am Staatstheater in Cottbus und weit davor zu DDR-Zeiten am Landestheater Halle. Seine Frau Beate war lange Zeit Chefrequisiteurin in Cottbus; und Sohn Urs hatte in dem Oscar-prämierten Auschwitz-Drama "Son of Saul" (2016) des ungarischen Regisseurs László Nemes eine der Hauptrollen.

Doch immer wieder sind es Tiere, die Rechn malt: Hunde, Pferde, eine Uhu-Gruppe oder riesige Stiere aus der italienischen Maremma. Die Kreatur ist ihm menschlich nah. Mit Trauer denkt er an die toten Primaten von Krefeld ebenso wie an die verbrannten Tiere in Australien. Ein Gefühl, das ihn wütend macht ob einer weit verbreiteten Gleichgültigkeit.

Günther Rechn: "Figurationen" im "komfor" Forst (Lausitz), bis 9.5., Telefon 03562 6938-60

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