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Der sachliche Blick: DDR-Kunst in Frankfurt (Oder)

Blick von den Adonisröschenhängen in Richtung Frankfurt (Oder). (Symbolbild)
Blick von den Adonisröschenhängen in Richtung Frankfurt (Oder). (Symbolbild) © Foto: Patrick Pleul/dpa
Christina Tilmann / 25.01.2020, 08:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Wie haben sie sich selbst gesehen? Wie sehen sie uns an? Monika Geilsdorfs Selbstbildnis ist ein Statement: Die junge Malerin mit modischem Bubikopf und Plastikbrille fixiert den Betrachter selbstbewusst, leicht von oben herab. Die Arme sind verschränkt, die rechte Hand hält eine (nicht rauchende) Zigarette. Im Hintergrund: ganz klassisch Staffelei, Malstab, Farbtuben und ein Fenster, das nur verwaschen Wolken zeigt. Der Clou: Auch in den Brillengläsern der Malerin spiegelt sich ein Fenster. Sie blickt nicht in den Spiegel. Sie blickt uns an.

Selbstporträts von Künstlern sind ein Schwerpunkt der Ausstellung "Der sachliche Blick in der DDR", mit der das Frankfurter Landesmuseum für moderne Kunst ab Sonntag Teile seiner Sammlung präsentiert. Das beginnt nach Kriegsende mit Curt Querner, der sich 1948 in seinem "Selbstbildnis in der Bodenkammer" mit Baskenmütze und Militärjacke als Arbeiter im Dienste der Kunst präsentiert: Der Blick ist forschend, kritisch, eine Selbstbefragung – und der Pinsel berührt ganz zart die rechte Hand. Norbert Wagenbrett rückt 35 Jahre später in seinem "Selbstporträt mit Arbeiter" den jungen Arbeiter, den er porträtiert, fast provokant ins Zentrum: im weit aufgeknüpften hellen Sommerhemd, eine sowohl selbstbewusste als auch sich verweigernde Pose, die an den jungen Fassbinder erinnert. Und der Künstler, mit prüfendem, kritischen Blick, tritt in den Schatten, rückt fast aus dem Bild heraus.

Alles andere als expressiv

Der sachliche Blick: Was ist das? Der Blick des Malers auf die Welt? Der Blick der Porträtierten? Oder der Blick der Betrachters auf seine Kunst? Dass es hier nicht um Emotionen, sondern um prüfende Erfassung der Wirklichkeit geht, hebt Kurator Armin Hauer gerade im Gegensatz zu der Vorgängerausstellung "DDR expressiv" hervor, mit der er 2015 die 1980er-Jahre mit Sammlungsbeständen präsentierte.

In der neuen Ausstellung, die 46 Künstler und Künstlerinnen mit rund 80 Arbeiten präsentiert, geht es tatsächlich um eine Bestandsaufnahme. Kein politischer Kommentar, keine "soziokulturelle Fallstudie" oder "Kunst als Frühwarnsystem für den politischen Zusammenbruch der DDR", sondern eine Schule des genauen Sehens wird vorgeführt. Denn, so Hauer: "Bilder sagen immer mehr, als man in sie hineinliest". Die Kunst ist klüger.

Und die Künstler auch. Denn klar wird in der klug und unaufdringlich nach Themen und Chronologie geordneten Ausstellung, dass Sachlichkeit keineswegs nur heißt: zeigen, was ist. Wie stark der Blick des Künstlers geprägt ist vom Wissen um die Vorgänger, zeigen Anklänge von Neuer Sachlichkeit, Romantik bis hin zur Renaissance – viele Bilder haben etwas dezidiert Altmeisterliches in ihrer Genauigkeit. Hier zeigen Meister, was sie können.

Gleichzeitig ist auch das, was sie zeigen, ein Statement: seien es die einfallenden, eingerüsteten Altbauten der Berliner Dunckerstraße, die Konrad Knebel fast zur Grisaille verfremdet, oder die streng geometrisch erfassten Neubauten in Halle-Neustadt bei Uwe Pfeifer. Ein schlichter Fensterausblick wird bei Wolfgang Mattheuer 1966 zum konstruierten Rätselbild, während in dem Heinrich Böll zitierenden Bild "Billard um halb zwölf" von Rainer Mersiowsky 1978 eine Brandwand den Blick aus dem Fenster verstellt. Kurt Dornis schließlich findet über den Dächern von Leipzig-Plagwitz die Freiheit, einschließlich dreier weißer Tauben.

Auch dort, wo es nicht die Stadt, sondern das Land, die Landschaft ist, die gezeigt wird, bleibt Raum für Interpretationen: Sei es auf Angelika Tübkes magisch schönen kleinen Bildern, auf denen Rügen zum italienisch anmutenden Sehnsuchtsort und ein zugefrorener Dorfteich zum niederländischen Idyll wird, oder bei Bernd Hertel, der eine reparaturbedürftige Straße als Sackgasse zeigt. Der Asphalt wirkt wie die aufgeplatzte Haut einer Schlange.

Am Spannendsten bleibt das Menschenbild – zum Beispiel mit der Frage, wie Künstler (männlich) ihre Modelle (weiblich) zeigen, ob als aufreizendes Sexversprechen, wie bei Clemens Gröszer in "Marin à Cholie VI" von 1991, oder in verschlossener Abwehr, wie Manfred Kastners "Bildnis Sylvia" von 1978. Und warum es, wenn Frauen Frauen malen, so anders aussieht.

Am Ende sind es private Situationen, die am meisten verraten. Hier wird auch Kurator Hauer politisch: "Allein ein Liebespaar zu malen war in einem totalitären System ein Statement", urteilt er angesichts des "Jungen Paars" von Harald K. Schulze von 1983. Und der Katalog zitiert dazu den Künstler: "Wir waren so unbekümmert, und es gab immer ältere, erfahrenere Künstler, Lehrer, die uns schützten. Wir konnten auf den Putz hauen, ohne dass wir gleich in den Keller mussten."

Die Ausstellungund die Eröffnung

Eröffnet wird die Ausstellung "Der sachliche Blick in der DDR" am Sonntag (26.1.) um 11.30 Uhr in der Rathaushalle Frankfurt (Oder). Es sprechen Ulrike Kremeier, die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, und Kurator Armin Hauer. Dazu spielt Dan Baron, Gitarre. Die Ausstellung ist bis 3.5. zu sehen, Di – So 11 – 17 Uhr. Im Packhof eröffnet die Ausstellung "Gestern, heute, übermorgen" (bis 12.4.). ⇥red

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