Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ausstellung
Moskauer Stadtansichten in Berlin

Eine Ode auf die unstrukturierten Räume: Alexander Gronskys Foto  "Dzerzhinskij" (Pastorale) von 2011
Eine Ode auf die unstrukturierten Räume: Alexander Gronskys Foto  "Dzerzhinskij" (Pastorale) von 2011 © Foto: Alexander Gronsky/KVOST
Inga Dreyer / 04.02.2020, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Im Hintergrund ragen Hochhauskomplexe in den Himmel, vor denen sich dichte Büsche ausgebreitet haben. Mitten in dem wilden Grün liegt ein weißes Handtuch, darauf eine Frau im Bikini. Auf dem Bauch liegend verströmt sie einen Hauch von Mallorca in der Moskauer Vorstadt.

Der Fotograf Alexander Gronsky beschäftigt sich mit solchen Orten, die auf der Grenze zwischen Großstadt und Peripherie liegen. "Mich interessiert, wie Menschen dieses ,Dazwischen’ nutzen", sagt Gronsky bei der Eröffnung seiner Einzelausstellung beim Kunstverein Ost (KVOST) in Berlin-Mitte. Die von Nadine Barth kuratierte Schau "Repetition" (Wiederholung) zeigt Bilder aus drei Serien, die in städtischen Kontexten spielen.

Leben an der Peripherie

Auf großformatigen Drucken der Serie "Pastoral" sind Landschaften am Rande von Moskau zu sehen. Dort, wo die Häuserblocks enden, machen sich Menschen den nicht definierten Raum zu eigen. Sie sitzen an Seen zwischen Sandhügeln und grillen, baden und spielen. Im Bild sind idyllische Inseln zu sehen, die durch Baustellenfahrzeuge, Kräne und herumliegenden Müll gestört werden.

Alexander Gronsky erzählt, dass ihn solche Orte faszinieren, weil es keine Richtlinien für ihre Nutzung gebe. Er fühle sich dort wohl, weil sie so unstrukturiert seien. Sowohl in der Stadt als auch in der Natur gäbe es Regeln für menschliches Verhalten. In den Vorstadt-Landschaften hingegen sei alles offen: "Du kannst sonnenbaden, Volleyball spielen oder Sex haben", sagt Gronsky.

Die Bilder stellen Momentaufnahmen dar, aber antizipieren bereits, was kommen wird. Bagger und Baugruben kündigen an, dass sich die Stadt ausbreitet. In ein paar Jahren wird sie die wilden Flächen in Beschlag genommen haben. Durch die seltsam anmutende Kombination von anonymer Stadtarchitektur und Urlaubsidyll könnte man die Bilder auch für Collagen halten, zusammengesetzt aus Impressionen unterschiedlicher Welten.

Für Irritationen sorgt auch eine andere Serie von Gronsky. Sie zeigt jeweils mehrere Aufnahmen städtischer Motive, die aus demselben Blickwinkel aufgenommen sind. Bei einem Beispiel dominiert im Vordergrund ein Supermarkt, rechts und links stehen große Wohnblocks, in der Mitte ein kleineres Gebäude. Zuerst fällt auf, dass der Supermarkt auf jedem Bild einen anderen Schriftzug trägt. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um denselben Straßenzug zu unterschiedlichen Zeiten handelt. Tatsächlich aber hat Gronsky verschiedene Orte in Moskau und St. Petersburg ausfindig gemacht, deren architektonisches Grundgerüst identisch ist.

Gefunden hat Gronsky diese Orte, indem er online auf Karten recherchierte und nach ähnlichen Strukturen forschte. Solche Wiederholungen seien kein russlandspezifisches Phänomen, erklärt Gronsky. "Auch Ostdeutschland ist voll von solchen repetitiven Strukturen." Ebenso fänden sich in Ländern wie Vietnam, Kuba oder Angola Gebäude, die es auch im Osten Deutschlands gebe. Geografisch fokussiere er sich aber auf den Raum der ehemaligen Sowjetunion. Eine Ausnahme war ein Projekt in China, für das er an die Ränder der Megacities Shanghai, Chongqing und Shenzen reiste.

Der 1980 im estnischen Tallinn geborene Fotograf lebt heute in Moskau. Er arbeitet für Zeitschriften wie The Sunday Times, Esquire, Le Monde, Vanity Fair und Der Spiegel und hat für seine Arbeiten eine Reihe von Preisen gewonnen – darunter 2012 einen World Press Award in der Kategorie Daily Life Stories. Für die Serie "Pastoral" bekam er 2009 den Aperture Portfolio Prize verliehen.

Für "Revisited", die dritte Serie beim KVOST, hat er Orte im Abstand von zehn Jahren besucht. Auf den Bildern scheint sich innerhalb dieses Zeitraums wenig verändert zu haben. Ein Feld ist noch immer ein Feld – abgesehen davon, dass es auf einem Foto karg und stoppelig und auf einem grün ist.

Ähnlichkeit, Veränderung und Wiederholung sind die Zutaten, aus denen sich Gronskys Bilder zusammensetzen. Ambivalenzen machen die Faszination dieser Aufnahmen aus. Sie zeigen die kurios wirkende Wiederholung des Alltäglichen, erstaunliche architektonische Ähnlichkeiten und unerwartete Lebendigkeit in scheinbar tristen Zwischenräumen. Räumen, die schon bald der Stadt einverleibt werden.

Ausstellung: "Repetition", Fotografien von Alexander Gronsky, bis 4. April, KVOST, Leipziger Straße 47 / Eingang Jerusalemer Straße, Berlin-Mitte, Mi bis Sa 14 bis 18 Uhr

Der Kunstverein Ost (KVOST) in Berlin

Der Kunstverein Ost – kurz KVOST – wurde 2018 gegründet und fördert Künstler, die sich in ihrer Arbeit mit Osteuropa befassen. Seine Räume liegen im Berliner Stadtteil Mitte in der Nähe des ehemaligen Mauerstreifens. Mit Stipendien und einem Artist-in-Residence-Programm lädt der Verein ausgewählte Künstler dazu ein, dem vielschichtigen Bedeutungsgeflecht dieses Ortes an der Grenze zwischen Ost und West nachzugehen.

Mit seinem Programm schließt KVOST eine Lücke in der Berliner Kulturlandschaft, indem der Verein den Osten nicht museal konserviert, sondern als Resonanzraum für zeitgenössische Kunstproduktion begreift.⇥mh

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG