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Illustriertes Wissen von dem Grafiker Gerhard Preuß

Camillo Kupke / 06.02.2020, 04:15 Uhr - Aktualisiert 06.02.2020, 13:16
Frankfurt (Oder) (MOZ) Wie lebten die Urmenschen? Und wie gelang es ihnen, das Feuer zu nutzen? Wer in den 70er- und 80er-Jahren als wissbegieriges Kind in der DDR aufwuchs, fand Antworten in der Erzählung "Das Feuertier" von Gerda Rottschalk (1920–2001).

Der schmale Band war 1970 der Auftakt zu einer vierteiligen populärwissenschaftlichen Reihe aus dem Kinderbuchverlag, in der die Journalistin und Sachbuchautorin den Werdegang des Menschen schilderte – von der Zähmung des Feuers über die Jäger und Sammler in der Steinzeit ("Die Wildpferdjäger") sowie die ersten sesshaften Bauern ("Die Kinder Sumuts") bis zur Entwicklung der Schrift ("Der Tempelschreiber"). Dass die Bücher mehrere Auflagen erlebten und bis heute als Beispiele gelungener Sachliteratur für Kinder gelten, ist vor allem auch den detailverliebten, lebhaft erzählenden Illustrationen von Gerhard Preuß (1935–2014) zu verdanken.

Der Grafiker illustrierte und gestaltete in den 60er- bis 80er-Jahren mehr als 60 Kinder-, Jugend- und Schulbücher sowie Werke der Belletristik. Dafür schuf er über 2200 Illustrationen, Vignetten, Buchumschläge und -einbände. Bereits seine Diplomarbeit, die Federzeichnungen zum Abenteuerbuch "Entdeckungsfahrt mit der Beagle" von Paul Kanut Schäfer (1922–2016), war 1963 als "Schönstes Buch des Jahres" geehrt worden. Weitere Auszeichnungen sollten folgen. Dabei ist das Œuvre, das Preuß hinterließ, noch überaus vielseitiger – und weithin unbekannt. Er gestaltete Briefmarken, Spielkarten und Plakate, zeichnete Architektur- und Möbelentwürfe, er experimentierte mit Drucktechniken, malte Aquarelle mit abstrakten Motiven, er setzte sich mit physikalischen Phänomenen und Raumgeometrie auseinander und schrieb Gesellschaftskritisches in Form kalligrafischer Blätter.

Verzeichnis für die Nachwelt

Wie umfang- und facettenreich Preuß’ Gesamtschaffen ist, lässt sich auf der Webseite des Vereins Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg erahnen. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, Nachlasshalter und Künstler dabei zu unterstützen, ein digitales Werkverzeichnis für die Nachwelt zu erstellen. Ziel der Initiative ist es, regionaler Kunstgeschichte jenen Wert beizumessen, der ihr zusteht. Denn mit dem Ableben eines Künstlers verschwinden seine Bilder, seine Skulpturen oft in Kellern oder auf Dachböden – und damit aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Preuß ist der 19. Künstler, dessen Werk oder zumindest ein Teil davon in die Online-Datenbank aufgenommen wurde. Seit Kurzem sind dort in zwei Nachlassverzeichnissen  – Grafikdesign und Farbige Arbeiten auf Papier – insgesamt 168 Werke des Grafikers zu sehen, der ab 1965 in Berlin-Pankow lebte.

Die Auswahl der Bilder übernahm Anne Preuß in Zusammenarbeit mit Liane Burkhardt und Thomas Kumlehn, den Gründern der Datenbank. Die pensionierte Mathematik- und Kunstlehrerin, die seit fünf Jahren in Potsdam lebt, verwaltet den mehrere hundert Mappen umfassenden Nachlass ihres Onkels. Die Original-entwürfe überließ sie als Leihgabe der Kinder- und Jugendabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, die die Bilder archivarisch aufbereitet und für wissenschaftliche Studien zugänglich macht.

Preuß wuchs in pommerschen Warsow bei Stettin auf. Sein Vater, ein Berufskraftfahrer, blieb im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Existenzielle Not zwang die Mutter und die vier Kinder, mehrfach umzuziehen. Nach einer Lehre in Wittenberg zum Gebrauchsgrafiker und seinem Dienst bei der Kasernierten Volkspolizei in Potsdam studierte Preuß von 1957 bis 1962 Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo er von 1965 bis 1987 auch selbst unterrichtete.

In dieser Zeit machte sich Preuß mit seinen Buchillustrationen auch international einen Namen. Dabei legte er stets großen Wert auf eine gründliche Recherche, ehe er mit dem Zeichnen begann. Seine Bilder sollten den Text nicht einfach schmücken, sondern zusätzliches Wissen vermitteln und zugleich die Fantasie der meist jungen Leser visuell wie informativ anregen.

Während der Wendezeit schuf Preuß großformatige Werke, in denen er sich traurig, ratlos und bisweilen wütend in expressiver Weise mit den gesellschaftlichen Verwerfungen jener Jahre auseinandersetzte. Sie tragen Titel wie "Wir sind das Volk – neue Kniefälle", "Ikarus unter den Steinen" oder auch "Der Nationalismus sprengt die Natur". Ab Mitte der 90er-Jahre fand Preuß mit Aquarellen und Tuschezeichnungen zunehmend zurück zu seinem akribischen Stil. Es entstanden hauptsächlich Landschaften und florale Bildteppiche. Und immer wieder beschäftigte er sich mit mathematisch-geometrischen Konstruktionen, wofür er selbst Lineale und Kurvenschablonen entwickelte.

Online-Datenbank:www.private-kuenstlernachlaesse-brandenburg.de

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