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Seit 1. Januar hat Stefan Körner den Staffelstab von Gert Streidt übernommen, der Schloss und Park des Fürsten Pückler bei Cottbus elf Jahre lang als Direktor betreut hat. Der in Potsdam geborene Kunsthistoriker Körner hat zuletzt für das Berliner Auktionshaus Grisebach gearbeitet. Über seine Pläne für das Branitzer Gartenreich sprach mit ihm Christina Tilmann.

Fürst Pückler
Stefan Körner über seine Pläne für das Branitzer Gartenreich

Will erst mal das Gelände kennenlernen: Stefan Körner am neuen Arbeitsplatz.
Will erst mal das Gelände kennenlernen: Stefan Körner am neuen Arbeitsplatz. © Foto: SFPM/Andreas Franke
Christina Tilmann / 18.02.2020, 04:15 Uhr - Aktualisiert 18.02.2020, 08:28
Cottbus (MOZ) Seit 1. Januar hat Stefan Körner den Staffelstab von Gert Streidt übernommen, der Schloss und Park des Fürsten Pückler bei Cottbus elf Jahre lang als Direktor betreut hat. Der in Potsdam geborene Kunsthistoriker Körner hat zuletzt für das Berliner Auktionshaus Grisebach gearbeitet. Über seine Pläne für das Branitzer Gartenreich sprach mit ihm Christina Tilmann.

Herr Körner, Sie sind gerade sechs Wochen im Amt als neuer Vorstand und Direktor der Stiftungin Branitz. Was haben Sie als erstes gemacht?

Wir haben ein sehr schönes kleines Format eingeführt: Ich gehe jede Woche mit zwei Mitarbeitern spazieren, eine Dreiviertelstunde, und frage, höre gut zu. Sie führen mich an ihren Arbeitsplatz: ins Depot, in die Gärtnerei, an besondere Stellen im Park, in die Kustodie. Das zeigt mir, wie unglaublich vielfältig der Ort hier ist, zwischen Architektur und Gartenkunst, zwischen Kunstsammlung und Interieur. Ein Gesamtkunstwerk mit tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Was haben Sie sich als erstes Ziel gesetzt?

Ein großes Thema ist, den Bestand von Bauten und Sammlungen zu erhalten und die Parklandschaft gegen den Besiedlungsdruck zu schützen. Es geht um die Erweiterung einer Stadt – Cottbus ist langfristig eine wachsende Stadt – und natürlich wollen alle in die schönsten Ecken. Wer will nicht in einem Landschaftsgemälde wohnen?! Das Ziel für Branitz ist aber, Herr seiner Aussichten zu bleiben, wie Fürst Pückler sagen würde. Also den Blick aus dem Schloss in den Innen- und dann in den Außenpark, wo der Park in die sog. aufgeschmückte Landschaftübergeht, zu bewahren. Das fängt schon damit an, dassgern mal in den Randbereichen des Parks wild geparkt wird. Hier müssen wir für das einzigartige Park- und Naturdenkmal von Branitz mit vereinten Kräften sensibilisieren.

Fühlen Sie sich mit der Stadt Cottbus einig in diesem Ziel? Es gibt ja einen Investor, der hier starken Druck aufbauen will…

Diese Frage kann ich mit drei Ausrufungszeichen beantworten. Die Rathausspitze und die Verwaltung wissen, dass Branitz einer der ganz großen kulturellen Glanzpunkte der Lausitz ist. Das ist zum Beispiel in Potsdam manchmal anders, wo ein riesiger Bebauungsdruck auf der Stadtpolitik lastet und das Kulturerbe in einer Form bedroht ist, wie es nicht gut ist. Was dort in derFeldflur nördlich von Sanssouci passiert ist, dass entlang der Alleen Baublocks entstehen, darf in der Pücklerschen Feldflur hier nicht passieren, um den Park weiter in die Landschaft ausfließen zu lassen.

Wäre der Titel Weltkulturerbe hilfreich? In Potsdam sieht man ja, dass auch das nicht gegen Neubebauung hilft.

Das ist unser politischer, aber auch ein gesellschaftlicher Auftrag. Der Prozess läuft ja schon lange, und Branitz und das Pücklersche Erbe mit Schloss, Sammlungen, Innen- und Außenpark sind es wert, Weltkulturerbe zu werden. Aber die nächsten Aufnahmen werden erst in einigen Jahrenwieder stattfinden, und die zu erfüllenden Voraussetzungen sind immer anspruchsvoller geworden.

Wo gibt es noch Nachholbedarf in Branitz?

Vieles ist schon angeschoben: die digitale Sammlungsverwaltung, die Aufnahme eines Baumkatasters, das läuft heute anders als damals, als Pückler mit großen Karten hantierte. Auch eine neue Webseite haben wir gerade gestartet. Ab April werden wir das Cavalierhaus mit neuen kulinarischen Angeboten eröffnen. Der Fokus liegt jetzt aufThemen wie der Baumuniversität und anderen konkreten Antworten auf den Klimawandel Vieles, was gerade heiß diskutiert wird, wie Blühstreifen oder Biodiversität sind hier in Branitz seit jeherlängst präsent. Und wir bleiben natürlich ein Ort, wo unser Fürst Pückler mit seinen verrückten und mutigen Ideen präsentiert wird.

Wenn Sie das Pücklerbild ansehen – gibt es da Bereiche, wo man noch nachjustieren muss?

Ich fände es wichtig, Pückler nicht primär als preußischen Dandy und vermeintlicher Erfinder einer Eiscreme zu präsentieren, sondern als vordemokratische Persönlichkeit voller Liberalität und Weltblick, die heute ein Vorbild für Projekte des Wandels sein kann. Also unser Fürst Pückler als Innovationsmotor für unsere Lausitz.

Ist Pückler und Branitz in seiner Bedeutung international genügend bekannt?

Branitz hat viele Partner im ganzen Bundesgebiet. Es gibt auch einen Verbund mit den sächsischen und polnischen Parks in der Nachbarschaft, im Europäische Parknetzwerk Lausitz. Aber es gibt noch viel Potential. Die Verbindungen, die es von Pückler aus nach England, Frankreich, Amerika, ja bis nach Kairo gibt, haben noch viele Möglichkeiten. Mit unseren drei großen Stars– der strahlende Pückler, die Goldene Ananas und die weltbekannte Pyramide –kann man sich international vernetzen.

Apropos Pyramide: Das Thema Orientalismus spielt bei Pückler eine große Rolle. Wie gehen Sie damit um und was verbindet bis heute in den Nahen Osten?

Es wäre kühn zu erwarten, dass wir alle ägyptischen Touristen hierher holen werden. Aber man kennt Pückler durchaus im Nahen Osten – er war in Jerusalem, er war in Kairo, er hat eine ägyptisch und orientalische Kunstsammlung, die man noch weiter erforschen muss Auch die BTU hat ja eine Partneruniversität in Kairo. Eine Idee ist, zu zeigen, welche ägyptischen Stücke wir hier in der Sammlung haben und was er damals vor Ort gesehen hat, welche Bedeutung seine Orientreise in seiner Zeit hatte und welche Verbindungen von Spree zum Nil noch heute bestehen. Pückler hat sich z.B. aber auch in großen Skulpturen Ägyptens verewigt –

Das heißt, er hat seinen Namen eingeritzt?

Ja, er hat zum Beispiel auf eineStatue von Abu Simpel "Pückler, Muskau" geschrieben. Dieses Thema mit all seinen Facetten wollen wir hier thematisieren.

Pücklers Orientreisen sind ja nicht ganz unproblematisch – er hat eine Sklavin von dort mitgebracht, die berühmte Machbuba…

Wir müssen - wie beim die Statue beschädigenden Namenszug - immer einordnen, in welcher Zeit das geschehen ist. Pückler hat Machbuba am Sklavenmarkt gekauft, richtig, aber er hat sie, so lese ich zumindest die Briefe, als gleichberechtigte Reisegefährtin behandelt. Natürlich muss man damit aus heutiger Sicht sensibel umgehen, aber im 19. Jahrhundert hatte man einen anderen Blick auf die Unterschiedlichkeiten der Völker. Und mehr noch: Für die damalige Zeit ist Pückler gerade jemand, der sehr offen und interessiert in diese Region reist,dort sehr wertschätzend aufgenommen wird und eben die kluge Machbuba menschlich behandelt. Er kann mit seiner Offenheit und Liberalität in dieser Region hier, die vielleicht auch besonders von Wandel-Sorgen geprägt ist, geradezu als mutmachende Identifikationsfigur dienen.

Es gab zuletzt Ärger mit der Pückler-Familie oder Teilen von ihr, die die Stiftung verklagt haben…. Wie gehen Sie damit um?

Da muss ich historisch etwas ausholen. Die Nachfahren von Fürst Pückler lebten hier bis 1945 und pflegten sein Erbe. 1945 wurden sie enteignet, der Park sollte besiedelt und wurde in handtuchgroße Stücke parzelliert. Es gibt bis heute z.B. ein Neubauernhaus mitten auf der Gutsökonomie Kluge Cottbuser haben es mit Hilfe der Denkmalpflege geschafft, das Gelände als Ensemblezu bewahren. Nach der Wende hat die gräfliche Familie ihr mobiles Erbe zurückbekommen. Jetzt gibt es eine Meinungsverschiedenheit über die Errichtung der Landesstiftung und innerhalb der Familie verschiedene Haltungen dazu, die das Landgerade juristisch prüft. Es hat nichts mit der Arbeit der Stiftung und unserem freundschaftlichen Verhältnis zur gräflichen Familie zu tun. Denn wir wollen ein und dasselbe: Das Pücklersche Erbe bewahren und erhalten. - Das ist anders als bei den Hohenzollern: Wir reden hier über eine restituierte Familiensammlung und dort über die verfassungsrechtliche Bewertung einer ehemals regierenden Königsfamilie, das ist unendlich viel komplexer.

Die Zeit nach Pücklers Tod ist bislang in Branitz wenig dokumentiert. Was haben Sie hier vor?

Wir beginnen gerade erst mit den Forschungen, wie es hier nach 1871, nach Pücklers Tod, weiterging. Die Ausstellung "Branitz 1945", die wir im Mai eröffnen, ist ein erster Schritt dazu – da geht es um Flucht, Vertreibung, auch um die Nähe der gräflichen Familie zum deutschen Widerstand, aber auch darum, welche Schäden in Branitzentstanden sind: Die Bombenkrater im Park, aber auch die Plünderung des Schlosses. Wir werden einige spektakuläre Dinge zeigen, die erst kürzlichzurückgekehrt sind, aber wir rufen auch die Cottbuser auf, die vielleicht noch einen Stuhl aus dem Schloss haben, den sie damals gerettet haben. Es ist jetzt die letzte Chance – die Enkelgeneration erinnert sich vielleicht nicht mehr. Auch dieses Erinnern hilft, das Parkreich des Fürsten Pückler zu erhalten und für die kommenden Generationen spannend zu entwickeln.

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