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Berlinale
Sigourney Weaver strahlt, Jeremy Irons entschuldigt sich

Gelungene Verständigung: Regisseur Philippe Falardeau und Schauspielerin Sigourney Weaver stellen "My Salinger Year" vor.
Gelungene Verständigung: Regisseur Philippe Falardeau und Schauspielerin Sigourney Weaver stellen "My Salinger Year" vor. © Foto: Britta Pedersen/dpa
Christina Tilmann / 21.02.2020, 04:30 Uhr
Berlin (MOZ) Die Frage nach dem Lieblingsfilm brachte die Jury gleich zu Beginn ordentlich in Fahrt. "Bambi", bekannte die Produzentin Bettina Brokemper, sei der erste Film gewesen, den sie gesehen habe. Das ganze Auditorium habe geweint, und sie habe gedacht, wenn Filme solche Emotionen wecken, dann möchte sie auch so etwas machen.

Ihr Jury-Kollege, der italienische Schauspieler Luca Marinelli, ergänzt, er habe als Sechsjähriger "E.T." gesehen, das sei zu viel für ihn gewesen. Und Jurypräsident Jeremy Irons legt nach, er sei mit seinem sechsjährigen Sohn in London in Charlie Chaplins "Lichter der Großstadt" gewesen, und als sie aus dem Kino gekommen seien, habe der Kleine gesagt: "Das war der beste Film meines Lebens."

Liebe zur Kunst, darum geht es auch in dem Eröffnungsfilm "My Salinger Year" des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau. Darum, was es heißt, unbedingt Schriftstellerin werden zu wollen oder Literatur so zu verehren, dass man am liebsten die Zeit anhalten würde und einen Kokon der Sicherheit um den verehrten Autor knüpfen – und darum, was es heißt, bei aller Ehrfurcht vor der Kunst schließlich auszubrechen in sein eigenes Leben.

Reise ins New York von 1995

Die Verfilmung des autobiografischen Buches von Joanna Rakoff, die ihre Erfahrungen in einer New Yorker Literaturagentur beschreibt, welche den Kultautor J. D. Salinger ("Der Fänger im Roggen") betreut, ist so klassisch, wie ein Literaturfilm nur sein kann, und wirkt heute, im Jahre 2020, so historisch wie ein Charlie-Chaplin-Film: Die Art-déco-Empfangshallen, die holzgetäfelten Räume, auf den Tischen Schreibmaschinen und Diktiergeräte und an den Wänden die goldgerahmten Porträts von Agatha Christie und J. D. Salinger – nicht nur der jungen Joanna (Margaret Qualley) kommt das vor wie eine Reise in die Vergangenheit.

Dieses New York von 1995, als gerade die ersten Computer Einzug auch in die traditionellsten Gewerke hielten und man noch in die Telefonzelle musste, um in Kalifornien anzurufen, erweckt der Film so nostalgisch wie liebevoll zum Leben und Leuchten. Sigourney Weaver spielt die Literaturagentin Margaret, die versucht, das Teufelswerk der elektronischen Neuzeit aus den heiligen Hallen ihrer Agentur herauszuhalten, bei aller Autorität mit so viel innerem Brennen für ihren Stoff, dass man ihr hoffnungsloses Unterfangen nur zu gut versteht. Weaver, die auf der Pressekonferenz selbst keine große Neigung zu Computern erkennen lässt, stellt sich voll hinter die Protagonistin: "Man muss seiner Rolle hundert Prozent glauben."

Für ein Festival, das zehn Tage lang die Liebe zum Kino und den Ausnahmezustand, den diese Liebe für alle Beteiligten bedeuten kann, feiert, ist das der perfekte Eröffnungsfilm. So wie die Fans vergeblich tonnenweise Post an J. D. Salinger schrieben, um ihm mitzuteilen, wie seine Bücher ihr Leben verändert haben – Regisseur Philippe Falardeau verfällt auf den wunderbaren Trick, sie die Briefe direkt in die Kamera sprechen zu lassen – so warten schon am Vormittag die Fans am Hinterausgang des Festivalzentrums, um einen kurzen Blick auf Jeremy Irons oder Sigourney Weaver zu werfen. Und Weaver selbst bedauert, als Star so ein abgeschirmtes Leben zu führen: "Für diese Fans machen wir doch unsere Filme."

Und noch etwas qualifiziert den Film als richtungsweisend: Es ist ein Film über zwei starke Frauen und ihre komplizierte Beziehung, ein Film auch über Macht und Ermächtigung, Dienen und Demut. Gedreht wurde er von einem Regisseur, doch die entscheidenden Teampositionen, von der Kamerafrau Sara Mishara bis zu den großartigen Vintage-Kostümen von Patricia McNeil und dem Schnitt von Mary Finlay, sind bewusst mit Frauen besetzt. Hoffentlich ein Anstoß für viele andere Produktionen, hofft Sigourney Weaver.

Ein Plädoyer für Freiheit

Das Thema #MeToo steht natürlich auch bei der Berlinale im Raum. Jeremy Irons hatte die Pressekonferenz mit einem persönlichen Statement eröffnet, in dem er frühere Äußerungen über die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare, das Abtreibungsrecht für Frauen oder allgemein die angemessene Behandlung von Frauen entschieden zurücknahm und sich für eine zivilisierte und humane Gesellschaft, die die Selbstbestimmung als Menschenrecht ehrt, aussprach. "Ich hoffe, damit habe ich meine früheren Bemerkungen endgültig begraben", so der zuletzt scharf kritisierte Jurypräsident.

Auch der brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho schlug politische Töne an: Er halte angesichts der Lage in seinem Land an seiner Freiheit fest, Filme zu drehen, wie er es für richtig halte. Zuletzt hatte der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro die Filmförderung in seinem Land kritisiert und sich gegen Filme ausgesprochen, "die nur eine Minderheit interessieren". Wie gut, dass die Berlinale gerade ihnen ein Forum bietet.

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