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Interview
Sabine Herpich porträtiert die Berliner Mosaik-Werkstätten

Nina Pfannenstiel und Suzy van Zehlendorf in "Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist", Berlinale Forum
Nina Pfannenstiel und Suzy van Zehlendorf in "Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist", Berlinale Forum © Foto: Sabine Herpich
Inga Dreyer / 26.02.2020, 06:00 Uhr - Aktualisiert 26.02.2020, 07:43
Berlin (MOZ) "Outsider-Art", wie die Kunst von Psychiatriepatientinnen und Menschen mit geistiger Behinderung genannt wird, ist das Thema von Sabine Herpichs Dokumentarfilm "Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist". Sie begleitet Künstlerinnen und Künstler der Werkstatt Mosaik in Berlin-Spandau bei ihrer täglichen Arbeit. Inga Dreyer sprach mit der Regisseurin und Editorin, die an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf Montage studiert hat.

Frau Herpich, warum dachten Sie, die Kunstwerkstatt für Menschen mit Behinderungen sei Stoff für einen Film?

Ich stand in dieser Werkstatt und habe die tollen Arbeiten gesehen. Die Atmosphäre und die Art und Weise, wie sie entstehen – ich fand das alles großartig. Es war klar: Ich wollte dort unbedingt drehen. Mir war wichtig, dass die Künstlerinnen und Künstler im Vordergrund stehen. Die Behinderung war für mich kein Thema.

Die Kunstproduktion in der Werkstatt ist kein Hobby, sondern ein Job…

Ja, genau. Das Tolle an der Werkstatt ist, dass Kunst zu machen ein Beruf ist. Es hat den gleichen Wert wie die Arbeit in der Schreinerei, bei der Lebensmittelverpackung oder in der Industriemontage. Alle fangen morgens zur gleichen Zeit an und hören zur gleichen Zeit auf. Kunst wird ganz selbstverständlich als Arbeit angesehen. So wie es unter Menschen ohne Behinderungen einen gewissen Prozentsatz gibt, der zeichnet oder künstlerisch tätig ist, ist das auch bei Menschen mit Behinderung der Fall. Die Kunstwerkstatt ermöglicht dies.

Später im Film wird klar: Dass die Kunstwerkstatt ein gleichwertiger Arbeitsbereich ist, bedeutet auch, dass sie Werke verkaufen muss…

Klar, mich interessieren auch die Rahmenbedingungen. Es gibt einen Verkaufsdruck – genauso wie es auch bei der Industriemontage Druck gibt. So generiert die Werkstatt Einnahmen.

Sie zeigen den künstlerischen Prozess in langen Einstellungen. Erzählen Sie immer so?

Ich würde sagen, das ist meine Art und Weise zu beobachten. Meine anderen Filme sind eigentlich sehr ähnlich. Mir ist es wichtig, dass man Zeit und Raum lässt. Ich mag auch als Zuschauerin gerne lange Einstellungen, weil mich das reinzieht. Deswegen erzähle ich auch gerne so.

Wie haben Sie von den Biografien Ihrer Protagonisten erfahren?

Die Leiterin Nina Pfannenstiel hat mir ziemlich bald erzählt, dass Adolf sehr lange in der Psychiatrie war und dass er – was naheliegt, wenn er 1935 geboren ist – Glück hatte, der Euthanasie entkommen zu sein. Dass das Teil des Films werden würde, hat sich erst später ergeben. Ansonsten wollte ich keine biografischen Aspekte im Film haben.

Sie kommen Ihren Protagonisten sehr nah. Adolf Beutler etwa weint bei laufender Kamera. Wie haben Sie dieses Vertrauen aufgebaut?

Ich habe mir Zeit gelassen. Bei Künstlerinnen und Künstlern, bei denen ich gemerkt habe: Sie fühlen sich noch nicht ganz wohl, bin ich erst wieder einen Schritt zurückgegangen. Suzy van Zehlendorf hält sich manchmal ein Modell vom Schloss Charlottenburg vors Gesicht, weil sie nicht fotografiert werden möchte. Ich habe ihr gesagt: "Das kann ich total gut verstehen. Aber ich möchte dich nicht so filmen. Wenn es dir nicht recht ist, möchte ich es lieber sein lassen." Sie hat noch mal überlegt und gesagt: Sie möchte in den Film. Bei Adolf war es überhaupt kein Problem. Er hat sich sehr schnell an mich gewöhnt und war sofort in die Arbeit versunken. Ich habe allen Zeit gelassen. Aber eigentlich war ich gar nicht so lange in der Werkstatt.

Warum?

Weil wir keine Filmförderung bekommen haben, habe ich das Projekt abgebrochen. Ich konnte es nicht so nebenbei machen, wie ich meine anderen Filme nebenbei gemacht habe. Ich habe das Material nur deshalb wieder angefasst, weil ich der Leiterin versprochen hatte, dass ich etwas Kleines für sie mache. Nach einem Dreiviertel Jahr habe ich alles wieder angeguckt – mit dem Gefühl, nur ein Drittel dessen gedreht zu haben, was ich wollte. Ich habe gar nicht geglaubt, dass ich daraus einen ganzen Film machen kann. Das hat sich so peu à peu ergeben.

Also ist der Film ohne Geld entstanden?

Ich habe ihn ohne Geld gedreht und geschnitten. Die Produktionsfirma, mit der ich zusammen Förderanträge eingereicht habe, hat mir eine bessere Kamera gekauft. Erst, als wir den fast fertigen Film zusammen geguckt haben, war klar: Das ist ein guter Film, den müssen wir ins Kino bringen. Wir haben dann eine Crowdfunding-Kamagne gestartet, weil wir Geld brauchten, um die Leute zu bezahlen, die den Tonschnitt, die Mischung und die Farbkorrektur gemacht haben.

Wie geht es weiter?

Wir wollen ihn noch zu anderen Filmfestivals schicken. Mein Hauptberuf ist ja meine Arbeit im fsk-Kino in Kreuzberg. Wir bringen den Film mit unserem eigenen Verleih raus, werden ihn auch in unserem Kino zeigen und bringen ihn deutschlandweit ins Kino – im Herbst wahrscheinlich.

Sie haben unter anderem Filme über eine Roma-Familie und über eine Aktivierungs-Maßnahme vom Jobcenter für junge Männer gemacht. Warum liefen die nicht im Kino?

Bei meinen bisherigen Filmen dachte ich: Die sind zu klein. Ich merke auch in unserem Kino, dass es leider an bestimmten Themen – wie beispielsweise den Roma – wenig Interesse gibt. Aber bei diesem Film denke ich: Der könnte bessere Chancen haben, dass Kinobetreiber ihn ins Programm nehmen. Bei den anderen Filmen hatte ich auch keine Förderung. Ich habe sie einfach auf Vimeo gestellt, weil ich möchte, dass sie gesehen werden.

Haben Sie sich bewusst entschieden, Ihren Lebensunterhalt nicht als Regisseurin zu verdienen?

Ja, das können nur die wenigsten. Ich habe auch Schnitt studiert und nicht Regie, denn ich wollte von der Arbeit als Editorin leben. Nach dem Studium war ich zwei Jahre lang selbstständig und musste immer wieder bangen, ob neue Aufträge kommen. Diese Unsicherheit tat mir überhaupt nicht gut. Ich habe schon während des Studiums im fsk-Kino gearbeitet und war froh, als sie gefragt haben, ob ich ins Kollektiv einsteigen will. Ich möchte keinen Zeit- und Erfolgsdruck beim Filmemachen haben. Die Konkurrenz bei den Förderanträgen ist sehr groß. Und Fernsehbeteiligung möchte ich nicht, weil ich unabhängig arbeiten will. Ich mache die Projekte, die ich machen will. Und ich mache sie genau so, wie ich es machen will.

"Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist": Berlinale Forum, 29.2. 19 Uhr Silent Green, 1.3. 10 Uhr Arsenal

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