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Bärenkandidat
Römisches Sozialdrama auf der Berlinale

Tommaso Di Cola, Ileana Stimmatini D’Ambra in "Favolacce", Berlinale Wettbewerb. Die Angst vor dem sozialen Abstieg: davon erzählt der großartige italienische Wettbewerbsbeitrag von Fabio und Damiano D’Innocenzo.
Tommaso Di Cola, Ileana Stimmatini D’Ambra in "Favolacce", Berlinale Wettbewerb. Die Angst vor dem sozialen Abstieg: davon erzählt der großartige italienische Wettbewerbsbeitrag von Fabio und Damiano D’Innocenzo. © Foto: Pepita Produzioni Amka Film
Daniela Sannwald / 26.02.2020, 14:00 Uhr - Aktualisiert 17.03.2020, 09:08
Berlin (MOZ) Schlecht lackierte Zehennägel, eine Hand mit einem billigen Goldring, Schweißflecken auf einem Hemd, eine Shorts, die sich zwischen Pobacken hochgezogen hat, Gläser mit künstlich-grüner Limonade, eine Rauchwolke über einem Grill, ein aufblasbarer Riesenpool – all diese sorgfältig protokollierten Details charakterisieren einen vor Hitze gleißenden Sommer in einer Vorstadt von Rom. Die dort wohnen, leben teils gerade noch nicht in prekären Verhältnissen, teils doch schon, und ihnen allen gemeinsam ist die Angst vor weiterem sozialen Abstieg.

Aus dem Off schaltet sich mitunter ein Erzähler ein, der mal belehrend, mal ironisch, mal leicht genervt das Geschehen kommentiert, anfangs fragt man sich, wessen Perspektive er eigentlich übernommen hat. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Seine Geschichten erzählten die Wahrheit, die wiederum auf Lügen beruhe, sagt der Erzähler. Das ist natürlich eine Anspielung auf das in aller Welt verbreitete Phänomen der Fake News, der interessengeleiteten Nachrichten, mit denen Politik gemacht wird; es ist die Bankrotterklärung der Objektivität, die Aufkündigung eines gesellschaftlichen Konsens, der ihren Mitgliedern Sicherheit gab.

Und so ist dieser großartige, erschreckende Film der Brüder D’Innocenzo hochpolitisch; er thematisiert den Druck, unter dem Menschen stehen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, obwohl sie mit ihren geringen Gehältern ihr Leben gerade eben so fristen können, und wie die permanente Anspannung sie aufreibt, ihre Identität in Frage stellt, so lange bis der Druck sich ein Ventil sucht.

Die "miesen Märchen", wie die Übersetzung des italienischen Titels lautet, sind miteinander verschränkte Einzelszenen, in denen immer wieder dieselben Personen auftauchen und neue Konstellationen sich ergeben. Es gibt keine Haupt- und Nebenfiguren, sondern Frauen, Männer und Kinder. Letzteren soll es mal besser gehen als den Erwachsenen.

Die Männer tragen Deckelfrisuren, kurze Hosen und Flipflops, unter den Ärmeln ihrer T-Shirts wölben sich Muskelberge; sie sehen aus wie Soldaten auf Urlaub. Die Frauen stecken in Flatterkleidern und unter Make-up-Schichten; sie rauchen, und sie haben zu große weiße Geldbörsen aus Lederimitat. Die Kinder sind dünn und stoisch; und sie reden viel über Sex, obwohl sie alle um die zehn Jahre alt sind. Weder zwischen den Generationen noch zwischen den Individuen scheint Verständigung möglich, auch wenn jede Menge Emotionen hochkochen.

Ein Lehrer gibt nachmittags Nachhilfeunterricht, um sein kümmerliches Salär aufzubessern, die Schulkantinenhelferinnen klatschen lieblos Tomatensoße auf blasse Nudeln; man hat das Gefühl, dass die schlechte Ernährung zur aufgeheizten Stimmung beiträgt. Die Männer haben Aggressionsausbrüche und Vergewaltigungsfantasien. Die Sprache strotzt von Unflätigkeiten und Obszönitäten, bei Kindern und Erwachsenen.

Einmal fahren alle zum Strand, und die Kamera verharrt genau über dem Meeresspiegel, da, wo alle Köpfe der Badenden herausschauen – das Wasser steht ihnen bis zum Hals. Dass es kein Entrinnen gibt aus diesen Verhältnissen, außer durch sehr drastische Maßnahmen, auch davon erzählt dieser ungeheuer spannende Film.

"Favolacce": Berlinale Wettbewerb, 26.2. 10 Uhr HdBF, 12.15 Uhr FSP, 28.2. 21.30 Uhr FSP

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