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Theater
"Antifaust" feiert am Staatstheater Cottbus Premiere

Vor selbst gemalten Hydranten: Jo Fabian in seinem Büro im Staatstheater Cottbus
Vor selbst gemalten Hydranten: Jo Fabian in seinem Büro im Staatstheater Cottbus © Foto: Thomas Klatt
Thomas Klatt / 27.02.2020, 04:00 Uhr
Cottbus Löwen schreiten majestätisch durch das Bild, der Hintergrund ist düster. Es könnte ein Keller sein oder ein Maschinenraum am Ende aller Zeit. "Ein schwacher Mensch ist dieser Faust, für jeden eine Bürde", sagt eine Grabesstimme aus dem Off. Sie gehört Boris Schwiebert, dem tiefsten Bass des Cottbuser Schauspiels. In der ersten "Faust"-Inszenierung spielt er den Mephisto. Industrial-Sound dröhnt dem Betrachter entgegen. Faust dreht sich dabei somnambul um sich selbst.

Diese Videoinstallation des Regisseurs Jo Fabian auf dessen Homepage soll Appetit machen auf den "Antifaust", sein Stück, das am Sonnabend am Staatstheater Cottbus Premiere hat. Doch warum ein Antifaust? Hatte sich Fabian nicht bereits mit seiner "normalen" "Faust"-Inszenierung kritisch mit der Figur auseinandergesetzt? Wie viel "anti" steckt in seinem aktuellen Faust? Wie viel "anti" steckt in Fabian?

Es gehe ihm nicht um schlichte Gegenpositionen, sagt Fabian. Aber diese Figur habe als bürgerliches Erbauungstheater ausgedient. "Goethes Faust war egoistisch, skrupellos, gewinnorientiert", sagt Fabian. Bei Goethe war das ein Tabubruch. "Erkaufen" musste sich Faust seinen Charakter mit Mephistos Versprechen auf Wissen und Erkenntnis.

Wenn wir uns mit Faust auseinandersetzen, müssen wir uns mit der Gesellschaft auseinandersetzen, sagt Fabian. "Solange wir nach Gewinn trachten, ist auch Faust ein Gewinn. Wenn wir alles wieder verloren haben,  wonach wir trachten, wird auch Faust ein Verlust sein." Was habe er denn fürs Gemeinwesen getan? Nichts. Asozialität als Heldentum. Er hat Grenzen überschritten. Das ist heute kein großes Thema mehr. Grenzen würden täglich überschritten. Die Überschreitung sei reizlos geworden. Die Orientierungslosigkeit von heute sei doch das Dilemma. Als Grundmuster menschlichen Verhaltens tauge Goethes Figur nicht mehr. Können wir heute noch erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Durch die dicken Mauern des Cottbuser  Jugendstiltheaters dringt es nach draußen: Der "Antifaust" werde vielleicht eine der ungewöhnlichsten Aufführungen der vergangenen Jahre. Fabian setzt das Thema als multimediale Videoinstallation um: in Verbindung mit Spiel, Musik, Live-Kamera, Performance und Tanz. Das hat er zwar schon öfter getan. Doch diesmal, in seiner letzten großen Inszenierung am Staatstheater, scheint es, als fühle er sich freier. In keinem Fall will Fabian ein klassisches Bühnenstück. Die Texte kommen von ihm selbst, mit Fragmenten von Kant, Brecht und natürlich: Goethe. Auch die Figuren aus dem "Faust" sind wieder dabei. Doch sie bleiben wohl vage. Was sie zu sagen haben, soll weniger übers Spiel projiziert werden. Als Live-Musiker sind die Ex-Punks Lars Neugebauer aus dem Umfeld der Einstürzenden Neubauten und Chris Hinze, Musiker bei Sandow und ein Künstler, der sich mit Installationen und Figuren einen Namen gemacht hat, dabei.

Ist bei dieser letzten Premiere nicht auch etwas Wehmut angesagt? Die Nichtverlängerung seines Vertrages als Schauspieldirektor durch den designierten Intendanten Stephan Märki mache ihn nicht schwermütig, sagt Fabian. Aber zu einer Zeit, als das Haus in der Krise war  – man  hatte sich innerhalb kurzer Zeit von Generalmusikdirektor, Intendant und Direktor wegen Fehlverhaltens und Führungsunfähigkeit getrennt –, habe es die Chance für etwas Neues gegeben. Fabian sprach damals  von einer "Freien Theaterrepublik Cottbus": Schauspieler und Sänger würden selbst bestimmen können, was und wie gespielt und musiziert wird. Ein Theater von unten hätte es sein können. An die Spitze der Bewegung habe er sich damals nicht gestellt, aber unterstützt hätte er diese Idee.

Offene Besetzungsliste

Mitdenken, Vorschläge machen, sich einbringen, das verlangt er von den Spielern bis heute. Bei der Besetzungsliste, die im Theater aushängt, hat er im "Anti-faust" die Namen der Schauspieler offengelassen – verbunden mit der Aufforderung, sich an gewünschter Position selbst einzutragen. Das habe funktioniert, so Fabian. Dass nicht alle Schauspieler seinem Plan folgen, könne er verstehen.

Fabian wird weiterziehen, vermutlich wird er das tun, was er den größten Teil seines Theaterlebens getan hat: als freier Regisseur das Publikum herausfordern. Vielleicht wird er manchmal an Goethes "Faust" denken, wo es im zweiten Teil heißt: "Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben / Der täglich sie erobern muss."

"Antifaust", Premiere am 29.2., 19.30 Uhr; weitere Vorstellungen am 5.3., 4.4., 2.5. und 3./26.6., jeweils 19.30 Uhr; "Faust" am 20.3., 3.4. und 2./24.6., jeweils 19 Uhr, sowie 26.4., 16 Uhr; Staatstheater, Schillerplatz 1, Cottbus, Kartentel. 0355 7824242

Mitbegründer der Berliner Sophiensæle

Jo Fabian, 1960 in Berlin geboren, ist Regisseur, Choreograf, Autor und Bühnenbildner. Er studierte Schauspiel in Rostock und begann Mitte der 80er-Jahre als Schauspieler in Gera und Meiningen, wo auch erste Regiearbeiten entstanden. Er arbeitete unter anderem im Berliner Theater unterm Dach und wurde in den 90er-Jahren auch überregional bekannt. Gemeinsam mit der Choreografin Sasha Waltz und anderen Künstlern gründete Fabian 1996 die Berliner Sophien-sæle, wo im selben Jahr  sein Stück "Alzheimer Light" zu sehen war. Seit der Spielzeit 2017/18 ist Fabian Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus. Zum Ende dieser Saison verlässt er das Haus.⇥klt

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