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Willy-Brandt-Haus
Foto-Ausstellung über DDR-Schauspieler und Neuen Deutschen Film in Berlin

Im Willy-Brandt-Haus werden Schauspielerportraits von Michael Weidt, Filmplakate aus der DDR und Fotografien des Neuen Deutschen Films ausgestellt (Symbolbild).
Im Willy-Brandt-Haus werden Schauspielerportraits von Michael Weidt, Filmplakate aus der DDR und Fotografien des Neuen Deutschen Films ausgestellt (Symbolbild). © Foto: Oliver Berg/dpa
Hans-Jörg Rother / 05.03.2020, 04:30 Uhr
Berlin Zwei Etagen trennen die schwarz-weißen Porträts von Schauspielern der Defa im Atrium und die faszinierende Hommage an den Neuen Deutschen Film, ein Zufall vielleicht. Fast scheu, wie bescheiden drücken sich die 30 Arbeiten des Berliner Fotografen Michael Weidt an die Wand. Man kann diese Gesichter aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, der noch jugendlichen Corinna Harfouch etwa, von Ulrich Mühe, der im Sessel sitzt, als wolle er gleich aufspringen, oder eines fast schüchtern wirkenden Henry Hübchen glatt übersehen. Doch wer erst hinschaut, den lassen diese ernsten Blicke in die Kamera nicht los.

Weidt, Berliner, Jahrgang 1946 und Schüler von Arno Fischer, verband mit den seinerzeit noch am Anfang ihrer Karriere stehenden Leuten von Bühne und Film eine tiefe Sympathie, im Einzelfall sogar Freundschaft, als er für "Filmspiegel", "Magazin", "NBI", die begehrte Modezeitschrift "Sibylle" oder den Progress-Filmverleih für dessen Werbung vor neutralem Hintergrund diese beeindruckenden Porträts schuf.

Werbung? Diesen Effekt würden Marketingstrategen Michael Weidts Aufnahmen sofort absprechen. Es fehlt der Effekt, die Pose, das gewinnende Lächeln. Sie springen den Betrachter nicht an, aber wer sich nur einen Moment Zeit nimmt, den packen diese auf den Fotografen und nun auf ihn gerichteten Blicke, die so gar nicht dem geforderten Optimismus entsprachen. Ein Wille zum Aufbruch wird sichtbar, ein Aufbegehren vielleicht sogar. "Erzähl mir, Augenblick", hat Weidt diese Serie im Nachhinein genannt. Wie sehr er sich damals unter den jungen Stars wohlfühlte, lässt sich besonders gut an der Bildfolge ablesen, die während der Dreharbeiten zu Michael Gwisdeks Regiedebüt "Treffen in Travers" ablesen, ein Film aus der französischen Revolutionszeit mit deutlichen Bezügen auf die DDR-Gesellschaft vor deren Niedergang. Es mag nicht viel sagen, Hermann Beyer und Gwisdek während einer Drehpause plaudernd nebeneinander sitzen zu sehen, und ist doch wie die anderen Schnappschüsse, so möchte man die Aufnahmen fast nennen, Zeugnis des freundlichen Umgangs miteinander, der nicht überall am Set anzutreffen ist.

Filmplakate aus Defa-Zeiten ergänzen das Bild der Erinnerung. Die ältesten, etwa zu "Eine Berliner Romanze" und "Berlin – Ecke Schönhauser", zwei Filmen von Gerhard Klein (1956/57), wirken noch etwas grob gezeichnet. Je weiter die Zeit fortschritt, umso künstlerisch gelungener werden diese grafischen Werke aber. Erhard Grüttner, Werner Klemke, Klaus Wittkugel und andere, deren Namen leider nur in Kleinstschrift zu entdecken sind, schufen ausdrucksstarke kleine Meisterwerke, die immer auf das Thema hinzulenken versuchen, statt mit den Namen der Darsteller ins Kino zu locken. Wieder ein verfehlter Werbeeffekt?

Um fotografische Effekte ist dagegen der Schweizer Fotograf Beat Presser bei seiner alle Aspekte ausschöpfenden Hommage an den Neuen Deutschen Film nicht verlegen. Er hat sie alle vor die Kamera gebeten, von Reinhard Hauff bis Peter Lilienthal, von Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta bis Wim Wenders, dazu bedeutende Kameramänner wie Jürgen Jürges und Michael Ballhaus, Stars wie Bruno Ganz und Hanna Schygulla, aber auch wichtige Produzenten, Schnitt- und Tonmeister und sogar zwei Kinobetreiber, die die Türen zur Weltfilmkunst weit aufstießen: Erika und Ulrich Gregor, die das Berliner Kino Arsenal gründeten.

Der Baseler Fotograf begnügt sich nie mit einem klassischen Porträt, er inszeniert eine bildhafte Atmosphäre, die zu dieser Person passt. Um Alexander Kluges Kopf scheinen die elektronischen Wellen zu flirren, als würde er ganz in seiner Arbeit aufgehen. Schlöndorff wälzt, wie könnte es anders sein, einen Stapel Drehbücher, während Wim Wenders von der Aussichtsplattform der Siegessäule auf den Tiergarten schaut, den Bruno Ganz und Otto Sander einst als Engel überflogen.

Gewiss, Klaus Lemke hält wie beschwörend noch einmal die Losung "Papas Kino ist tot" hoch. Doch was damals neu war, ist längst Geschichte. Rainer Werner Fassbinder, der unermüdlichste von allen, starb bereits 1982. Da hatte die Welle bereits ihren Zenit überstiegen. Die Hommage inszeniert, gekonnt und doch seltsam beschränkt, eine Welt von gestern. Die eingefügten Texte zeugen von sorgfältiger Vorbereitung, die Ausstellung kann fast wie eine Lehrschau gelten, die auch dem Filmkundigen noch Neues bietet. Bescheiden tritt sie nicht auf – so wie der Neue Deutsche Film nie bescheiden sein wollte.

"Erzähl mir, Augenblick. Schauspielerporträts von Michael Weidt und Filmplakate aus der DDR" und "Aufbruch und Umbruch. Eine Hommage an den Neuen Deutschen Film mit Fotografien von Beat Presser", bis 22.3., Di–So 12–18 Uhr, Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 22, Berlin-Kreuzberg

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