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Literatur
Fontanes Strausberger Reise

Gabiele Radecke und Robert Rauh / 17.03.2020, 11:35 Uhr
Strausberg Einigen Fontane-Orten war im letzten Jahr nicht zum Feiern zu Mute. Während überall in Brandenburg mit zahllosen Veranstaltungen an den 200. Geburtstag des Schriftstellers Theodor Fontane (1819–1898) erinnert wurde, mussten sie eine Hiobsbotschaft verkraften: Fontane hat ihrem Ort keinen Besuch abgestattet.

Besonders bitter ist die Nachricht für die Gemeinden, denen Fontane in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" ein eigenes Kapitel widmete. In Strausberg ist es genau andersherum. Die Stadt, die heute im Landkreis Märkisch-Oderland liegt, wird in den "Wanderungen" nicht beschrieben – Fontane war aber dort. Aus Fontanes Briefen war bisher nur bekannt, dass der Wanderer auch nach Strausberg reiste. Dass er tatsächlich vor Ort recherchierte, belegen jedoch erst seine Notizbücher.

Schwer zu entziffern

Fontanes Notizbücher gehören zu den letzten, noch unveröffentlichten Handschriften des Autors. Weil sie das gesamte Spektrum seines umfangreichen Werkes abbilden, sind sie ein einzigartiges Arbeits- und Lebensdokument. Überliefert sind 67 Kleinoktavbändchen, die den Zeitraum von 1860 bis 1885 umfassen. Auf den zirka 10 000 Seiten finden sich Entwürfe zu seinen Romanen, Erzählungen und Gedichten, zum kriegshistorischen und reiseliterarischen Werk, zur Theater-, Literatur- und Kunstkritik sowie zu Briefen und Tagebüchern. Zudem gibt es auch Alltägliches wie To-do-Listen und ein Kochrezept für Maiskolben, das Fontanes Frau Emilie festhielt.

Allein 21 Notizbücher dienten Fontane für seine "Wanderungen"-Recherche. Sie offenbaren bisher unbekannte Reisen Fontanes in die Mark und belegen die tatsächlichen Reiserouten, die sich von denen in den gedruckten "Wanderungen" unterscheiden. Zudem enthalten die Kladden 450 Skizzen von Herrenhäusern, Kirchen und Grabmalen. Dienten sie dem Wanderer als visuelle Gedächtnisstütze, bieten sie heute zusätzliche Details und eine räumliche Vorstellung der Beschreibungen. Spezielle Lagepläne ermöglichen zudem eine genauere Lokalisierung.

Die Entzifferung der Notizen ist eine große Herausforderung. Schrieb Fontane am heimischen Schreibtisch ordentlich mit Tinte, sind seine Bleistifteinträge von unterwegs äußerst unruhig. Erschwert wird die Entschlüsselung durch unzählige Durchstreichungen und Hinzufügungen.

Seit 2011 werden die Notizbücher an der Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen in Kooperation mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek unter der Leitung von Gabriele Radecke digitalisiert, komplett entziffert und kommentiert. Inzwischen sind alle Seiten in einem kostenlosen Internetportal publiziert, in dem man nun gezielt nach Orten, Personen und Stichworten suchen kann. Auch über Strausberg.

Strausberger Notizen

Die Aufzeichnungen über Strausberg finden sich im Notizbuch A6, auf dessen Cover neben Kunersdorf, Gielsdorf und Wilkendorf auch Strausberg selbst vermerkt ist. Dass die Notizen vor Ort entstanden, beweisen die Bleistifteinträge, das unruhige Schriftbild sowie eine Skizze. Sie konzentrieren sich auf den Innenraum der Marienkirche mit dem "vielpuppigen Bilder-Altar", der "ganz apparten alten Gewölbe-Decke", den "sehr nett gemachten Kinder-Grabsteinen" und den Grabstein für den Pfarrer und brandenburgischen Geschichtsschreiber Andreas Angelus.

Seine "Strausberger Reise", die Fontane auch zu anderen Orten führen sollte, diente der Vorbereitung für seinen zweiten "Wanderungen"-Band "Oderland", der Ende 1863 erschienen ist. Die Reise für das letzte Kapitel des Bandes ("Das Pfulen-Land") hatte er zusammen mit seinem Verleger Wilhelm Hertz vor, der ihm den Ausflug finanzieren sollte.

Bereits Fontanes Reiseplan, den er Hertz am 18. September 1863 unterbreitete, verdeutlicht, dass Strausberg kein Kapitel in den "Wanderungen" zu erwarten hatte. Denn der Ort sollte lediglich als Verkehrsknotenpunkt dienen. Doch aus der gemeinsamen "Strausberger Reise" wurde nichts, weil Hertz verhindert war. Stattdessen brach Fontane am 29. September allein nach Strausberg auf, übernachtete dort, besichtigte am nächsten Tag die Kirche und fuhr weiter nach Wilkendorf und Gielsdorf. Die beiden Dörfer erhielten im "Oderland"-Abschnitt eigene Kapitel, weil sie zu den Besitztümern der Familie von Pfuel gehörten. Und Strausberg nicht.

Die Recherche-Ergebnisse aus Strausberg verschwanden zunächst in Fontanes Schublade, aber nicht aus seinem Gedächtnis. Denn 1883, also zwanzig Jahre später, plante er ein "4bändiges Parallelwerk" zu seinen "Wanderungen" – unter dem Titel "Geschichten aus Mark Brandenburg". Darin sollte Strausberg endlich einen eigenen Abschnitt erhalten. Realisiert wurde das neue Brandenburg-Projekt nicht mehr, weil sich Fontane stattdessen seinen Romanen widmete. Erhalten geblieben sind nur zahlreiche Vorarbeiten, zu denen auch die Notizbuchaufzeichnungen über Strausberg gehören.

Info: "Fontane war doch in Strausberg. Neues aus Fontanes Notizbüchern" – so lautet der bebilderte Vortrag von Gabriele Radecke, zu dem die Heinrich-Mann-Bibliothek Strausberg/Stadtmuseum Strausberg am 18. März 2020 einlädt. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr.  Der Eintritt beträgt 3 Euro, für Schüler ist er frei. Anmeldung unter Tel.: 03341 314031 und E-Mail: bibliothek@stadt-strausberg.de

Die Autoren

Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin zahlreicher Fontane-Ausgaben sowie der digitalen Fontane-Notizbuch-Edition. Die Digitalisierung von Fontanes Notizbüchern ist einsehbar unter: fontane-nb.dariah.eu/index.html

Robert Rauh, Historiker und Sachbuchautor, hat mehrere Bücher über Theodor Fontane geschrieben, zuletzt "Fontanes Frauen" (2018) und "Fontanes Ruppiner Land" (2019).

Beide zusammen sind Herausgeber des Auswahlbandes "Theodor Fontane. Wundersame Frauen", der 2019 im Manesse Verlag erschienen ist. Ihre Recherchen auf Fontanes Spuren sind auch nach Ende des Fontane-Jahres noch lange nicht abgeschlossen. Ihre Funde und Erkenntnisse veröffentlichen sie im Internet unter: www.fontanes-wanderungen.de.

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