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Corona-Krise
Autorin Adrienne Goehler zum bedingungslosen Grundeinkommen

Die Berliner Autorin und Kuratorin Adrienne Goehler kämpft seit langem für das bedingungslose Grundeinkommen.
Die Berliner Autorin und Kuratorin Adrienne Goehler kämpft seit langem für das bedingungslose Grundeinkommen. © Foto: Wenke Seemann
Christina Tilmann / 25.03.2020, 04:30 Uhr - Aktualisiert 25.03.2020, 07:30
Frankfurt (Oder) (MOZ) Adrienne Goehler ist Kuratorin und Autorin und war Kultur- und  Wissenschaftssenatorin in Berlin und Präsidentin der Kunsthochschule in Hamburg. Sie hat die Ausstellung "Zur Nachahmung empfohlen!" konzipiert, die weltweit getourt ist, und aktuell gerade ein Buch über das bedingungslose Grundeinkommen geschrieben.

Frau Goehler, Sie machen sich schon seit langem für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark. Was unterscheidet ein Grundeinkommen von den jetzt verabschiedeten Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung für Selbständige, Kulturschaffende und Kleinunternehmer/innen?

Heute Morgen im Deutschlandfunk meldeten sich unfassbar viele Menschen, die sich nicht sicher waren: Trifft das jetzt für mich zu? Was muss ich nachweisen? Ist meine Bedürftigkeit anerkannt? Diese Verunsicherung kennen wir schon von Hartz 4. Das ist bei einem  Grundeinkommen anders, da kann das Finanzamt einfach sagen: Sie sind bei uns als Solo-Selbständige gemeldet, deshalb können Sie das Geld bekommen. Im Unterschied zum Kurzarbeitergeld, zu Aufstockungen oder Einmalzahlungen geht es beim Grundeinkommen – oder Grundauskommen, wie ich es lieber nenne – um mehr als um Geld auszubezahlen. Es geht um den Wechsel von einer Misstrauens- zu einer Vertrauenskultur. Und ich bin sicher, dass sich keiner in die Hängematte legt – die Menschen wollen arbeiten, das sieht man jetzt in dieser Krise.

Diese Petition im Internet, von einer Kleinunternehmerin gestartet, die jetzt in der Krise ein temporäres Grundeinkommen fordert, hat inzwischen 387.000 Unterschriften gefunden. Wie ist das gedacht?

Die  Idee ist, das jetzt einmal sechs Monate zu erproben und allen Freiberuflern  im Durchschnitt 1000 Euro Grundeinkommen zu zahlen. Das ist natürlich nicht bedingungslos, sondern mehr im Sinne eines Überbrückungsgeldes zu verstehen. Dennoch schätze ich die Initiative sehr, denn damit könnte man eine Feldforschung verbinden. Das wäre ein kollektiver Lernprozess, der aus der Krise etwas Positives ziehen könnte. Ich hoffe sehr, dass die Petition auf eine Million Unterschriften kommt, dann wäre tatsächlich eine kritische Masse erreicht, die auch die Politik noch einmal anders nachdenken lassen müsste.

Ist schon einmal durchgerechnet worden, wie viel das kosten würde? Wäre das sehr viel teurer als die Milliarden-Unterstützungen, die die Bundesregierung am Montag beschlossen hat?

Ich komme aus der Psychologie und beobachte aus den prekären künstlerischen und wissenschaftlichen Verhältnissen heraus, was passiert, wenn Menschen chronische Angst um ihre Existenz haben. Die klassische Rechnung geht davon aus, dass wir jetzt schon über Sozialleistungen wie BaFöG oder Kindergeld 85 Prozent eines Grundeinkommens von 1000 Euro finanziert haben. Zusätzlich wird es Ressourcen- und Transaktionssteuern brauchen, und eine andere Berechnungsweise des Bruttosozialprodukts, die bedenkt was an Nicht-Erwerbs-Arbeit dort einfließt. Da jetzt offenbar allgemein bemerkt wird, wie wichtig die bezahlten und unbezahlten Frauenarbeiten von Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen und Kassiererinnen für unser System sind, zeigt, dass wir nach Corona nicht mehr zurück können in das vorherige Wirtschaften.

Gibt es konkrete politische Signale eines ernsthaften Sich–Befassens mit dem Thema?

Es gibt sowohl bei den Grünen als auch bei den Linken Arbeitsgruppen zum Thema, und einzelne Politiker, die sich sehr für das Thema einsetzen. Das Begreifen des Grundeinkommen im politischen Raum kommt mir immer noch eher wie ein Automat vor, bei dem die Münze, die man eingeworfen hat, noch oben im Schlitz festhängt. Und jetzt muss man ein bisschen am Apparat rütteln, damit der Groschen fällt.

Ist das jetzt eine Idee, die sich vor allem Kulturschaffende und Freiberufler ausgedacht haben, oder erleben Sie tatsächlich eine übergreifende gesellschaftliche Debatte?

Wenn wir von Brandenburg und Berlin aus denken, wäre die Lausitz ein idealer Ort für das Erproben des Grundeinkommens, um Klimawandel, Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, Ausstieg auch aus einer klaren geschlechterbasierten Arbeitsweise hin zu  zeitgemäßen Arbeits- und Lebensformen verbinden. Aber ich fürchte, dazu muss es noch viele Gespräche geben.

Sie haben gerade ein Buch über das Grundeinkommen herausgebracht – worum geht es da?

Der Titel  sagt es: Es geht um die gegenseitige Verstärkung der Wirkung von Nachhaltigkeit, Entschleunigung und Grundein/auskommen. Dazu habe ich viele Menschen  befragt, auch  mit  internationalen Beispielen: In Kenia gibt es gerade ein sehr wichtiges Modellprojekt, zweihundert Dörfer werden über zwölf Jahre begleitet. Die Idee der Initiative "give directly" ist, dass die klassische Entwicklungshilfe um fünfzig Prozent reduziert werden könnte, wenn sie direkt bei den Leuten ankommt. Die Grundidee die dem Buch zugrunde liegt,  ist die eines Grundauskommens als Menschenrecht. Ich versuche zu zeigen, dass man nicht nachhaltig leben kann, wenn man voller Existenzängste durch kurzfristige Jobs getrieben wird.

Und da hilft Ihnen der Corona-Virus, weil er weltweit alle vor die gleichen existenziellen Fragen stellt?

Nicht, dass ich diese Eskalation herbeigewünscht hätte – aber sie bietet eine Chance des grundlegenden Umdenkens. Wir werden jetzt alle gerade zwangsentschleunigt – aber das gibt uns vielleicht eine Vorstellung davon, wie wir unseren eigenen Rhythmus des sinnvollen Lebens und Arbeitens finden können. Ein Ausbruch aus dem "Allzeit-Bereit"-Modus, in dem wir so lange gearbeitet haben, rückt nun in den Bereich der Möglichkeiten.

Adrienne Goehler: "Nachhaltigkeit braucht Entschleunigung braucht Grundein/auskommen", Parthas, März 2020

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Coronablog.

Grundeinkommen für alle

Die Modedesignerin Tonia Merz hat eine Petition an Olaf Scholz gestartet, in der sie für sechs Monate die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens fordert (change.org/grundeinkommen).Auch der Berliner Michael Bohmeyer, der seit 2014 das Crowdfunding-Portal "Mein Grundeinkommen" führt, hat schnell reagiert: Statt normalerweise für zwölf Monate verlost er die nächsten Grundeinkommen nur für sechs Monate, dafür aber gleich dreißig Stück (www.mein-grundeinkommen.de). ⇥tim

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