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Corona-Pandemie
Psychoanalytiker Ludwig Janus über die Angst vor dem Virus

Das Corona-Virus kanalisiert die Grundängste der Gesellschaft, sagt der Psychoanalytiker Ludwig Janus (Symbolbild).
Das Corona-Virus kanalisiert die Grundängste der Gesellschaft, sagt der Psychoanalytiker Ludwig Janus (Symbolbild). © Foto: Paulia Joczynski/dpa
Merle Hilbk / 29.03.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 29.03.2020, 11:23
Heidelberg (MOZ) Angst, Beklemmung, Bedrückung – die aktuelle Lage ist für die Psyche eine schwere Belastung. Wie gehen wir damit um? Und wie wirken sich unsere Gefühle auf das gesellschaftliche Gefüge aus? Ludwig Janus war Präsident der Gesellschaft für Psychohistorie und politische Psychologie (GPPP), die sich mit den individualpsychologischen Auswirkungen historischer Ereignisse und politischer Entscheidungen beschäftigt. Er studierte Medizin und Psychologie und arbeitet als Analytiker in Heidelberg.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Herr Janus, wie sehen Psychologen die gegenwärtige Situation? Welche Fragen stellen sie sich?

Das, was wir Coronakrise nennen, ist eine große Herausforderung für Psychologen – nicht nur, weil es eine offene Situation ist, von der keiner sagen kann, wie sie sich entwickelt. Momentan wird die Debatte von Virologen dominiert, die uns die Gefahren erklären und sagen, wie wir uns verhalten sollen. Wir sind so beschäftigt, diese ständig neuen Informationen zu verarbeiten und uns auf die angeordneten Maßnahmen einzustellen, dass wir uns gar nicht um andere Aspekte kümmern können. Ein Tunnelblick entsteht – eine Wahrnehmungsverengung, die typisch ist für Situationen, in denen wir uns bedroht fühlen. Und dieses Bedrohungsgefühl wird durch die Bilder im Fernsehen aus Italien von den langen Sargreihen natürlich noch gesteigert.

Was sind das für Ängste, die uns nun überfallen?

Eine Mischung aus konkreten und wabernden, irrationalen Ängsten. Wir können die Bedrohung durch den Virus sinnlich nicht erfassen. Das beunruhigt, und diese Beunruhigung kann neurotisches Verhalten fördern, so wie bei Menschen, die unter einem Waschzwang leiden. Diese Virusangst trifft auf andere, in der Gesellschaft schon länger vorhandene Ängste. Zum Beispiel die vor der Klimakatastrophe, Krieg, Status-Angst, die viele in einem Zustand der Anspannung versetzt, den wir bewusst oft gar nicht wahrnehmen. Corona kanalisiert nun diese Grundangst, indem  sie auf einen gemeinsamen Feind gelenkt wird, den es zu bekämpfen gilt, ähnlich wie im Krieg. Dieser Kampf gibt uns eine Zuversicht in dem Sinne: Wenn wir das Virus in den Griff kriegen, dann kriegen wir alles in den Griff!

Wer schwört uns auf diesen gemeinsamen Feind  ein?

Das ist nicht unbedingt ein gesteuerter Prozess. Menschen, die sich verunsichert fühlen, suchen nach einem Sündenbock oder Feind. Denken Sie an die Kommunisten-Hetze in den 60er-Jahre in den USA. Die hatte auch mit dieser Verunsicherung, dieser Spaltung der US-Gesellschaft zu tun.

Was kann man tun, damit nun nicht andere Menschen oder Gruppen zu Sündenböcken werden?

Man sollte sich der aktuellen Stimmung bewusst sein, der eigenen und der kollektiven. Dazu muss man lernen wahrzunehmen, was wirklich in einem vorgeht und trennen lernen: was ist Virus-, was Gefühlsmanagement.  Auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene. Man sollte sich also neben Virologie jetzt auch mit Psychologie beschäftigen.

Was heißt das für die Regierung?

Der Mensch ist gut, wenn er in kleinen Gruppen lebt, die über genügend Ressourcen verfügen. Großgruppen haben eher die Tendenz, bei Bedrohungen aus dem Ruder zu laufen. Deswegen wäre es gut, wenn es neben der Gesundheitserziehung auch so etwas wie eine Gefühlsschulung gäbe, damit man versteht, was in einem selber vorgeht und alte von konkreten Ängsten unterscheiden kann. Selbstreflexion ist für die Stabilität einer Gesellschaft sehr wichtig. Zwei Drittel Reflektierte braucht eine Gesellschaft. Bildung und Seelenbildung sind unerlässlich für die Demokratie.

Warum hat sich niemand bei den großen Grippewellen solche Gedanken gemacht? Warum musste da niemand zu Hause bleiben?

Die Grippe hat im letzten Jahr 25.000 Menschen umgebracht. Aber Grippe gibt es schon lange, das scheint wie ein alt bekanntestes Problem, und deswegen läuft es unterm Radar. Wahrscheinlich hängt es auch mit Greta und den Klimaprotesten zusammen, dem Gefühl, dass die Welt kurz vor dem Kollaps steht. Das könnte eine Erklärung für diese weltweite Solidarisierung im Zusammenhang mit der Epidemie sein. Das Virus scheint eine Sehnsucht befördert zu haben nach einer empathischen Gemeinschaft. Je verwirrender und komplexer die Welt wird, desto stärker wird auch diese Sehnsucht nach einer Gruppe, mit der ich meine Ängste und Gedanken teilen kann.

Noch mal anders gefragt: Warum ausgerechnet dieses Virus?

Es gibt Infektionskrankheiten, die im Westen als überwunden gelten, wie beispielsweise die Tuberkulose.  Da scheint die Bedrohung weit weg. Bei Corona ist das anders. Corona haben nun sogar auch die Schweizer. Und das Menschenbild hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt in dem Sinne, dass Menschen unabhängig von Alter, Rasse oder Herkunft Schutz verdienen. Dass jeder in Ruhe alt werden sollte – das gilt noch nicht lange als selbstverständlich.

Aber wie kommt es, dass es  nun diese scheinbar weltweite Solidarisierung gibt – und keine Gewalt?

In der Psychohistorie beobachtet man, dass bestimmte Stimmungen, die lange im Unterbewussten gären, sich scheinbar plötzlich Bahn brechen. Denken Sie an die Proteste, die zum Ende der DDR führten. Das war wie ein Aufwachen aus einer Trance. Und so ähnlich kommt mir das auch jetzt vor.

Kann man solche Prozesse bewusst steuern?

Diese Dinge laufen im Stammhirn ab, deswegen sind uns diese Prozesse nicht bewusst. Erst nachträglich kann das Großhirn klären, was da abgelaufen ist. Ich bin sehr gespannt, was wir in drei Monaten über unser Verhalten in der Coronakrise sagen werden. Vielleicht wird sie ja die Vorstufe einer Werteveränderung: Weniger Lebensenergie in den Erwerb von SUVs und Immobilien stecken, mehr in Beziehungsfähigkeit. Dazu gehört auch, seine Unsicherheit einzugestehen. Frau Merkel hat das verstanden. Wie sie in aller Ruhe erklärt hat, dass sie noch nicht genau sagen, wie sie mit der Bedrohung umgehen soll – das war viel konstruktiver als der Feldherren-Auftritt von Macron.

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