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Fotografie
"Hinterland" von Hans-Christian Schink zeigt Brandenburg in Bildern

Christina Tilmann / 29.03.2020, 04:30 Uhr
Berlin (MOZ) Es ist ein gespenstisch ruhiger Vormittag in Berlin-Charlottenburg: die sonnigen Straßen aus Corona-Vorsorge leer, auch in den schönen, herrschaftlichen Räumen der Fotogalerie Kicken am Kaiserdamm hält eine Galerie-Mitarbeiterin einsam die Stellung. Hier hätte Hans-Christian Schink am Vorabend sein Buch "Hinterland" vorstellen sollen, doch die Veranstaltung wurde abgesagt, wie alles derzeit.

Der Fotograf nimmt es gelassen. Er ist nur auf der Durchreise in Berlin, auf dem Rückweg nach Mecklenburg-Vorpommern, wo er seit 2015 in der Nähe von Burg Stargard lebt. Menschenansammlungen sind ohnehin nicht so seins – die Fotografien in seinem neuen Buch zeigen menschenleere Landschaften in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Nur auf einem Bild erkennt man, mit viel Konzentration, einen einsamen Menschen in der Ferne an der Oder.

"Hinterland: Das meint einerseits die dünn besiedelten Landstriche abseits der Großstädte, die abgelegenen Regionen Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns", erklärt Hans-Christian Schink. Orte mit Namen wie Grauenhagen, Plath, Karpzow, Wriezen, Cölpin, Darschkower See... Aber er möchte es auch im positiven Sinn verstanden wissen: "Es geht auch um mein eigenes Hinterland. Um Affinitäten, um Erinnerungsmomente."  Das Ergebnis gibt ihm Recht: "Ich würde für mich selbst sagen, dass das bisher mein schönstes Buch geworden ist. Und mein persönlichstes."

2012 ist Hans-Christian Schink zum ersten Mal losgezogen, damals noch von Berlin aus. Bis März 2019 war er unterwegs, oft im Winter, wenn es die von ihm so geschätzten farblosen Landschaften gibt, die grauen Himmel, die stillen Wasser. So sind seine Bilder Kompositionen in Grau und Weiß, Braun und Blassgelb. Nur Stromleitungen, Hochsitze und Zäune setzen Akzente in den leeren Landschaften, Silos, Windräder, Ställe zeugen fern jeder Romantik von extensiver landwirtschaftlicher Nutzung. Gelegentlich sieht man einzelne Kühe, Schafe, Pferde, Hühner. Es sind Landschaften voller Melancholie, Tristesse, auch Depression, aber auch von elegischer Schönheit – eine Betrachterin hat einmal zutreffend von "zärtlichen Bildern" gesprochen.

Für Hans-Christian Schink schließt sich mit diesem Buch ein Kreis. 1995 bis 2003 hatte er mit "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" die Überformung der ostdeutschen Landschaften durch gigantische Brücken, Tunnel und Trassen im Zuge des Einheitsprozesses dokumentiert, wuchtige, in die Landschaft gepflanzte Beton-Fundamente – die Serie hat ihn international bekannt gemacht. 1997 fotografiert er während eines Stipendiums von Schloss Wiepersdorf aus die Dörfer und Landschaften des Fläming, mit ihren schleichenden Veränderungen und der scheinbar zeitlosen Bescheidenheit. Doch bei der Fläming-Serie sei noch viel Distanz im Spiel gewesen, sagt er heute im Rückblick. "Da ist mir in den letzten zwanzig Jahren dann klargeworden, dass mir das auch nicht mehr entspricht."

Seitdem war der inzwischen mehrfach preisgekrönte Fotograf viel im Ausland unterwegs, in Burma, in Japan, in Vietnam, mit einem Stipendium in der Villa Massimo in Rom. Für "Hinterland" hatte er ursprünglich die Orte seines Lebens aufsuchen wollen, erzählt der Fotograf: "Die Idee hat sich parallel zu meinen vielen Reisen entwickelt. Ich hatte seit Anfang der Zweitausenderjahre darüber nachgedacht, auch wieder einmal im vertrauten Umfeld zu arbeiten. 2009 hatte ich mir dann ein kleines Motorrad gekauft mit der Absicht, einfach loszufahren. Zu Anfang war die Überlegung, das mit Orten und Landschaften zu verknüpfen, zu denen ich einen biografischen Bezug habe."

1961 in Erfurt geboren, hat Schink vor seinem Studium an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig 1986 bis 1991 zunächst sieben Jahre auf Montage gearbeitet, als Betriebs-, Mess-, Steuer- und Regelungstechniker der damaligen VEB Geräte- und Regler-Werke Teltow, Betriebsteil Leipzig, Außenstelle Erfurt – die Bezeichnung kommt ihm immer noch flüssig von den Lippen. Damals war er in ganz Thüringen, im Vogtland und im Erzgebirge unterwegs, später in der Altmark, aus persönlichen Bezügen heraus. 2015 hat er ein Häuschen in Mecklenburg-Vorpommern gebaut, wo er heute lebt. Doch irgendwann ist ihm klar geworden, dass diese Bezüge allein nicht tragen: "Das wäre die einzige Klammer zu einem relativ disparaten Projekt gewesen", gibt er zu. Die Landschaften, die er zwischen Mecklenburg und Brandenburg erlebt, reichen ihm aus: "Obwohl diese Landschaft dort oben relativ speziell ist, hat sie doch viele Ebenen, die allgemeingültig sind."

Allgemeingültig sind Schinks Fotografien, weil sie nicht anekdotisch sind. Fast abstrakte, grafische Kompositionen, mit klaren Linien und wenigen Farben. "Fotografisch bin ich vom Winter fasziniert. Diese reduzierte Farbpalette, dieses fast Schwarz-Weiß, zu dem habe ich eine unglaubliche Affinität", erzählt er. Was auch biografisch bedingt ist: Sein Vater war Lehrer für Kunstgeschichte an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt. "Von allen anderen Künsten liegt mir Grafik und Zeichnung am nächsten", gibt der Sohn zu. Ein frühes Erlebnis sei ein Reclam-Heft mit Radierungen von Hercules Seghers gewesen, einem niederländischen Maler und Radierer aus dem 17. Jahrhundert. Dessen extrem reduzierte, fast abstrakte Landschaften haben sich in seinem Bildgedächtnis festgesetzt. Wirken seine Landschaften nicht auch ein wenig niederländisch?

Der graue Himmel, das ist wie ein Markenzeichen von Hans-Christian Schink. Auch die Fläming-Serie, die im Sommer entstand, zeigt überwiegend graue Himmel. Doch der Klimawandel betrifft ihn auch: In den vergangenen Jahren kann er sich kaum mehr an drei, vier Sommertage erinnern, die solche Himmel gezeigt hätten. "Das Wetter wird unruhiger", sagt der Meister der stillen Naturbilder. "Aber ich möchte einfach keinen blauen Himmel auf meinen Bildern." Manipulation kommt für ihn trotzdem nicht in Frage, er fotografiert analog, im Mittelformat, aus der Hand, und dann werden die Negative eingescannt und bearbeitet: "Ich behaupte, ich mache die Dunkelkammerarbeit am Rechner. Die Farben, die in den Bildern sind, sind die, die ich zu erinnern glaube. Ich versuche das, was ich vor Ort gesehen und empfunden habe, wiederherzustellen."

Hat er nie überlegt, anderes zu fotografieren, Reportagen, Porträts? "Natürlich habe ich vor dem Studium auch Straßenfotografie gemacht", erzählt der Fotograf. "Aber meine Scheu, die Kamera ungefragt auf Menschen zu richten, hat dann eher zu- als abgenommen. Und nachdem ich beispielsweise die großartigen Porträts von Ute Mahler gesehen hatte, musste ich mir eingestehen, dass meine Talente anderswo liegen." Das habe sich schon während des Studiums ergeben: "Damals habe ich eine 40 Jahre alte Linhof Technika entdeckt" – der Klassiker unter den Großformat-Kameras – "die man sich an der Hochschule ausleihen konnte, mit drei Wochen Wartezeit. Da war mir klar, dass das die Arbeitsweise ist, die mir am nächsten ist." So porträtiert er seit Jahrzehnten Landschaften, geduldig, abwartend, bis ein Sujet sich erschließt. Auch ein Statement.

Hans-Christian Schink: "Hinterland", Hartmann Books, 148 S., 45 Euro

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