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DDR-Geschichte
Ein Buch über Ferien- und Pionierlager in Brandenburg

Viele Kinder in der DDR verbrachten ihre Sommer im Betriebsferien- oder Pionierlager. Ein Buch erzählt nun ihre Geschichte. Hemden der Jungen Pioniere sind unterdessen im Kostümfundus des Filmpark Babelsberg zu sehen.
Viele Kinder in der DDR verbrachten ihre Sommer im Betriebsferien- oder Pionierlager. Ein Buch erzählt nun ihre Geschichte. Hemden der Jungen Pioniere sind unterdessen im Kostümfundus des Filmpark Babelsberg zu sehen. © Foto: Gregor Fischer/dpa
Camillo Kupke / 01.04.2020, 04:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Wer heute die vor 40 und mehr Jahren in der DDR Geborenen nach ihren schönsten Kindheits- und Jugenderlebnissen während der Sommerwochen befragt, wird vielfach ein Strahlen in ihren Gesichtern entdecken. Und oft zur Antwort erhalten: Ferienlager! Schon beginnt das Kopfkino zu rattern. Es zeigt Bilder von Neptunfesten, Nachtwanderungen und Disko, von stundenlangem Baden, Tischtennis und Fußball, von Liederabenden am Lagerfeuer und auch vom ersten Kuss. Aber es wird auch einige geben, die von Heimweh erzählen, von lästigen Fahnenappellen, leidigem Frühsport und langen Geländemärschen, gar von Schießübungen und anderen wehrsportähnlichen "Spielen".

Viele Erinnerungen an die Zeit im Ferienlager sind positiver Natur, manche sind trügerisch oder widersprüchlich, sie sind aber stets individuell – und hochemotional. Das bewies im vorigen Jahr die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, als sie mit einer Ausstellung über die Geschichte der Ferienlager in der DDR teils heftige Reaktionen hervorrief. Die Meinungen über die Texte und die Auswahl der historischen Fotografien reichten von "gelungen" bis zu "blankem Hohn", "Verunglimpfung" und "bodenloser Unverschämtheit".

Zwölf Mark für zwei Wochen

Jetzt kann sich jeder auch daheim sein Urteil bilden. Mit dem Buch "Blaue Wimpel im Sommerwind" des Historikers Marcel Piethe liegt nun eine Dokumentation vor, die die Geschichte der Ferien- und Pionierlager in der DDR an Beispielen aus dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg erzählt. Der reich bebilderte Band möchte den nicht selten kollidierenden Spagat zwischen persönlicher Erinnerung und wissenschaftlichem Anspruch wagen. Wobei Piethe und weitere beteiligte Autoren eingestehen, dass noch längst nicht alle Bestände, die sich mit diesem Thema beschäftigen, erschlossen sind.

Ende der 80er-Jahre haben Schüler in der DDR insgesamt fast 14 Wochen Ferien. Das stellt viele Familien vor eine organisatorische Herausforderung, denn nicht nur die Männer, sondern auch die meisten Mütter sind berufstätig. So ist es ihnen recht, dass der Staat bei der Ferienbetreuung der Kinder Verantwortung übernimmt. Das reicht von Angeboten in Schulen, Sportstätten sowie Stationen Junger Naturforscher und Techniker bis eben zu den mehr als 5000 Betriebsferien- und 48 Pionierlagern, die jährlich von rund eine Million Kindern für zwei oder drei Wochen besucht werden.

Allein in den drei damaligen Bezirken Frankfurt (Oder), Cottbus und Potsdam gibt es mehr als 810 Betriebsferienlager mit rund 220 000 Plätzen. Hinzu kommen zwölf Pionierlager, die Zentrale Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee sowie Dutzende Spezialistenlager, etwa für junge Sportler, Musiker, Sanitäter oder Naturforscher.

Wobei zwischen Ferien- und Pionierlager unterschieden werden muss. Das machen zumindest die Texte der Publikation auch deutlich, wenngleich deren stark politisierender Tenor bisweilen ziemlich nervt. In die – von Betrieben getragenen – Pionierlager werden die Kinder delegiert; deren Besuch ist eine Auszeichnung für gute schulische Leistungen und aktive Mitarbeit in der Pionierorganisation. Zugleich sollen die Schüler dort ideologisch geschult werden – so sehen es zumindest die Anordnungen von oben vor. Ferienlager hingegen werden von den Betrieben, Genossenschaften, staatlichen Einrichtungen und Organisationen für die Kinder ihrer Mitarbeiter bewirtschaftet und größtenteils auch finanziert. Familien zahlen für ein Kind zwölf Mark pro Durchgang, Essen und Unterkunft inklusive. Die tatsächlichen Kosten liegen freilich weitaus höher.

Einer der größten Trägerbetriebe und Mittelgeber ist das Eisenhüttenkombinat Ost, das unter anderem für das Pionierlager "Feliks Dzierzynski" in Bad Saarow zuständig ist. 1987 zahlt der Eisenhüttenstädter Betrieb mehr als 1,3 Millionen Mark für die Ferienbetreuung. Das Reifenkombinat Pneumant Fürstenwalde ist für das Pionierlager "Lilo Herrmann" in Bad Saarow verantwortlich, der VEB Kranbau Eberswalde für das Pionierlager "Anton Semjonowitsch Makarenko" in Brodowin. Auch das Ministerium für Staatssicherheit verfügt in Klausheide bei Neuruppin über ein eigenes Ferienlager.

Keine Frage, die Ferien- und insbesondere die Pionierlager sind in das System der sozialistischen Staatspädagogik eingegliedert. Sie sollen auch der politischen Erziehung der Kinder und Jugendlichen dienen. In Handbüchern sowie Vorgaben von FDJ und SED gibt es entsprechende Richtlinien. Aber wie und in welchem Ausmaß diese umgesetzt werden, liegt letztlich im Ermessen des Lagerleiters und vor allem des Betreuungspersonals, das sich aus Eltern, Lehrern und Studenten zusammensetzt. Vielen von ihnen sind in der Spätzeit der DDR die ideologischen Zielsetzungen recht egal. Die engagierten Betreuer sind zuvorderst bemüht, den Kindern und Jugendlichen Spiel, Spaß und Sicherheit zu schenken.

Die mehr als 100 Fotos in dem Buch wecken weitere Erinnerungen. Doch die Freude wird getrübt. Nicht allein wegen der Auswahl solcher Aufnahmen von Kindern mit Minipanzern oder Gewehren, zudem tragen auffallend viele Schüler FDJ-Bluse oder Pionierhalstuch – ja, das gab’s auch –, sondern weil die meisten Bilder lediglich mit so lapidaren Zeilen wie "Lageralltag", "Reisezeit" oder "Guten Appetit" versehen sind und keine Zeit- und Ortsangaben tragen. Angesichts des wissenschaftlichen Anspruches des Buches hätte der Leser hier mehr Akribie erwartet.

Marcel Piethe: "Blaue Wimpel im Sommerwind. Ferienlager in Brandenburg 1949–1989", Verlag für Regional- und Zeitgeschichte, 168 S., 16,80 Euro

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