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Geschlossene Museen
Leiter des Tucholsky-Museums in Rheinsberg in der Corona-Krise

Ein Wegbegleiter Tucholskys: Claires Schatulle
Ein Wegbegleiter Tucholskys: Claires Schatulle © Foto: Peter Böthig/MOZ
Peter Böthig / 02.04.2020, 04:30 Uhr
Rheinsberg (MOZ) Peter Böthig sitzt allein im Tucholsky-Museum im Schloss Rheinsberg, das wie alle Institutionen in Brandenburg vorerst bis 19. April geschlossen hat.

Er kümmert  sich derzeit vor allem um  "das, was sonst immer liegen bleibt" und arbeitet an einem Film, der die Ausstellung der Malerin Angela Hampel virtuell dokumentieren soll. Auch ob die Verlegung von 13 Stolpersteinen in Rheinsberg wie geplant am 25. Mai stattfinden kann, ist unsicher. Deswegen stellt Böthig nun sein aktuelles Lieblingsstück vor – als Teil unserer Serie.

Das Objekt, das ich herausgesucht habe, ist die Schatulle, in der Kurt Tucholsky die Briefe seiner Freundin Claire aufbewahrt hat. Diese Schatulle ist aus Leder und hat eine Goldapplikation mit dem Schriftzug Claire Pimbusch. Claire Pimbusch war der Spitzname von Else Weil, und Else Weil ist die Claire aus Tucholskys "Rheinsberg"-Büchlein, und später seine erste Ehefrau.

Die Schatulle stammt aus dem schwedischen Nachlass von Kurt Tucholsky, das heißt, er hat sie Zeit seines Lebens und auch auf die Exilstationen mitgenommen. Sie war ihm also offenbar sehr wichtig, auch wenn er von Else Weil nach vier Jahren wieder geschieden wurde. Die Schatulle ist leider leer, aber man kann ziemlich sicher annehmen, dass sich darin die Briefe von Else Weil befunden haben. Es gibt in Tucholskys Nachlass große Lücken, auch aus dem Briefwechsel zwischen den beiden ist kaum etwas erhalten. Tucholsky hat allerdings immer wieder mit den Namen Claire und Pimbusch gespielt, sie ist präsent geblieben in seinem Leben und in seinen Werken. Und umgekehrt hat sie Zeit ihres Lebens diesen Spitznamen beibehalten.

Wir haben das Leben der Else Weil erforscht, seit wir Kontakt mit der im letzten Jahr in London verstorbenen Nichte hatten, die 1997 nach  Rheinsberg kam und im Gästebuch eine Notiz hinterließ: "Waren auf Spuren der Claire in Rheinsberg und haben uns sehr gefreut. G. Weil, London". Von ihr haben wir auch einige Dokumente aus dem Exil in Frankreich, wohin Else Weil geflohen war – bevor sie dann 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Da unterschreibt sie Briefe an Freunde zum Teil noch mit "Viele Grüße, deine Pim" – diesen Namen, den Tucholsky ihr gegeben hat, den hat sie angenommen.

Else Weil war eine interessante Frau, eine der ersten Medizinstudentinnen 1910 in Preußen und dann auch eine der ersten approbierten Ärztinnen. Das alles erzählt diese Schatulle, die in den 1980er-Jahren aus Stockholm an die Akademie der Künste nach West-Berlin gekommen ist. Von dort haben wir vor 15 Jahren den sächlichen Nachlass von Tucholsky nach Rheinsberg übernommen. Und natürlich zeigen wir diese Schatulle auch in unserer Dauerausstellung.

Weitere Informationen im Netz:www.tucholsky-museum.de

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