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"Guten morgen, du Schöner" von Greta Taubert portraitiert Ostmänner

Greta Taubert, Autorin des Buches "Guten morgen, du Schöner"
Greta Taubert, Autorin des Buches "Guten morgen, du Schöner" © Foto: Stephan Pramme/dpa
Merle Hilbk / 03.04.2020, 04:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Sie habe so eine Mischung aus Warmherzigkeit und Witz gehabt, schrieb ihr West-Verleger Hans Altenhain über Maxie Wander. Noch bevor die DDR-Ausgabe von "Guten Morgen, du Schöne" 1977 erschien, schloss er mit der im Westen unbekannten Autorin einen Lizenzvertrag. Denn er ahnte, dass diese Mischung Wanders Frauenporträts zu "einem Leitbuch der DDR-Frauenbewegung" machen könnte. Ein Leitbuch, das "auch von der "Frauenbewegung in Westdeutschland lebhaft angenommen" wird.

Auch das im März erschienene "Guten Morgen, du Schöner" könnte zu einem solchen Leitbuch werden. Allerdings nicht so sehr zur Solidarisierung mit den eigenen Geschlechtsgenossen, sondern vielmehr mit der eigenen (Ost-) Sozialisation. Und der ostdeutschen Provinz, in der so etwas wie ein neuer Klassenkampf tobt: Somewheres gegen Anywheres, wie ihn Soziologen nennen. Die Entfremdung zwischen den Sesshaften, die ausgeharrt haben in der (ostdeutschen) Provinz und den urbanen Ortlosen, die überall und nirgends zu Hause sind ­ – und nun in den Universitäten, den Feuilletons und in der Politik die Debatten bestimmen.

Zu letzteren gehört auch Autorin Greta Taubert, Jahrgang 1983, die "nicht in der Optionsleere des Thüringer Waldes festsitzen, sondern frei, urban und wild sein" wollte. Sie wurde freie Journalistin in Leipzig, schrieb Auslandsreportagen – und bemerkte irgendwann, wie abgeschnitten sie sich von ihrer Familie und ihrer Vergangenheit fühlte. Gespalten in zwei Hälften, die keine Verbindung zueinander hatten. Als "der Ostdeutsche" dann in den 2010er-Jahren in den Medien vor allem in der Rolle als sächselnder Wutbürger oder tumber Provinzler auftauchte, schien die Mauer zwischen den Hälften unüberwindbar.

Da beschloss sie, sich näher mit diesem so hässlich dargestellten Ostmann zu befassen. Mann, weil Frauen in diesem Zerrbild selten auftauchten. Die seien  mehr auf Anpassung und Flexibilität getrimmt und hätten der ostdeutschen Provinz häufiger den Rücken gekehrt, und sich als urbane Kosmopolitin neu erfunden. Außerdem hätten sie sich untereinander mehr solidarisiert, dank der Frauenbewegung und  Wanders Buch, das auf Tauberts Schreibtisch "lag wie ein Fels, der sich von den schäumenden Wogen der Erregung über das Ostdeutschsein nicht erschüttern lässt."

Und so startete sie einen Aufruf auf Facebook: Ostmänner gesucht. Dann kaufte sie sich ein Zugticket und fuhr Monate lang durchs Land, um die Männer zu treffen, die sich gemeldet hatten. Die ließ sie schließlich in 16 Monologen selbst zu Wort kommen, stellte ihren Selbstporträts jeweils einen eigenen Reportagetext voran, der gleichzeitig als Klammer zwischen den Einzeltexten fungiert und die Leser mitnimmt auf ihre eigene äußere und innere Reise.

Zusammen liest sich das wie ein Roadmovie, das tief hinein – nein, nicht nach Ostdeutschland, sondern in die ostdeutsche Seele führt. Denn ein paar der Ostmänner leben im Westen, in dem sie gemeinsam mit Taubert nach ihrer ­ spezifisch ostdeutschen  Prägung suchen. Sie sprechen über Männerbilder, die Liebe und ihre Umbrucherfahrungen. So erinnert sich beispielsweise der Erfurter Puppenspieler Tobias an die Herzlichkeit und Strenge seiner Lehrerinnen, die ihn nachgiebiger und krisenfester gemacht habe – was nach der Wende sein Interesse an antiautoritärer Pädagogik befördert habe.

Taubert bewertet diese Selbstbeschreibungen nicht, sie gleicht sie nur mit ihren eigenen Erfahrungen ab. Dabei nähert sie sich ihren Gesprächspartnern nicht wie West-Autorenkollege Moritz von Uslar, der 2010 in "Deutschboden" eine brandenburgische Kleinstadt ironisch-distanziert porträtierte. Tauberts Blick erinnert an den von Maxie Wander. Er ist direkt, verschmitzt und warm. Und diese Wärme, diese Nähe sind es, die die "Ostboys"  so öffnet, dass sie schließlich auch sich selbst näher kommen.

Nach der Lektüre aller Porträts scheint tatsächlich so etwas wie eine spezifische Ostidentität auf. Ein Reservoir an unbemerkt blühenden Talenten, Tugenden und gemeinschaftsfördernden Ideen. Oder, wie Taubert es ausdrückt: "Hihi, ausgerechnet der Ossi-Trottel baut jetzt was Neues auf!"

Greta Taubert: "Guten Morgen, du Schöner", Aufbau, 249 Seiten, 20 Euro

Greta Taubert –Autorin und Journalistin

Greta Taubert, 1983 im Thüringer Wald geboren, studierte Politik und Journalistik in Leipzig und Breslau und volontierte bei der "Berliner Zeitung". Heute lebt sie in Leipzig und arbeitet als freie Autorin für die "Zeit", das SZ-Magazin und "Vice" und hat zwei Sachbücher im Eichborn-Verlag veröffentlicht. ⇥mh

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