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Kriegsende
Ein Rundgang über die Gedenkstätte in Seelow

Merle Hilbk / 12.04.2020, 04:45 Uhr - Aktualisiert 16.04.2020, 16:52
Seelow (MOZ) Es ist der erste sonnige Tag nach einer grauen Aprilwoche. Ein böiger Wind zerrt an den noch kahlen Baumkronen. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, die Menschen bleiben in ihren Häusern, viele haben die Gardinen zugezogen. Die Ausgangsbeschränkungen haben die Straßen geleert. Nur eine Mutter mit weißer Gesichtsmaske ist unterwegs, zerrt ein plärrendes Kleinkind an einem Riegel Plattenbauten vorbei, hügelan auf dem schmalen Bürgersteig an der Küstriner Straße. Als ein Auto mit Plöner Kennzeichen vorbeifährt, langsamer wird und schließlich abbremst, reißt sie das Kind hoch und murmelt: "Was hat der jetzt hier zu suchen?" Seelow, Märkisch Oderland, in Corona-Zeiten.

Es hätte ein Tag des gemeinsamen deutsch-russischen Erinnerns werden sollen, an den Tag, der die Stadt in ein Totenhaus verwandelte: den 16. April 1945, als unten im Oderbruch eine Million Russen aufmarschierten, Soldaten der Roten Armee, die auf Stalins Wunsch am 1. Mai, dem zweithöchsten sowjetischen Feiertag, Berlin einnehmen sollte. Und so liefen sie, von Flakscheinwerfern beleuchtet, mitten hinein in das Trommelfeuer der deutschen Wehrmachtseinheiten.

Persönliche Eitelkeiten

Am 19. April waren 45 000 Soldaten gefallen, laut Wikipedia 33  00 auf russischer und 12 000 auf deutscher Seite. Hinzu kommen etwa 50 000 Zivilisten. Ein Blutbad, das, wie deutsche Militärhistoriker meinen, vermeidbar gewesen wäre, wenn Marschall Georgi Schukow  sich nicht dem russischen Feiertag, den Wünschen seines Dienstherrn und seiner Karriere so verpflichtet gefühlt hätte – und einen längeren Weg nach Berlin gewählt hätte. Und wenn die Wehrmacht, die nur ein Zehntel der Truppenstärke der Roten Armee besaß und kaum noch Munition, die Stellung auf den Seelower Höhen einfach aufgegeben hätte. Stattdessen orderte sie noch Busse mit Volkssturm-Männern aus Berlin.

Über die Folgen dieser Schlacht wollten sich zwei Erinnerungsexperten austauschen, bei einem Rundgang über das Gelände der Gedenkstätte Seelower Höhen, das gleichzeitig ein Friedhof ist. Einer, auf dem noch begraben wird. Denn immer noch werden Gebeine von Soldaten und Munitionsreste auf den Feldern des Oderbruch gefunden. Doch die Expertin der russischen NGO "Memorial" hatte sich in der Nacht abgemeldet, weil sie Fieber und Husten bekommen hatte. Corona, der Feind der Gegenwart.

Deswegen sitzt Christoph Meißner vom Deutsch-Russischen Museum Karlshorst allein im geliehenen Auto mit Westkennzeichen. Er ist in Dresden geboren, hat Geschichte und Kunstgeschichte studiert, war viel in Russland unterwegs, um die russischen Gedenkstätten zu erforschen – und zu beobachten, wie sich das Erinnern in Russland verändert. Auch privat hat er darüber oft diskutiert. Seine Frau ist Russin.

Der Parkplatz vor der Gedenkstätte ist verwaist, das Museum offiziell geschlossen. Warum dann die Tür offen stehe, fragt Meißner den Mann, der auf dem Vorplatz werkelt. "Die muss man auch jetzt ab und zu bedienen," sagt er. "Ist `ne Automatiktür, die geht sonst kaputt." Ach, sie hätten so viel vorbereitet zum Gedenkjahr. 75 Jahre! Alle wären zusammengekommen, Russen, Deutsche, Polen. Das wäre gerade jetzt gut gewesen, wo es mit den deutsch-russischen Beziehungen nicht zum Besten stehe. "Es wird bei uns ja nur noch über Putin geredet. Der hat den Russen jetzt wenigstens freigegeben!"

"Wir können doch oben aufs Freigelände?"  fragt Meißner und legt den Kopf in den Nacken. Der Wind pfeift  im Rohr der Panzer, die vor dem Museum auf Restaurierung warten. "Kann ja nichts passieren," sagt der Mann. "Da begegnen sie jetzt keinem Menschen!"

Auch in normalen Zeiten ist die Gedenkstätte selten überfüllt. Es gibt keine großen Hinweisschilder, keine Großparkplätze, Andenkenläden, keine Freizeitevents, wie sie in Russland angeboten werden: Virtuelle Mitmach-Schlachten, militärische Kurse für Jugendliche. Deswegen wäre Meißner, der vor Jahren einmal mit dem Rad nach Seelow geradelt war, beinahe an der Gedenkstätte vorbeigefahren.  "Ich habe gerade noch einmal gegoogelt, was in diesem Jahr in Russland so zu Seelow geschrieben wird," sagt er, während er die Treppe hochstapft, die hinter dem Museum auf die Bergkuppe hinaufführt. "Seelow ist kaum präsent. Es geht nur darum, dass die Schlacht der Auftakt war für das, was dann in Berlin folgte. Also: der Sieg!"

Auf dem Plateau fotografiert er zuerst die neueren Grabfelder. Die bestehen aus schnurgeraden Furchen, zwischen denen Erde wie in einem Spargelfeld aufgehäuft ist. Am Rand stehen zwei Gedenktafeln aus rotem Stein, in die etwa zwei Dutzend Namen in kyrillischen Buchstaben eingemeißelt sind. Es folgt ein Stück Gras mit Grabsteinen. Auf einigen steht "Neiswestno", unbekannt, auf anderen Namen und Dienstbezeichnungen der Gefallenen. Im Oderbruch werden in den Feldern noch regelmäßig Knochen ausgegraben, die meist vom VBGO geborgen werden, dem 1992 gegründeten "Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa", der mit ehrenamtlichen Grabungshelfern aus Osteuropa zusammenarbeitet. Sowohl in Brandenburg als auch in Russland werden Gebeine der ehemaligen Gegner "auch zu den eigenen dazu gebettet", wie Historiker Meißner erklärt.

Unterscheiden könnte man sie eigentlich durch die Erkennungsmarken. Die deutschen hätten ein Stück Metall mit eingeprägten Nummern bei sich getragen, die Russen Metallhülsen mit einem Zettel darin. "Wenn die Soldaten durch die Pripjat-Sümpfe gewatet waren, war die Schrift darauf meist nicht mehr lesbar." Deswegen sei es für die Russen viel schwerer nachzuvollziehen, wer wo gefallen sei.

Die sowjetischen Militär-Akten liegen in Podolsk, 40 Kilometer südlich von Moskau, das Archiv sei "hermetisch abgeriegelt. Selbst unser Museum kommt da nur schwer ran. Russland hat zwar ein Interesse daran, dass die Kriegsgeschichte aufgearbeitet wird. Aber so, wie sie es wollen."

Aber er räumt ein, dass man selbst dann, wenn man im Besitz der Akten sei, trotzdem oft nicht sicher sein kann, was genau passiert ist. Denn in Schlachten würden Entscheidungen so schnell getroffen, dass gar keine Zeit sei, alles zu dokumentieren.

In der Mitte der Plateaus befinden sich die älteren Gräber, die an einem Stern auf den fünfeckigen Grabsteinen zu erkennen sind. Die Grabsteine stehen in Reih und Glied wie ein Bataillon. Die Opferzahlen seien nur geschätzt, die 5000 polnischen Soldaten, die auch hier gefallen seien, zu DDR-Zeiten kaum erwähnt worden. "Es ging um diesen Konnex zwischen den Befreiern und der DDR. Bei den Sowjettruppen waren ja auch deutsche Antifaschisten dabei, die auch bei der Befreiung mitgeholfen haben. Dahinter steckte die Haltung: Wir sind der antifaschistische Staat, die Bundesrepublik ist der Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Deutschlands. Die sind es jetzt, die mit dieser Geschichte umgehen müssen." Heute fehlen die Polen im gesamtdeutschen Wikipedia.

Gefährlich nah am Abgrund steht ein Flakscheinwerfer, hinter dem plötzlich ein Kind auftaucht und glucksend lacht. "Das ist hier kein Ort zum Versteckspiel," ruft die Mutter streng, die plötzlich an der Treppe auftaucht, und zerrt es mit sich.

Wieso es ausgerechnet an diesem Ort zu dieser Schlacht gekommen sei? "Sie sind doch auch auf der Bundesstraße 1 rausgefahren?" fragt Christoph Meißner. "Das war schon damals der kürzeste Weg nach Berlin. Aber den Angriff in Seelow zu starten war waghalsig. Denn das liegt ja auf einer Anhöhe. Von hier konnte die deutsche Verteidigung die russischen Truppen kilometerweit sehen. Und dann hat sie Schukow ja auch noch gut ausgeleuchtet."

Meißner schlendert weiter, die Kamera in der Hand. Am östlichen Rand des Plateaus fotografiert er eine Schautafel mit dem Relief des Oderbruchs, das sich zu Füßen der Gedenkstätte ausbreitet. Als er anhand des Reliefs die Truppenbewegungen erklären will, zerfetzt ein knatternder Wind seine Sätze.

Auf dem Gipfel thront auf einem gigantischen Steinsockel die Figur eines Soldaten mit aufgeworfenen Lippen, das Sturmgewehr im Anschlag. Eine Heldenfigur, 1945 von Georgi Schukow in Auftrag gegeben und in größter Eile gefertigt von Bildhauer Lew Kerbel, der auch das Denkmal in Berlin-Tiergarten entwarf. Am 27. November 1945 wurde es eingeweiht. Ob die Seelower ein halbes Jahr nach Kriegsende sich wirklich Denkmäler angeschaut hätten? "Es war ein Zeichen," sagt Christoph Meißner. "Schaut, wer euch befreit hat!" Die Sowjetführung habe schon 1945 eine Anleitung herausgegeben, wie Kriegsdenkmäler auszusehen hätten. Deswegen ähnelten sich die Anlagen in Deutschland. "Gewaltig sollten sie sein," schiebt er nach, "wie alles in der Sowjetunion."

Aufspaltung der Erinnerung

Heute habe man das Problem, dass sich in deren Nachfolgestaaten die Erinnerungskultur aufspaltet. "Das ist das, was die Ukraine gerade versucht: ihre Soldaten da rauszurechnen – und zu betonen, dass es die ukrainische Front war, die Auschwitz befreit hat."  Aber mit dem Rausrechnen sei es schwierig, die Rote Armee sei ja eine Vielvölker-Armee gewesen. Außerdem: Wenn jede der 16 ehemaligen Sowjetrepubliken nun anfinge, um den eigenen Anteil am Sieg zu kämpfen, gäbe es schon bald einen Krieg der Erinnerung. "Nein," korrigiert Meißner sich, "eigentlich gibt es den schon längst. Er wird nur im Westen kaum wahrgenommen."

Im Europäischen Parlament sei im vergangenen Jahr eine Resolution verabschiedet worden, die den Nationalsozialismus und den Stalinismus quasi in eine Reihe stellt. "Das hat Russland ein großes Problem verschafft. Denn es war ja die Stalinzeit, die diesen Sieg gebracht hat. Und der ist bis heute der Kitt der Gesellschaft. Vielleicht der einzige."

In Deutschland habe sich der Fokus der Erinnerung mehrfach verändert: Unmittelbar nach dem Krieg sei es üblich gewesen, sich als Opfer "der Clique um Hitler" zu empfinden. Dann kam die Aufarbeitung des Holocaust, die Kollektivschuld, die Einbeziehung neuer Opfergruppen. Nun haben der deutsche und der russische Außenminister ein großes gemeinsames Erinnerungsprojekt vereinbart: Die Dokumentation des Schicksals der deutschen und der russischen Kriegsgefangenen – in einer Datenbank!

Unten auf der schmalen Straße rumpelt ein Laster mit belarussischem Kennzeichen vorbei. Meißner seufzt. "Ach, gerade während Corona muss ich  an die russische Emotionalität denken. In Russland hat ja das Gedenken an die Verstorbene in der Familie einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Da trauern alle gemeinsam um Großväter, Urgroßväter, Tanten. Und das macht ja auch eine Gemeinschaft aus."

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