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Kunst
Knut Elstermann über den Maler Konrad Knebel

Am Prenzlauer Berg: Filmjournalist Knut Elstermann im Gespräch mit dem Berliner Maler Konrad Knebel.
Am Prenzlauer Berg: Filmjournalist Knut Elstermann im Gespräch mit dem Berliner Maler Konrad Knebel. © Foto: Barbara Enge
Andrea Linne / 17.04.2020, 13:09 Uhr - Aktualisiert 17.04.2020, 13:29
Berlin (MOZ) Stille Flure, enge Schluchten. Wer die Bilder von Konrad Knebel anschaut, fühlt sich in ein Berlin zurückversetzt, das es so nicht mehr gibt. Der Maler lebt 88-jährig im Prenzlauer Berg, unweit vom Stierbrunnen. Der 59-jährige Knut Elstermann, aufgewachsen im Kiez zwischen Wasserturm und Gasometer, wollte ein Bild bei dem in Leipzig geborenen Künstler kaufen, der seit 60 Jahren Berliner Häuser und Straßen malt.

Daraus wurde ein Buch, quasi eine Werkschau mit vielen Geschichten und biografischen Anekdoten. Im Gespräch mit Andrea Linne erzählt der Filmjournalist Knut Elstermann auch von sich, ordnet Knebel ein und analysiert, warum er als Bewahrer, Chronist und wichtige Persönlichkeit des alten Prenzlauer Bergs zu begreifen ist.

Herr Elstermann, es riecht muffig, die Treppen – halbe Treppe mit WC – sind holprig ausgetreten. Dunkle Räume spiegeln wenig Licht, durch Löcher im Dach tropft Regen in verbeulte Blechschüsseln:  Das alles erinnere ich sehr genau. Was macht für Sie den Prenzlauer Berg Ihrer Kindheit und Jugend so bewahrenswert und wichtig?

Es war die Stadtlandschaft meiner Kindheit, in der die Zeit stehen geblieben war. Die Vergangenheit war überall sichtbar, sie hatte ihre Spuren auf den abblätternden Fassaden hinterlassen mit ihren Inschriften, Einschusslöchern, in den Rissen und Brüchen.  Für ein Kind war das auch eine abenteuerliche, geheimnisvolle Gegend, diese verschachtelten Höfe, diese plötzlichen Übergänge, diese hoch aufragenden Brandmauern. Damals spielten Kinder noch auf der Straße, wir zogen im Kiez herum. Autos gab es so gut wie nicht, das ganze Kinderleben, so scheint mir heute, fand viel mehr draußen statt.

So ist es wohl folgerichtig, dass Sie bei Konrad Knebel gelandet sind?

Richtig, in seinen Bildern finde ich diese Landschaft der Kindheit wieder. Er war schon in der DDR ein bekannter Maler, ich sah seine Bilder in Galerien oder Zeitschriften und war fasziniert davon, dass hier jemand mit großer Liebe und Sorgfalt Häuser und Straßen malte, die doch offiziell als  Relikte der kapitalistischen Vergangenheit galten, dem Verfall und dem Abriss preisgegeben. Für ihn waren diese ganz alltäglichen Bauten kunstwürdig. Und heute sind es einzigartige Zeugnisse einer verschwundenen Welt, denn nicht nur der Prenzlauer Berg hat sich vollkommen gewandelt, die Zeugnisse der Vergangenheit sind ausgelöscht. Auch darum sind die Schöpfungen von Knebel so kostbar.

Knebels Farben werden mit den Jahren immer düsterer, Menschen verschwinden beinahe ganz aus dem gemalten Revier. Was bewegt Sie beim Ansehen? Was sieht Knebel darin?

Ich sehe in seinen Bildern der Zeit bei der Arbeit zu. Ich sehe die Generationen, die in diesen Häusern gelebt haben, die ihre Spuren hinterlassen haben, ich sehe gebaute Welten, also immer das Werk von Menschen, auch wenn die selbst nicht zu sehen sind.  Knebels Arbeiten sind auch Bildnisse der Vergänglichkeit. Er selbst verweigert sehr freundlich, aber bestimmt jede Interpretation, wie viele Künstler übrigens. Aber er widerspricht einem auch nicht, jeder darf in seinen Gemälden sehen, was er will.

Knebel beschreiben Sie als zurückhaltend, wortkarg. Wie haben Sie sich ihm angenähert?

Konrad ist ein sehr bescheidener Mann, der durchaus Auskunft gibt – über seinen Werdegang, über die handwerkliche Seite seiner Kunst, aber nie über seine Absichten und Ziele.  Er ist hochkonzentriert und arbeitet noch täglich  mit 88 Jahren  im Atelier.  Manchmal hatte er Angst, die Arbeit an dem Buch könnte zu anstrengend und ablenkend werden. Doch zum Glück hat mich seine wunderbare Familie sehr unterstützt, und  letztlich freut er sich über den Band, der seinen Namen vielleicht wieder etwas bekannter machen könnte.  Seine Bilder sind immer konzentrierter und intensiver geworden, Menschen kommen immer weniger vor, weil ihm ihr Vorbeikommen als zufällig erscheint. Er will absolute, gültige Augenblicke festhalten. Das gibt seinen Gemälden etwas Monumentales.

Sie haben selbst ein Bild von ihm gekauft. Wenn Sie es ansehen, haben Sie dann den berühmten Canaletto-Blick auf Berlin?

Der Kauf zog sich Wochen lang hin, denn einerseits freut sich Knebel zwar über die Aufmerksamkeit für seine Werke, anderseits trennt er sich nur schwer von ihnen. Den Vergleich mit Canaletto, das ist ja auch unser Buchtitel, findet er sehr hoch gegriffen, aber ich denke, so wie die beiden Maler, die Canaletto genannt werden,  Warschau, Wien und Dresden für immer festgehalten haben, hat Knebel das alte Berlin verewigt.  Mein Bild zeigt eine Ansicht der Pasteurstraße, in  der Knebel seit fast 60 Jahren lebt, und ist wirklich fantastisch: Es  wandelt sich stündlich mit dem Tageslicht, als würde die Sonne darin  am Morgen aufgehen und am Abend versinken.  Wie er das macht, bleibt sein Geheimnis.

Das Buch und der Autor

Knut Elstermann: "Der Canaletto vom Prenzlauer Berg. Der Maler Konrad Knebel" Be.bra-Verlag, 112 S., 22 Euro. Der Autor, geboren 1960 in Ostberlin, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete als Redakteur bei verschiedenen DDR-Medien. Seit der Wende ist er freier Moderator und Filmjournalist, vor allem für den MDR und den RBB (radioeins).

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