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Musenhof
Thomas Mann und Chamisso - eine Liebe im Oderbruch

Eberhard Görner / 03.05.2020, 15:58 Uhr - Aktualisiert 03.05.2020, 17:03
Kunersdorf (MOZ) Er dürfte Thomas Mann sehr gefallen, der Blick von der Himmelsleiter hinunter auf Kunersdorf im Oderbruch, wo das einzige Chamisso-Museum in Europa eröffnet wurde. Warum? Weil er schon als Schüler in Lübeck von Adelbert von Chamissos Märchennovelle "Peter Schlehmils wundersame Geschichte" sich gern hat verzaubern lassen.

Vier Jahre hat der Förderverein "Kunersdorfer Musenhof e.V." gebraucht, um sein Satzungsziel, die Eröffnung eines Chamisso-Museums, zu erreichen. Am 13. April 2019 wurde es feierlich eröffnet. Schloss und Park Kunersdorf war für den Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso ein wirkungsmächtiger Ort, hier hat er für alle Zeiten seine literarischen und botanischen Spuren hinterlassen. Im Sommer 1813 war er als gebürtiger Franzose in Berlin nicht mehr sicher und ging, wenn man so will, ins Exil in das im Oderbruch liegende Kunersdorf, auf Einladung des Schlossherren Peter von Itzenplitz. Chamisso unterstützte die Gutsverwaltung und erarbeitete einen Katalog über die heimische Flora. Nebenbei schrieb er unter der Linde vorm Schlosspark Weltliteratur.

Für Thomas Mann war Adelbert von Chamisso "ein höchst eigentümliches Beispiel literarischer Einbürgerung im fremden Lande, fremder Geistes-und Sprachsphäre", und er bewunderte die Wirkung der Literatur von Chamisso auf die deutsche Romantik. Würde Thomas Mann heute als Gast das Chamisso-Museum besuchen, sein Respekt für die Ausstellungsmacher wäre diesen wohl sicher.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf so emotionale wie erkenntnisreich gegliederte Abteilungen: Adelbert von Chamisso und der Kunersdorfer Musenhof, Adelbert von Chamisso und sein Peter Schlehmil, Adelbert von Chamisso als Berliner Literat, Adelbert von Chamisso als Weltreisender und Adelbert von Chamisso als Botaniker. Das Chamisso-Museum glänzt mit Leihgaben aus der Staatsbibliothek Berlin, von der Albert Heyde Stiftung in Bad Freienwalde, aus dem Schiffahrtsmuseum Unterweser, dem Gerhart Hauptmann Museum in Erkner, von Günter de Bruyn und der Nachfahrin Chamissos, Gräfin Grote von und zu Schlachten. Auch Schenkungen der Erstausgabe des "Schlehmils" durch Jürgen Reimann sowie die Sonnenuhr aus dem Kunersdorfer Schloss von Frau Schiffmann.

Mit dem literarischen Phänomen Chamisso hat sich Thomas Mann sein ganzes Leben lang im Dialog befunden und ihm bereits 1911 einen Essay gewidmet. Thomas Mann beschäftigte sich mit Künstlern wie Goethe, Schiller, Kleist, Platen, Storm, Fontane, Richard Wagner oder Leo Tolstoj, "denen Thomas Mann die Träume seiner Jugend verdankt", wie es Marcel Reich-Ranicki in seinem Buch "Thomas Mann und die Seinen" sehr schön auf den Punkt gebracht hat.

Das Chamisso-Museum in Kunersdorf verkörpert selbst eine wundersame Geschichte. Ohne den guten Geist von Margot Prust und ihr nie erlahmendes Engagement, zusammen mit ihrem Förderverein, für das ihr am Herzen liegende Thema Chamisso gäbe es das Museum nicht mit seinen zahlreich unterschiedlichen Werksausgaben vom "Schlehmil". Es gebe nicht die Ausgaben des bibliophilen Gedichtzyklus "Frauenliebe und Leben", der von Robert Schumann vertont wurde.

Chamissos Korrespondenzen mit E.T.A. Hoffmann, den Dichtern Fouque und Hitzig und der Germaine de Stael sind ebenso zu bewundern wie die per Video spannend zu erlebende dreijährige Weltreise von Chamisso in den Jahren von 1815 bis 1818 mit dem russischen Schiff "Rurik" unter dem Kapitän Otto von Kotzebue, dem Sohn des Lustspieldichters August von Kotzebue. Die vom russischen Staatskanzler Rumjanzew ausgerüstete Expedition diente der Erschließung der Nordgebiete Russlands und hatte die Entdeckung einer nordöstlichen Durchfahrt zum Atlantischen Ozean zum Ziel. Diese Reise durch den Atlantik und Pacific vermittelte Chamisso eine Fülle neuer Eindrücke und Erkenntnisse. Am 25. Februar 1816 schrieb er aus Chile: "Es gibt Zeiten, wo ich zu meinem Herzen sage: Du bist ein Narr, so müßig umherzuschweifen! Warum bleibst du nicht zu Hause und studierest etwas Rechtes, da du doch die Wissenschaften zu lieben vorgibst? Und auch das ist eine Täuschung, denn ich atme durch alle Poren neue Erfahrungen ein..."

Doch zurück nach Kunersdorf. Es gehörte zu den Friedländischen Gütern. Hier etablierten die Familien von Lestwitz und Itzenplitz als Erbherren ihren Stammsitz. Die Güter machten sie nicht nur zu einer Musterwirtschaft nach englischem Vorbild, von hier gingen wichtige landwirtschaftliche Impulse aus: die Pflanzenzucht, die Aufforstungen und die Versuche mit unbekannten Getreidesorten waren beispielgebend für die Landwirtschaft in Preußen. Chamisso hat diesen fortschrittlichen Ort in Theorie und Praxis bei seinem Aufenthalt in Kunersdorf als Botaniker und Schriftsteller regelrecht aufgesogen und war zweifellos einer der wichtigsten Besucher dort.

Thomas Mann war nicht nur von Chamissos Prosa entzückt, er war auch ein großer Verehrer seiner Lyrik. In seinem Essay "Chamisso" schreibt Thomas Mann: "Er war kein Formalist, hat das künstliche kaum gepflegt. Am liebenswertesten sind, wie in aller Lyrik, zwei, drei formal ganz einfältige und scheinbar kunstlose Dinge, leicht hingeträumt und rasch endigend, aber bebend vor Empfindung und seltsam kühn in ihrer Einfachheit, wie alle Bekenntnis:

Was soll ich sagen?

Mein Aug‘ ist trüb, mein Mund ist stumm,

Du heißest mich reden, es sei darum.

Dein Aug‘ ist klar, dein Mund ist rot,

Und was du nur wünschest, das ist ein Gebot.

Mein Haar ist grau, mein Herz ist wund,

Du bist so jung, und bist so gesund.

Du heißest mich reden, und machst‘s mir so schwer,

Ich seh‘ dich an und zittere so sehr.

Das Chamisso-Museum in Kunersdorf korrespondiert inzwischen mit Experten an der Universität Sorbonne in Paris, mit der Universität Tromsö in Finnland, den Chamisso-Freunden in Kopenhagen und der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, denn da liegt Chamissos unerforschter Nachlass seiner Weltreise. Besuche von Wissenschaftlern des Botanischen Gartens in Berlin sind keine Seltenheit, wie auch vom Märkischen Museum und der Staatsbibliothek Berlin.

Der Förderverein Kunersdorfer Musenhof hat sich das Lebens-Motto von Chamisso auf schöne Weise zu eigen gemacht: "Frei muss ich denken, sprechen und atmen!" Thomas Mann kommentiert diesen Gedanken in seinem Essay auf seine Weise: "Es ist die alte, gute Geschichte. Werther erschoß sich, aber Goethe blieb am Leben. Schlehmil stiefelt ohne Schatten, ein ,nur seinem Selbst lebender‘ Naturforscher, grotesk und stolz über Berg und Tal. Aber Chamisso, nachdem er aus seinem Leiden ein Buch gemacht, beeilt sich, dem problematischen Puppenstand zu entwachsen, wird seßhaft, Familienvater, Akademiker, wird als Meister verehrt. Nur ewige Bohemiens finden das langweilig. Man kann nicht immer interessant bleiben. Man geht an seiner Interessantheit zugrunde oder man wird ein Meister. Aber ,Peter Schlehmil‘ gehört zu den liebenswürdigsten Jugendwerken der deutschen Literatur."

Das Museum

Das Chamisso-Museum in Kunersdorf ist seit diesem Wochenende wieder jeweils Sa/So von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Bis auf Weiteres gelten die in der Corona-Krise üblichen Einschränkungen, so dass die Besucher nur in Abständen (zwei Personen je Raum) eingelassen werden können. Führungen und Veranstaltungen können in diesem Jahr leider nicht stattfinden. Infos unter kunersdorfer-musenhof.de

Adalbert Chamisso (1781–1838) hielt sich als Gast der Henriette Charlotte und des Peter Alexander von Itzenplitz wiederholt im Kunersdorfer Schloss auf. Hier schrieb der deutsch-französische Dichter und Naturforscher 1813 seine Novelle "Peter Schlehmils wundersame Geschichte".

Thomas Mann (1875-1955) schrieb 1911 als Vorwort zu einer "Peter Schlemihl"-Ausgabe im S. Fischer Verlag einen Text über Chamisso, der bei Fischer E-Books für 1,99 Euro erhältlich ist (www.fischerverlage.de)

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