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DDR-Kunst
Ausstellung zu Erinnerung in Eisenhüttenstadt endlich eröffnet

Antje Scherer / 15.05.2020, 04:15 Uhr - Aktualisiert 17.05.2020, 15:13
Eisenhüttenstadt (MOZ) Zwanglos sitzt die kleine Gruppe um einen Tisch – zwei Männer in Uniform, eine junge Frau, ein Hund.  In der Mitte eine riesige Teekanne, ein paar Kekse. Ein gemütlicher Nachmittag, nichts Besonderes? Vielleicht, und doch steckt in dem XXL-Gemälde "Die große Teekanne" (1985) leise Subversion. Der Maler Thomas Ziegler (unten rechts im Bild) war eigentlich beauftragt, Porträts russischer Soldaten zu malen; die Teestunde ist ein Nebenprodukt.

Und zwar ein unerwünschtes: Unkontrollierter Kontakt zwischen DDR-Bevölkerung und den sowjetischen Besatzern/Freunden war von oben nicht gewollt – die einfachen Soldaten lebten abgeschirmt in Kasernen. Zieglers Gemälde plus die bestellten Porträts hängen in der Ausstellung "Kunst der Erinnerung", die im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR zu sehen ist.

Anlass ist der 75. Jahrestag des Kriegsendes, auch wenn die Sonderschau – die eigentlich Ende März öffnen sollte – ihn aufgrund von Corona knapp verpasst hat. Macht nichts, sie lohnt sich auch ohne Jahrestag. Gezeigt werden Gemälde und Grafiken aus dem Kunstarchiv Beeskow, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg, der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Freundschaft zur Sowjetunion befassen. Diese eng miteinander verflochtenen Themen seien zentral für das Selbstverständnis der DDR und dort entsprechend präsent in der Kunst gewesen, heißt es.

Im Kunstarchiv gibt es folglich Material genug. Sie hätten dreimal so viel zeigen können, erzählt Kurator Axel Drieschner. Limitiert wurde die Auswahl durch den Platz, aber auch inhaltlich: Man habe nach Werken abseits des Erwartbaren gesucht.

Denn die SED habe zwar versucht, das öffentliche Gedächtnis zu kontrollieren und auf politische Rituale auszurichten – die Kunst habe aber ab Ende der 70er-Jahre Spielräume für individuelle Positionen eröffnet. Vermehrt werden Zwischentöne und vielschichtige Deutungen wahrnehmbar. Oppositionelle seien die gezeigten Künstler nicht zwingend gewesen; Drieschner spricht eher von ihrem "Eigen-Sinn", eigenen künstlerischen Bildvorstellungen.

Teilweise testeten sie den Spielraum durch ihr Motiv, indem  – wie bei der Teestunde – gemalt wurde, was knapp außerhalb des gewünschten Rahmens lag. Oder auch deutlicher wie in der Collage "Friedensverhandlung" von Norbert Wagenbrett, die allerdings auch erst 1990 abgeliefert wurde. Bestellt von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, habe der Künstler "ein bisschen was anderes gemacht" als vereinbart. Die Geschichte der Werke sei in vielen Fällen leider nicht komplett erforscht, berichtet der Kurator.

Auch "Deportation" von Dieter Gerbeth passte nicht in die gewünschte Erinnerungskultur, die den kommunistischen Widerstand idealisierte,  während der Völkermord an den Juden marginalisiert wurde.

Aber auch alleine schon ein Titel kann dem Werk eine beunruhigende Vagheit verleihen – etwa Gerhard Kurt Müllers "Flüchtlinge" (1987), in dem er eigene Kriegserinnerungen verarbeitet, aber auch Assoziationen zu unterschiedlichen Gruppen von Flüchtlingen ermöglichte.

Etliche Werke verweisen gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft, so das Startbild "Kassandra sieht ein Schlangenei" (1981) von Heidrun Hegewald. Etwas Apokalyptisches hat diese Darstellung einer Frau mit Kleinkind, die den Friedenskranich der Umweltbewegung, eine (SA-)Uniform und ein Schlangenei vereint, und wohl Ingmar Bergmans Drama "Das Schlangenei" (1977) zitiert. Auch in anderen Bildern gibt es Verweise auf Filme oder literarische Werke aus Ost oder West, die um 1980 ebenfalls vermehrt kritische Blicke in die Vergangenheit warfen.

Der Rundgang ist eine vielschichtige, teils bestürzend aktuelle Zeitreise, die auch zeigt, dass Erinnerungskultur ein steter Aushandlungsprozess ist. Öffentliches Erinnern lief in Ost und West zwar nach unterschiedlichen Mustern ab, aber in einem waren sich die Staaten anscheinend nah: Sich mit der Schuld der Mittäter und Mitläufer zu beschäftigen, das war lästig. Es waren Künstler, die genauer hinsahen und sich für eine "nachholende Aufarbeitung" einsetzten.

"Kunst der Erinnerung", bis 20.9., Di–So 11–17 Uhr; Dok-Zentrum, Erich-Weinert-Allee 3, Eisenhüttenstadt, Eintritt derzeit frei; www.alltagskultur-ddr.de

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