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Jazz
Musiker Klaus Doldinger spielt alte Melodien neu ein

Boris Kruse / 17.05.2020, 04:30 Uhr - Aktualisiert 17.05.2020, 15:13
Hamburg (MOZ) Sägende Rock-Gitarrenriffs, psychedelisch-poppige Orgelklänge, ein munter singendes Saxofon und ein sehr junger Udo Lindenberg am Schlagzeug: Mit seiner Band Motherhood vollzog der Saxofonist Klaus Doldinger vor ziemlich genau 50 Jahren die Hinwendung zum damals angesagten Fusion-Jazzrock. Jetzt hat sich der Komponist, Bandleader und Instrumentalist noch einmal mit einigen der Songs seiner Alben "I Feel So Fine" und "Doldinger’s Motherhood" beschäftigt, kurz vor seinem 84. Geburtstag am 12. Mai.

Es war die Zeit, in der auch US-Trompeter Miles Davis sich gerade erst unter den aufmerksamen Augen der Musikwelt den neuen Klängen aus der Rockmusik zuwendete. Der viel gereiste Deutsche Klaus Doldinger, der schon damals mit etlichen internationalen Größen der Jazzszene zusammengespielt hatte, witterte den kreativen Funkenflug, der in der Luft hing. Und schuf etwas damals noch Unerhörtes. "I Feel So Fine" erschien noch vor Miles Davis’ Genre-prägendem Meilenstein "Bitches Brew" (1970).

"Motherhood" als Wendepunkt

"Zwei Platten, die viel Spaß gemacht haben", sind dem kurzlebigen Bandprojekt Motherhood in den Jahren 1969 und 1970 entsprungen. So erinnert sich ein durch und durch bescheiden auftretender, entspannter Klaus Doldinger im Gespräch in einem Hamburger Hotel, das kurz vor dem Beginn des Corona-Lockdowns stattgefunden hat, an diese Phase zurück.

Biografisch wie auch musikalisch markierte Motherhood einen Wendepunkt für Doldinger: In den Jahren davor hatte er mit einem Quartett Modern Jazz gespielt. Danach machte er mit seinem Bandprojekt Passport weiter, mit dem er in wechselnden Besetzungen bis heute auf Tour ist. Mit Motherhood weitete er seinen musikalischen Horizont, wurden Einflüsse aus Pop, Rock, Soul, Funk, Psychedelic und Ethno-Jazz zu selbstverständlichen Bestandteilen seiner Musik.

Der Bandname erinnert an den Prozess einer kreativen Geburt, er lässt aber auch an die damals einflussreiche Begleitband Mothers of Invention von Frank Zappa denken, die damals die Avantgardemusik mit dem Pop zusammenbrachte. Die erste der zwei Motherhood-Alben wurde von Siegfried Loch produziert, dem späteren Gründer der Plattenfirma Act, die zweite erstmalig unter Doldingers eigener Regie. Ein extrem lässiger Sound war das Resultat. So cool und eingängig, dass der US-amerikanische Regisseur Steven Soderbergh eines dieser Stücke, "Soul Town", noch 2007 für den Soundtrack seines Gauner-Kinostreifens "Ocean’s 13" mit Brad Pitt, Matt Damon und George Clooney ausgewählt hat.

Der "tragfähigen Erinnerungen" wegen habe Doldinger sich jetzt einige der alten Kompositionen noch einmal angehört und neu aufgenommen. Spielfreudig, frisch und ziemlich groovy – auf dem neuen Album "Motherhood" ist unter anderem Popsänger Max Mutzke als Gast zu hören. Und Doldingers damaliger Schlagzeuger Udo Lindenberg ist ebenfalls wieder vertreten, mit der Gesangsaufnahme "Devil Don’t Get Me" von damals, um die herum Doldingers Band eine neu arrangierte Begleitung spielt.

Als "nett und bescheiden" schildert Doldinger seinen damaligen Schlagzeuger heute. Gar nicht die lässige Rampensau, als die Udo Lindenberg nur wenige Jahre später mit seinem Panik-Orchester das Publikum erobert hat. "Ich hatte ihn hin und wieder gebeten, auch mal zu singen, denn er hatte damals ja schon alles in den Knochen, was ihn heute auszeichnet, das habe ich ja gesehen. Aber das war meist vergebliche Liebesmühe." Später habe Lindenberg dann aber schon auch gesehen, welche Vorteile es bringt, eine eigene Band zu leiten.

Ebenfalls in der Zeit, in der Udo Lindenberg Schlagzeuger seiner Band war, ist die legendäre "Tatort"-Titelmelodie entstanden, die noch heute unverändert vor jedem Fall der ARD-Krimireihe gesendet wird, samt Fadenkreuz-Logo. Für eine dreistellige Anzahl an Film- und Serienproduktionen hat Doldinger über die Jahre die Musik beigesteuert. Berühmtestes Beispiel neben dem "Tatort" ist wohl seine Melodie aus Wolfgang Petersens U-Boot-Kriegsfilm "Das Boot" (1981) nach dem Roman von Lothar-Günther Buchheim. Aber auch seine Filmmusik zur "Unendlichen Geschichte" nach Michael Ende oder zur Serie "Liebling Kreuzberg" mit Manfred Krug sind weithin bekannt.

Geboren wurde Klaus Doldinger 1936 in Berlin, einige Kindheitsjahre verbrachte er in Wien – sein Vater, ein Ingenieur, war dort Oberpostrat. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges zog die Familie weiter nach Düsseldorf. Eine typische westdeutsche Kriegs- und Nachkriegsjugend: Düsseldorf war damals, unter anderem wegen der einflussreichen Kunstakademie, ein Hotspot des westdeutschen Kulturlebens. Doldinger lernte erst Klavier und stieg dann auf Blasinstrumente – Klarinette und Saxofon – um. In den Jazzclubs und auf den Ausflugsdampfern der Rheinmetropole tat er erste Bühnenschritte. Mit der Band Feetwarmers, die er noch als Schüler mitgründete, spielte er traditionellen Dixieland-Jazz. Zwei Jahre nach der Gründung konnte diese Gruppe eine erste LP aufnehmen.

War das damals so einfach? "Bei mir war vieles freudiger Zufall", sagt Doldinger rückblickend. Eine Frage der Begegnung mit anderen talentierten Musikern, und da habe im Düsseldorf seiner Jugend einfach vieles gepasst. Nach der Schule studierte Doldinger Musikwissenschaften und Tontechnik; später gründete er sein eigenes Quartett und spielte mit diesem zeitgemäßen Modern Jazz. Parallel begann er eine zweite Karriere, gewissermaßen inkognito: Unter dem Pseudonym Paul Nero komponierte er eingängige Tanzmusik, die von Soul und Rock beeinflusst war. Während einer Konzertreise im Auftrag des Goethe-Institutes, die ihn 1964 unter anderem nach Marokko führte, begann er, Weltmusik und Ethno-Jazz aufzusaugen. Damit war ein Keim gesät, der später – mit Motherhood und Passport – aufgehen sollte.

Im Vergleich mit vielen anderen Musikern vollzog Doldinger eine umgekehrte Entwicklung: Mit traditionellem Dixieland- und Swing-Jazz hat er angefangen, ist dann aber schrittweise immer progressiver und experimenteller geworden. Beispiel "Das Boot": Den Eindruck des aus der Tiefe des Meeres auftauchenden U-Bootes erzeugt der Komponist zu den düsteren Filmaufnahmen Wolfgang Petersens kongenial mit einem bedrohlich anschwellenden, aufsteigenden Lauf, den er heute bei Konzerten auf seinem Tenorsaxofon spielt. Für den Soundtrack aber arbeitete er mit flächigen Synthesizern, E-Drum-Beats und dem markanten Echo-Sonar-Pling. Ein futuristischer Sound, für den Doldinger alle Möglichkeiten der frühen 80er-Jahre ausgeschöpft hat.

Doldinger hat immer drei Interessen parallel verfolgt: Er ist Instrumentalist, Komponist – und Bandleader. In seinen Gruppen haben internationale Größen wie die Schlagzeuger Curt Cress und Pete York, Gitarrist Alexis Korner und Keyboarder Brian Auger mitgespielt. Was aber würde er angeben, wenn er nur einen Beruf nennen sollte? "Komponist", sagt Doldinger, ohne lange nachzudenken. "Aber es hat sich erst im Laufe der Jahre herausgebildet." Und zwar befördert durch Auftragskompositionen, zunächst für den NDR, dann zunehmend auch für andere Filmproduktionen. Das musiktheoretische Rüstzeug dafür brachte er jedenfalls mit: "Entscheidend war für mich die Ausbildung als Pianist", die er mit elf oder zwölf Jahren begonnen habe. Auf Umwegen ist er dann zum Saxofon gekommen: "Mich hat Sidney Bechet sehr beeindruckt." Unter dem Eindruck des Saxofonisten und Klarinettisten aus New Orleans hat Doldinger seine Rolle als Solist gefunden.

Seit den 60er-Jahren lebt er mit seiner Frau in Bayern, in einem Dorf zwischen München und dem Starnberger See. Dort hat er auch sein eigenes Aufnahmestudio. Als graue Eminenz der deutschen Jazzmusik ist Doldinger heute auch hinter den Kulissen gefragt. So sitzt er im Aufsichtsrat der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema. Vom Spielen hat ihn das bisher nicht abgehalten.

Klaus Doldinger’s Passport: "Motherhood" (Warner)

Doldinger über ...

Regisseur Wolfgang Petersen: "Ein sehr netter Weggefährte, der auf eine sehr elegante Art und Weise Leute zurechtweisen konnte und damit auch wirklich Erfolg hatte. Mich hat es bei Dreharbeiten immer sehr beeindruckt, wie er mit großer innerer Ruhe das Team im Griff hatte. Er hat sehr ernsthaft an seinen Stoffen gearbeitet und die dann entsprechend zielorientiert umgesetzt."

Schlagzeuger-Legende Curt Cress: "Der war in ganz frühen Jahren schon ein Mitspieler, den ich entdeckt habe. Der ist dann auch nach München gezogen, er kam aus dem Großraum Frankfurt. Curti war immer ein gerne von mir gesehener Weggefährte. Wir haben später auch ein bisschen Krach gehabt, aber das gehört auch dazu. Als Schlagzeuger hat er die Fähigkeit, sich extrem anzupassen. Er kann kräftig zulangen, sich aber auch zurücknehmen."

Komponist Paul Nero: "Das bin ja ich! Es war eine Idee von Siggi Loch, dass ich parallel eine zweite Spur einschlage. Aber ich habe es vermocht, das so zurückhaltend zu gestalten, dass ich damit nicht öffentlich auftreten musste. Für mich war es aber sehr lehrreich und interessant, Unterhaltungsmusik international zu produzieren."

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