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Theater
Das Staatstheater probt den Corona-Neustart

Werkstatt-Auftrag: Anfertigung eines Micky-Maus-Kopfes für einen Theaterfilm mit dem Arbeitstitel "Im Wald"
Werkstatt-Auftrag: Anfertigung eines Micky-Maus-Kopfes für einen Theaterfilm mit dem Arbeitstitel "Im Wald" © Foto: Ron Petraß
Merle Hilbk / 19.05.2020, 16:02 Uhr - Aktualisiert 25.05.2020, 19:01
Cottbus (MOZ) Wie oft wurde dieser Satz in den letzten Wochen wohl einfach so dahin gesagt, eine  Ermutigungsfloskel in entmutigenden Zeiten: "Krisen machen kreativ." Im Staatstheater Cottbus aber haben ihn die Mitarbeiter als Aufforderung genommen, die gesamte Saison neu zu planen. Nachdem sie den ersten Schock über den Corona-Lockdown verdaut hatten, konzipierten sie einen speziellen Spielplan, der sich jeweils der aktuellen Corona-Situation anpassen lässt.

Open-Air-Aufführungen

Das heißt: Sollte es wieder strengere Auflagen geben, müssen Veranstaltungen noch kleiner ausfallen als jetzt angedacht. Sollte die Stadt aber etwas größere Zusammenkünfte gestatten, wird es neben den Kammerkonzerten in Seniorenheimen und Krankenhäusern sogar richtige Theatervorstellungen geben – unter freiem Himmel, auf dem Hof der Alvensleben-Kaserne. Natürlich mit einem entsprechenden Hygienekonzept.

"Uns war es wichtig, dass unsere Aktivitäten eine Struktur bekommen," sagt Intendant Serge Mund. "Der Zuschauer soll nicht eine Notlösung bekommen, sondern etwas wirklich Neues." Nachdem deutlich wurde, dass die vier Sparten des Theaters – Schauspiel, Oper, Philharmonisches Orchester und Ballett – nicht nur einzelne Vorstellungen streichen mussten, sondern das ganze Programm, taten sich Künstler und Spartenleiter mit dem Marketing und Social Media-Fachfrau Annalena Hänsel zusammen und planten eine Saison, in der es zum einen ungewöhnliche Produktionen wie "Der Wald" geben wird. Diesen Titel sollte eigentlich ein Bühnenstück über die Beziehung der Deutschen zum Wald tragen – das nun ein Film wird,  der unter anderem von Corona handelt. Den dreht Kameramann Jan Isaak Voges; das Stück wird von dem jungen Regisseur Gordon Kämmerer entwickelt – und beschäftigte schon jetzt die Werkstätten. Plastikerin Claudia Düsing baute einen riesigen Mickey Mouse Kopf, in dessen Inneren man herumkraxeln kann wie auf einem Klettergerüst.

Schon online sind die Videos, die Tontechniker Ron Petraß gedreht hat, dessen filmisches  Talent in diesen bühnenfreien Zeiten regelrecht aufgeblüht ist. Dass er solches besaß, wurde schon bei den Imagevideos und Trailern klar, die er nebenbei für seinen Arbeitgeber gedreht hat. Jetzt besitzt er eine eigene Filmproduktion, die unter anderem den Imagefilm für die Stadt Cottbus gedreht hat. "Wir haben sein Talent wegen Corona gnadenlos ausgebeutet!", scherzt Annalena Hänsel.

Entstanden sind kleine Kunstwerke wie das Video von Tänzerin Venira Welijan, die ein Solo aus der Ballettproduktion "Juliet Letters – Briefe an Julia" rund um ein hellblaues Sofa tanzt.

Oder das des Bläserquintetts auf dem Dach des Theaters. Das ist so gedreht, dass erst auf den zweiten Blick auffällt, wie weit die Musiker eigentlich voneinander entfernt stehen. Sie tragen T-Shirts, einer eine Sonnenbrille, und vermitteln mit der jazzigen Nummer ein Gefühl von Sommer in der Lausitz. Mal sieht man sie von vorne, von oben. Kleiner und kleiner werden sie inmitten der Stadt, die vor sich hin zu träumen scheint – aufgenommen mit der Drohne des Videomeisters.

Zusätzlich haben sich die Schauspieler, Musiker, Tänzer und Opernsänger Clips zu den ursprünglich geplanten Stücken ausgedacht: Interviews, Improvisationen oder ein Hörspiel, dass die ersten Szenen aus "UTOPIA oder denk ich an Deutschland" des Theaterjugendclubs hörbar macht – und am jeweiligen Spieltag ins Netz gestellt werden. Dieser "Ersatzspielplan" ist auf dem Facebook-Kanal des Theaters zu sehen.

Auf Instagram zeigen Mitarbeiter unter dem Stichwort "Alltagstheater" ihre eigenen, meist selbst mit dem Handy gefilmten Ideen, die nichts mit dem einst Geplanten zu tun haben. Da lesen und inszenieren Schauspieler Texte aus dem Buch "Die Idioten" von Schauspieldirektor Jo Fabian. Bariton Heiko Walter und Andreas Simon am Klavier tragen  sechs Lieder von Beethoven vor und Schauspielerin Lisa Schützenberger ruft in einer Zweiminutenkomödie eine ganz besondere Muse an.

Obwohl das im Durchschnitt ziemlich junge Team des Theaters in der Corona-Quarantäne zu digitaler Höchstform auflief und dabei tatsächlich "Online-Kunst" schuf, stellt Intendant René Serge Mund energisch klar, dass "wir keine Fernsehdarsteller sein wollen, sondern ein Theater."

Infos und Termine unter www.staatstheater-cottbus.de/news/digitaler-spielplan/

Viersparten-Haus geht ins Internet

Das Staatstheater Cottbus ist ein Viersparten-Haus. Und so haben Schauspiel, Orchester, Oper und Ballett gemeinsam einen digitalen Spielplan entwickelt, dessen Inhalt sich auf zwei Kanäle verteilt: Auf Facebook werden professionell gedrehte Beiträge zu den eigentlich geplanten Stücken präsentiert: Interviews, Bühnenbilder und Überraschungsclips. Der Vorhang öffnet sich an den Vorstellungstagen um 19.30 Uhr. Auf Instagram findet das "Alltagstheater" statt: Bühnenmenschen zeigen, wie ihr Leben ohne Bühne aussieht – und lassen ihren Ideen freien Lauf. So entstand zum Beispiel ein Corona-Liebesmonolog, "Idioten"-Lesungen mit Ausblick, ein Tanzsolo mit Sofa. ⇥mh

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